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SO WEIT, SO GUT · KAPITEL 10

Bisschen spät

So weit so gut – Original-Artwork auf SoundCloud

Als es noch nicht fertig war

Oliver antwortete am Montagmittag.

Er hatte mit Jule gesprochen. Donnerstag konnte sie nicht. Ohne die alte Wohnung fehle dem Film außerdem der Ort. Er müsse überlegen, ob das Konzept dann noch trage.

Chris las die Nachricht am Schreibtisch und spürte eine Enttäuschung, die er gern für Erleichterung ausgegeben hätte. Es war angenehm, eine klare Entscheidung getroffen zu haben. Es war weniger angenehm, dass die Entscheidung etwas kosten konnte.

Er schrieb: Versteh ich. Gib Bescheid.

Dann öffnete er den Track, an dem er gerade arbeitete. Nach zehn Minuten hatte er nur einen Atemzug verschoben.

Oliver rief am Nachmittag an.

„Du machst dir das manchmal schwer“, sagte er.

Chris stand auf und ging zum Fenster. „Vielleicht.“

Oliver kannte ihn von früher, aus einem anderen Zusammenhang. Damals hatte er ihm geraten, sich auf eine Sache zu beschränken. Nicht ständig Musik, Texte, Bilder, neue Ideen. Etwas Vernünftiges aufbauen. Er hatte das wahrscheinlich gut gemeint. Chris hatte es ihm übel genommen und den Rat trotzdem wie eine Prüfung behandelt, die er erst noch bestehen musste.

Jetzt sprach Oliver über seine Veröffentlichungen, über die Konsequenz darin. Er sagte, das mit dem eigenen Label sei schon stark. Er würde gern verstehen, wie Chris das alles organisiert habe.

Chris hörte zu. Er hatte sich diesen Satz irgendwann gewünscht. So ungefähr jedenfalls. Von einigen Leuten hätte er ihn lieber gehört als von anderen. Nun kam er mitten in einer Diskussion über einen abgesagten Drehtag.

„Du hattest damals eine andere Meinung“, sagte er.

Oliver lachte kurz. „Da gab’s das ja alles noch nicht.“

Chris sah sein eigenes Spiegelbild in der Scheibe. Genau. Da hatte es noch niemand sehen können. Nur er, und selbst er oft undeutlich genug.

„Du musst nicht plötzlich alles gut finden“, sagte er.

„Tu ich auch nicht.“

Sie lachten beide. Es war das erste brauchbare Lachen in dem Gespräch.

Oliver sagte, vielleicht könne er mit einem anderen Kameramann arbeiten. Der sei Donnerstag frei, aber nicht im gleichen Budget. Man müsse die Kosten teilen. Chris fragte nach der Zahl. Sie war nicht absurd und nicht nebensächlich.

Er ließ sie sich nennen, fragte, was darin enthalten sei, und sagte, er müsse darüber nachdenken.

Diesmal meinte er es so.

Nach dem Gespräch setzte er sich hin und rechnete. Honorar, Raum, Licht, Schnitt. Das war etwas anderes, als an der Supermarktkasse jeden kleinen Wunsch gegen die restlichen Tage des Monats zu halten. Trotzdem war es Geld, das fehlen würde, wenn der Film nicht das brachte, was Oliver darin sah.

Chris schrieb auf ein Blatt, was er selbst von dem Film wollte. Eine Aufnahme, in der die Musik Platz hatte. Ein Bild von ihm heute. Kein nachträglich geordnetes Leben, in dem jede schwierige Stelle nur auf die nächste Veröffentlichung zugelaufen war.

Er strich den letzten Satz wieder durch. Zu groß für eine Aufgabe an einem Kameramann.

Darunter schrieb er: Ein Song. Ein Raum. Keine alten Fotos. Keine Familie vor der Kamera.

Die Fotos konnte er später anders verwenden. Vielleicht überhaupt nicht. Sie waren nicht schlechter geworden, weil sie keinen unmittelbaren Nutzen hatten.

Er schickte Oliver die vier Zeilen und die Summe, die er übernehmen konnte.

Oliver antwortete, das sei kleiner als gedacht.

Chris schrieb: Ja.

Er wartete. Die Antwortblase erschien, verschwand und erschien wieder.

Dann: Ich frag ihn.

Chris legte das Telefon neben die Tastatur. Er hatte keine Einigung, die man feiern konnte. Nur einen Vorschlag, an dessen Kosten er beteiligt war und dessen Grenzen er verstanden hatte. Das genügte, um wieder an der Musik zu arbeiten.

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