Der Schlüssel in der Hand
Um kurz nach zehn stand Chris im Flur mit der Jacke über dem Arm.
Erika wollte gehen. Ihre Füße taten ihr weh. Chris bot an, sie zu fahren, während Ralf erklärte, er müsse ohnehin an ihrer Ecke vorbei und könne sie mitnehmen.
Chris schaute zu seiner Mutter. Sie hatte bereits Ralfs Arm genommen, um über einen Karton neben der Tür zu steigen.
„Mach du deinen Abend“, sagte sie.
Er fand das im ersten Augenblick traurig. Im zweiten fiel ihm auf, dass sie offenbar einen sehr genauen Plan für ihren eigenen hatte: Füße hoch, Radio, keine weiteren Menschen in der neuen Wohnung.
Er küsste sie auf die Wange. Sie roch nach ihrer Handcreme und nach dem Essen, das sie hergebracht hatte. Ihr Schal hing schief. Er richtete ihn, und sie zog ihn selbst sofort wieder ein Stück herunter.
„Zu eng“, sagte sie.
Sie gingen. Ralf hielt die Teller unter dem Arm. Erika hatte darauf bestanden, sie wieder mitzunehmen, weil Lukas eigene brauche. Er hatte widersprochen, sie hatte auf die Teller gezeigt, und nun ging Ralf langsam mit sechs davon die Treppe hinunter.
Chris blieb in der Wohnungstür stehen. Er hatte den Autoschlüssel bereits in der Hand. In der Küche sprach Donni mit Lukas. Dani stand am Fenster und sah einem Taxi zu, das unten jemand anderen abholte.
„Willst du los?“, fragte sie.
Er sah zurück zur Treppe, dann in die Küche.
„Noch nicht.“
Sie nickte. „Ich bleib auch noch ein bisschen.“
Er legte die Jacke wieder über den Stuhl.
Der Abend änderte sich, sobald Erika und Ralf weg waren. Er wurde nicht schlechter, nur anders. Lukas holte zwei Flaschen aus dem Kühlschrank. Donni trank Wasser, weil er noch fahren musste. Dani setzte sich auf die Arbeitsplatte, bis Lukas sagte, sie solle aufpassen, die sei noch nicht richtig befestigt.
Chris nahm jetzt das Telefon.
Oliver schrieb, Donnerstag gehe. Anderer Kameramann, zehn Uhr, reduzierter Aufbau. Ein Song. Das gemeinsame Budget reiche für eine Aufnahme und einen einfachen Schnitt. Weitere Varianten müssten sie später gesondert besprechen.
Darunter: Jule fand die Idee übrigens gut. Nur eben einen anderen Film.
Chris las die Nachricht und zeigte sie Dani. Sie nahm das Telefon nicht, beugte sich nur ein Stück zu ihm.
„Klingt klarer“, sagte sie.
„Ja.“
„Was willst du spielen?“
Er nannte den Titelsong. Sie nickte. Er hätte gern länger darüber gesprochen. Sie wandte sich wieder Lukas zu, der gerade wissen wollte, ob man eine Wohnung nach nur drei Tagen schon für unpraktisch halten dürfe.
Chris schrieb Oliver eine Bestätigung, speicherte den Termin und legte das Telefon weg. Zehn Uhr hieß zehn Uhr. Es war möglich, dass er am Donnerstag enttäuscht sein würde. Darüber wollte er nicht den Rest dieses Abends verhandeln.
Donni musste kurz vor elf tatsächlich gehen. Chris stand auf und begleitete ihn zur Tür.
„Meld dich, wenn die Aufnahme da ist“, sagte Donni.
„Mach ich.“
Donni sah ihn an.
„Auch vorher mal.“
Chris grinste. „Mach ich auch.“
Die Tür ging zu. Einen Moment lang blieb er davor stehen, die Hand am Griff. Früher hatte ihn das Ende eines guten Abends manchmal persönlich beleidigt. Ein weiterer Mensch auf der Treppe fühlte sich dann an wie etwas, das sich nicht mehr herstellen ließ.
In der Küche lachte Dani. Lukas hatte den Schrank ins Schlafzimmer gerückt und dabei bemerkt, dass eine Tür nun an die Fensterbank stieß. Es gab schon das nächste Problem. Donni fehlte nicht auf eine Weise, die der Abend sofort reparieren musste.
Chris ging zurück.
Sie sahen sich den Schrank an und beschlossen, dass er bis morgen so bleiben durfte. Dann setzten sie sich erneut an den Tisch. Lukas fragte, ob Chris die alten Fotos dabei habe. Er hatte sie im Auto. Er holte sie nicht.
„Beim nächsten Mal“, sagte er.
Es war derselbe Satz, mit dem man Dinge jahrelang verschieben konnte. Diesmal nahm Chris den Kalender heraus.
„Sonntag? Nachmittags?“
Lukas überlegte. Dani auch. Sie fanden eine Uhrzeit.
Als Chris später wirklich nach Hause fuhr, war es nicht besonders spät. Die Straße war frei. Dani lehnte den Kopf an die Scheibe. An einer Ampel wollte er etwas sagen, ließ es aber, weil sie die Augen geschlossen hatte.
Der Autoschlüssel lag zu Hause auf dem Platz neben der Tür. Das hatte keinen feierlichen Grund. Er wollte ihn am Donnerstag wiederfinden.
