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SO WEIT, SO GUT · KAPITEL 11

Hab ich vergessen

So weit so gut – Original-Artwork auf SoundCloud

Ein Raum, in dem er nicht war

Am Dienstag fuhr Chris früher los, als er musste.

Die Straßen waren voll. An der ersten langen Ampel griff er automatisch nach dem Telefon, um nachzusehen, ob Oliver geantwortet hatte. Dann legte er die Hand wieder aufs Lenkrad. Der Film war noch offen. Damit durfte er sich nicht den ganzen freien Nachmittag erklären.

Er holte die Orangen aus dem Kofferraum, die er am Samstag für Erika gekauft und dann zu Lukas mitgenommen hatte. Sie lagen noch in dessen Kühlschrank. Lukas hatte gelacht, als Chris sie am Vormittag abholte, und gefragt, ob seine Mutter später vorbeikomme. Sie hätten jetzt schließlich einen Tisch.

Chris hatte gesagt, er frage sie.

Das war neu genug, dass es ihm selbst auffiel. Er hatte niemanden eingeladen, ehe er wusste, ob die Einladung erwünscht war.

Unterwegs hielt er an einer Tankstelle. Der Mann vor ihm kaufte einen Kaffee und suchte lange nach Kleingeld. Chris wartete. Aus einem kleinen Lautsprecher hinter der Kasse kam Musik.

Er erkannte seine Stimme erst beim zweiten Satz.

Die Kassiererin stellte eine Kiste mit Süßigkeiten gerade und summte nicht mit. Der Mann vor ihm bemerkte nichts. Chris hörte sich in einem Raum, den er nicht betreten hatte, um etwas vorzuspielen. Niemand wartete auf sein Urteil über den Mix. Niemand fragte, ob das wirklich er sei.

Er hätte etwas sagen können.

Er bezahlte den Sprit und fragte, woher die Playlist sei. Die Kassiererin deutete auf ein Telefon unter dem Tresen. Von ihrer Kollegin. Sie ließ sie immer laufen, wenn es nicht zu voll war.

„Gefällt dir?“, fragte sie.

Chris nickte.

„Ist ganz angenehm. Nicht immer dieses Gebrüll.“

Er lächelte, nahm den Bon und ging. Die automatische Tür öffnete sich mitten in seiner nächsten Zeile.

Draußen blieb er neben dem Wagen stehen. Früher hätte er dafür jemanden angerufen. Nicht, weil eine Tankstelle ein besonderer Ort war. Sondern weil irgendeine unbekannte Frau beschlossen hatte, seine Stimme dort laufen zu lassen, wo sie ihren Dienstag verbrachte.

Er schrieb Dani: Gerade meinen Song beim Tanken gehört.

Dann: Hab mich gefreut.

Er löschte den zweiten Satz nicht.

Erika öffnete ihm mit einer Schürze, obwohl sie gesagt hatte, er müsse kein Essen mitbringen. Ein Topf stand auf der neuen Herdplatte. Sie hatte noch keine richtige Deckenlampe. Auf dem Schrank brannte eine kleine Leuchte, deren Kabel quer über die Wand zum Anschluss lief.

Chris legte die Orangen in ihre Schale. Sie stand neben dem Fenster, nicht dort, wo er sie erwartet hätte. Der Kühlschrank ging zur anderen Seite auf. Er griff deshalb zuerst an die falsche Kante.

„Musst dich umgewöhnen“, sagte Erika.

Er setzte sich auf den Klappstuhl. Sie gab ihm ein Glas und bat ihn, das Brot zu schneiden. Auf dem Balkon stand der kleine Tisch links. In der Ecke darunter warteten noch zwei unausgepackte Kartons.

„Lukas fragt, ob du seinen Tisch sehen willst“, sagte er.

„Der war meiner.“

„Jetzt seiner.“

Sie nickte. „Heute?“

„Wenn du willst.“

„Ich hab gekocht.“

Chris sah auf den Topf. Er wollte bereits sagen, sie könnten das mitnehmen, als Erika selbst den Deckel anhob und prüfte, ob er fest saß.

„Hat er wenigstens Teller?“

Chris musste überlegen.

Sie schüttelte den Kopf, holte eine Tasche und legte vier tiefe Teller hinein. Danach zählte sie noch zwei dazu.

„Ich ruf ihn an“, sagte Chris.

„Mach das. Frag, ob er wirklich will. Eine neue Wohnung heißt nicht, dass man gleich alle drin haben muss.“

Er blieb in der Küche, während er telefonierte. Lukas wollte. Ralf sei auch schon unterwegs, nach der Arbeit. Donni könne kommen, wenn er Zeit habe. Kein Fest, sagte Lukas, nur Essen.

Erika hörte mit einem Ohr zu und suchte einen kleineren Topf, weil der große nicht in ihre Tasche passte. Chris half ihr umfüllen. Auf die Frage, warum er so gut gelaunt sei, erzählte er von der Tankstelle.

„Siehst du“, sagte sie.

Er wusste nicht, was genau sie damit meinte. Er ließ es stehen.

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