Bis hier
Am Donnerstag war das Licht zu hell.
Chris stand vor einer grauen Wand, und der Kameramann schob einen Ständer zehn Zentimeter nach links. Oliver sah auf einen kleinen Monitor. Der Raum roch nach warmen Geräten und dem Kaffee, den sie vor dem Aufbau gekauft hatten.
Keine alte Küche. Kein Poster. Keine Stimme seiner Mutter, die in einem Satz erklären musste, warum aus dem Jungen auf dem Foto dieser Mann geworden war.
Auf einer Kiste lag Chris’ Telefon. Der erste Termin begann nicht mit einer Geschichte, sondern mit der Frage, ob der Ton schon lief.
Sie probierten den Song.
Beim ersten Mal kam er zu früh rein. Beim zweiten blieb sein Ärmel an einer Kante hängen. Der dritte Durchlauf war gut, bis er an einer Stelle zu stark auf die Kamera reagierte. Er wusste es, bevor Oliver stoppte.
„Noch einer“, sagte Chris.
Der Kameramann hob einen Finger. Akku.
Sie machten Pause. Chris setzte sich auf die Kiste, die das Telefon trug. Ein Kabel drückte gegen seinen Oberschenkel. Er rückte ein Stück zur Seite.
Oliver fragte, ob er vielleicht ein altes Foto in der Hand halten wolle. Nicht als Konzept, nur als ein zusätzliches Bild.
„Hab keins dabei“, sagte Chris.
Das stimmte. Die Fotos lagen zu Hause im Regal. Er hatte sie beim Aufräumen dort hingestellt, damit sie weder in der Tasche verschwanden noch unter dem nächsten Arbeitsblatt.
Oliver nickte und wandte sich zum Monitor. Die Sache brauchte keine weitere Debatte. Chris musste nicht prüfen, ob das Nicken volle Zustimmung bedeutete.
Beim nächsten Durchlauf gelang der Anfang. Später verschluckte er einen kleinen Teil des Satzes, fing sich aber, ohne aus dem Rhythmus zu fallen. Die Kamera lief bis zum Ende.
Sie sahen die Aufnahme an.
Chris entdeckte zuerst die Stelle mit dem verschluckten Wort. Danach seinen Ärmel. Danach eine Bewegung, die ihm im Kopf größer vorgekommen war als auf dem Bildschirm. Er wollte einen weiteren Take.
Der Kameramann sagte, sie könnten noch einen machen. Dann müsse das Licht weg, der Raum sei danach vermietet.
Chris nickte. Sie machten einen letzten.
Er war sauberer. Er war nicht an allen Stellen besser.
Beim Einpacken entschieden sie, beide Aufnahmen zu behalten. Der Schnitt würde nächste Woche kommen. Chris unterschrieb keinen Erfolg, nur eine Rechnung, deren Betrag er vorher kannte.
Oliver trug einen Ständer zur Tür und sagte, der Song bleibe hängen. Chris bedankte sich. Er fragte nicht, welche Stelle. Er durfte den Satz diesmal einfach nehmen.
Zu Hause klemmte die Schublade an seinem Schreibtisch.
Er zog daran, während der Computer hochfuhr, und bekam sie mit einem Ruck auf. Zwischen Ladekabeln lag der Einkaufszettel aus Erikas alter Küche. Milch, Butter, Kaffee, Batterien. Er drehte ihn um.
Chris anrufen.
Er konnte ihn aufheben, ohne sich weiter auszudenken, für welchen Tag er geschrieben worden war. Er legte ihn in den Umschlag zu den Fotos.
Dani schickte das Bild von Dienstag. Lukas stand an der Spüle. Ralf erklärte mit beiden Händen etwas, das ohne seine Stimme nicht verständlich war. Erika hatte den Kopf ein wenig zurückgelegt, Donni sah zu ihr, und Chris selbst war halb von der Schulter eines anderen verdeckt.
Es war kein gutes Werbebild.
Er speicherte es.
Unter der Nachricht stand eine zweite: Für heute Abend Brot mitbringen.
Er schrieb: Mach ich.
Dann stellte er eine Erinnerung, weil ein Versprechen nicht dadurch zuverlässiger wurde, dass er inzwischen eine Geschichte darüber verstand.
Lukas meldete sich ebenfalls. Er habe den Tisch vorläufig so gelassen. Mit Schleifen müsse er warten, bis er wisse, wo man das machen könne. Sonntag gehe immer noch. Erika habe schon gefragt, ob sie vorbeikommen könne.
Chris sah auf seinen Kalender. Der Nachmittag war frei. Er trug keine zusätzliche Aufgabe daneben ein.
Im Regal lehnte das Foto des Jungen mit der Kette gegen ein Buch. Die Kleidung sah noch immer schrecklich aus. Der Blick nicht. Chris wusste, wo er ihn wiederfand: kurz bevor er zusagte, kurz bevor er sich entschied, manchmal auch dann, wenn er erst merkte, dass er sich geirrt hatte.
Er hatte nicht alles bekommen, was dieser Junge gewollt hatte. Er hatte Dinge bekommen, die auf keinem seiner damaligen Zettel gestanden hatten. Manche Freundschaften waren kleiner geworden, einige endgültig vorbei. Andere Menschen waren hinzugekommen. Seine Mutter wohnte nun mit einem Aufzug und einem Tisch auf dem Balkon, den er nicht ausgesucht hatte.
Der neue Film war noch nicht fertig.
Eine Rechnung wartete. Der Rechner verlangte ein Update. Aus dem Kopfhörer klang ein Atemzug, den er womöglich noch verschieben würde. Es gab genug, das er besser machen konnte.
Chris öffnete die Aufnahme vom Vormittag. Er hörte bis zum Ende, bevor er eine Markierung setzte.
Dann schrieb er Donni, dass der Dreh gut gewesen sei. Nicht perfekt. Gut.
Erika rief er an, während er die Schuhe anzog. Sie erzählte, dass der Mann für die Lampe da gewesen sei und sie jetzt in der Küche richtig sehen könne. Der Balkontisch stehe noch links. Sie habe sich eine Pflanze gekauft, deren Namen sie nicht aussprechen könne.
„Geht’s dir gut?“, fragte sie.
Chris zog die Tür hinter sich zu und prüfte kurz, ob er den Schlüssel hatte.
„Ja“, sagte er. „So weit schon.“
Er ging Brot kaufen.
