Zum Inhalt springen
SO WEIT, SO GUT · KAPITEL 13

Lass es so

So weit so gut – Original-Artwork auf SoundCloud

Der Fleck auf dem Holz

Das Essen war längst kalt, als Ralf die Geschichte mit dem Flugzeug zum dritten Mal anfing.

Er wollte sie nun genau erzählen. Deshalb wurde sie länger. Lukas widersprach ihm bereits bei der Einleitung. Donni fragte, ob das Flugzeug am Ende überhaupt noch geflogen sei. Erika sagte, er solle ihn doch erst erzählen lassen, und lachte als Erste.

Dani saß mit einem Bein unter sich auf dem Stuhl. Das Fenster war halb offen. Unten klappte eine Autotür, und Chris dachte kurz an seinen Parkplatz, bevor er die anderen wieder hörte.

Er kannte die Art, wie solche Abende anfingen. Man aß, jemand musste bald gehen, jemand hatte am nächsten Morgen etwas vor. Dann kam eine Geschichte, die eigentlich nur noch zu Ende erzählt werden sollte. Danach stellte keiner die Frage nach der Uhrzeit erneut.

Erika wollte abräumen. Lukas nahm ihr den ersten Teller aus der Hand.

„Ich mach das.“

„Du weißt nicht, wie viel da noch dran ist.“

„Dann spül ich gründlich.“

Sie ließ ihn. Er trug die Teller zur Spüle und stellte sie dort hin, weil es keine freie Stelle für ein Abtropfgestell gab. Chris stand auf und suchte ein Geschirrtuch. Es lag im Schlafzimmer auf einem Karton, an einer Stelle, auf die Lukas selber nicht gekommen wäre.

Als Chris zurückkam, saß Erika noch immer. Sie sah ihrem Tisch nicht nach. Sie redete mit Dani über den Balkon. Es ging um Pflanzen, die vormittags Sonne vertrugen. Erika hatte bereits drei Namen auf einen Zettel geschrieben. Die meisten davon kannte Chris nicht.

Lukas wischte Wasser von der Platte. Unter seinem Unterarm war der alte dunkle Kreis sichtbar, in dem früher oft Erikas Kaffeetasse gestanden hatte.

„Krieg ich das noch raus?“, fragte er.

Sie sah hin. „Wahrscheinlich nicht.“

„Schleifen vielleicht.“

Chris war schon im Begriff, ihm davon abzuraten. Dieses Mal hielt er sich zurück. Lukas durfte mit dem Tisch machen, was er wollte. Genau das hatte er ihm gegeben, nicht die Aufgabe, den Kreis für ihn aufzubewahren.

„Ich guck erst mal“, sagte Lukas und legte das Tuch daneben.

Das Gespräch ging weiter.

Auf Chris’ Telefon kam eine Nachricht von Oliver. Er lag mit dem Display nach unten neben dem Brotkorb. Chris spürte die kurze Vibration durch das Holz und sah hin. Er wusste, von wem sie sein musste. Der Tag hatte bereits genug Zeit mit dieser möglichen Nachricht verbracht, dass er sie jetzt gern sofort gelesen hätte.

Dani bemerkte seinen Blick, sagte aber nichts.

Chris ließ das Telefon liegen.

Es war kein Gelübde. Er wollte es wahrscheinlich in einer Viertelstunde doch noch nehmen. Aber gerade hatte Ralf endlich die richtige Reihenfolge gefunden, und Lukas verzog das Gesicht schon vor der nächsten Pointe. Chris wollte sehen, ob er es diesmal schaffte, seinen Vater ausreden zu lassen.

Er schaffte es nicht.

Donni lachte mit offenem Mund und musste den Kopf drehen, weil Erika direkt neben ihm saß. Chris nahm sich ein Stück Brot. Es war trocken geworden. Er aß es trotzdem.

Später machte Dani ein Foto.

Keine Aufstellung, keine Aufforderung, in die Kamera zu sehen. Sie hob das Telefon, während Lukas an der Spüle stand und Ralf mit beiden Händen die Größe eines Modellflügels erklärte. Dann legte sie es wieder weg.

Chris sah sie an.

„Was?“, fragte sie.

„Nichts.“

Er hatte gerade das Bedürfnis, den Abend zu beschützen, als könne schon das Foto etwas daran verändern. Aber Dani hatte niemanden unterbrochen. Sie durfte sich später daran erinnern wollen. Er musste aus seinem Verzicht nicht die nächste Vorschrift für alle machen.

„Schick’s mir nachher“, sagte er.

Lukas hatte das Ladekabel vor Chris nicht gesehen und suchte seit zehn Minuten nach einem. Donni schob es ihm hin. Chris erklärte, dass es eigentlich seines sei. Donni behauptete, der Besitz sei wegen der offenen Fundgebühr noch nicht geklärt.

Ralf sah auf die Uhr und sagte, er müsse bald. Er blieb sitzen.

Von der Musik, die Lukas leise angemacht hatte, verstand man nur noch den Rhythmus. Chris fragte nicht, welche Playlist es war. Er brauchte an diesem Tisch keine weitere Stelle, an der seine Stimme vorkam.

In Verbindung bleiben.