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SO WEIT, SO GUT · KAPITEL 12

Was davon bleibt

So weit so gut – Original-Artwork auf SoundCloud

Die freien Stühle

Auf dem Weg zu Lukas klingelte Chris’ Telefon.

Dani war unten vor seiner Mutter angekommen. Chris hatte ihr am Nachmittag geschrieben, wann er dort sein würde. Dass sie jetzt gemeinsam zu Lukas wollten, hatte er nicht mitgeteilt.

Er sah auf Erika, die neben ihm den Topf mit beiden Händen festhielt. Einen Augenblick lang hatte er eine Erklärung bereit, in der alles spontan passiert war und er deshalb nichts dafür konnte.

„Hab vergessen, dir Bescheid zu sagen“, sagte er.

Dani atmete hörbar aus.

Er nannte die Adresse und bot an, sie abzuholen. Sie sagte, sie fahre selbst. Es klang nicht wie eine Strafe. Es war trotzdem keine Zustimmung, künftig jedes Mal hinter seinen neuen Plänen herzufahren.

„Tut mir leid“, sagte er.

„Bis gleich.“

Er legte auf. Erika sah geradeaus. Sie ließ ihn mit seinem kleinen Fehler in Ruhe.

Vor Lukas’ Haus war kein Parkplatz frei. Chris hielt kurz, trug mit ihr den Topf zum Eingang und setzte sie auf die niedrige Mauer neben der Tür, während er den Wagen wegfuhr. Als er zurückkam, stand Ralf bei ihr. Er hatte die Tasche mit den Tellern schon genommen.

„Wir gehen langsam“, sagte Erika.

Ralf sagte, er auch. Seit Samstag tue ihm etwas weh, das er vorher nicht gekannt habe.

Chris ging hinter ihnen. Der dritte Stock fühlte sich mit einem Topf anders an als mit einem Schrank, blieb aber der dritte Stock. Auf dem zweiten Absatz machten sie Pause. Erika fragte Ralf nach der Arbeit. Er sagte, es sei heute nicht viel gewesen. Dann erzählte er, dass Lukas früher einmal mit einem zusammengebauten Modellflugzeug durch genau so ein Treppenhaus gelaufen sei und auf dem Weg zwei Flügel verloren habe.

„Nur einer“, rief Lukas von oben.

Ralf sah zu Chris. „Er hört wieder nur die Hälfte.“

In der Küche standen vier verschiedene Stühle. Zwei hatte Ralf aus seinem Keller mitgebracht. Ein weiterer stand im Schlafzimmer, weil er noch nicht ins Auto gepasst hatte, als Lukas ihn holte. Dani kam mit einer Tüte Brot. Donni schrieb, er werde später kommen. Er müsse noch etwas erledigen.

Chris hatte zwei anderen Leuten geschrieben, die er seit Monaten nicht gesehen hatte. Einer konnte nicht. Der andere antwortete noch gar nicht. Früher wäre ihm diese Lücke mitten im Abend wie ein Urteil vorgekommen. Jetzt legte er das Telefon weg und holte den fünften Stuhl.

Erika strich mit der Hand über die Tischplatte. Lukas beobachtete sie, als müsse er gleich erklären, warum der Tisch andersherum stand.

„Das Fenster“, begann er.

„Gut so“, sagte sie.

Sie setzte sich auf die Seite, auf der das Thermostat nicht störte, und sah aus dem Fenster. Unten standen zwei Autos so dicht, dass der Fahrer des einen über die Beifahrerseite aussteigen musste.

Ralf stellte den Topf auf ein Holzbrett. Chris suchte einen Schöpflöffel. Es gab keinen. Lukas nahm die größte Tasse, die er besaß. Erika erklärte erst, das gehe nicht, und hielt ihm dann doch den Teller hin.

Dani schob ihren Stuhl ein wenig zur Seite, damit Chris neben ihr Platz bekam. Er fragte, ob sie den Film mit ihm besprechen wolle. Sie sagte später. Er nahm das hin. Früher hätte er in dieser kleinen Verschiebung möglicherweise schon Ablehnung gehört.

Beim Essen fragte Ralf, wer von den alten Leuten noch Musik mache. Chris nannte ein paar Namen. Einige hatte er zuletzt online gesehen, andere nur durch jemanden gehört. Donni war keiner davon. Donni kam tatsächlich noch durch die Tür, wenn er sagte, dass er später komme.

Es klingelte während des zweiten Tellers.

Lukas stand auf. Donni hatte nichts mitgebracht außer einem Ladekabel, das Chris am Sonntag bei ihm vergessen hatte. Er legte es vor ihn, ohne die Sache zu kommentieren.

„Fünfzig Euro Fundgebühr“, sagte er erst, als Chris zugriff.

Erika wollte wissen, ob er schon gegessen habe. Donni schaute in den Topf. Lukas holte den letzten Stuhl aus dem Schlafzimmer.

Der Tisch war voll. Nicht alle waren gekommen. Es war auch nicht mehr dieselbe Runde wie früher. Ralf und Erika kannten einander erst seit ein paar Tagen richtig, Lukas erzählte Geschichten, in denen Chris nicht vorkam, und Dani war auf keinem der alten Fotos.

Chris rückte den Brotkorb zur Mitte, damit Donni drankam.

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