Die vertraute Bassfigur
Ben umarmte ihn mit einer Hand im Rücken. Die andere hielt eine Flasche Wasser. Chris spürte die Knochen unter dem dünnen Stoff, und für einen Moment kam es ihm vor, als hätten sie sich viel länger nicht gesehen.
„Alles gut?“, fragte Chris.
Ben nickte.
Es war eine Frage, mit der sich viel anfangen ließ, solange man nicht auf eine genaue Antwort bestand.
Der Bass fiel eine Lage tiefer. Chris fühlte ihn unter den Rippen. Ben stellte die Flasche auf eine Kiste, und beide drehten sich zur Musik. Sie hatten früher stundenlang so gestanden: nebeneinander, wenig reden, dieselbe Stelle im Track auf unterschiedliche Weise erwarten.
Bei Ben kam der tiefe Einsatz in der Schulter an. Bei Chris in den Knien.
Der Track führte die Figur zurück nach oben, ließ sie einen Augenblick in der Luft und setzte sie wieder unten ab. Ben schloss die Augen. Chris sah auf seine Hände. An der rechten fehlte der schmale Ring, den er jahrelang getragen hatte.
Chris hatte von der Trennung gewusst. Eine Nachricht, knapp genug, um keine Antwort zu erzwingen. Er hatte Ruf an, wenn du reden willst geschrieben und anschließend angenommen, damit seinen Anteil erledigt zu haben.
Ben hatte nicht angerufen.
Beim nächsten tiefen Einsatz sah er Chris an und grinste kurz. Chris grinste zurück. Es funktionierte noch. Genau das machte es leicht, andere Dinge liegen zu lassen.
Nach dem Track beugte Chris sich zu seinem Ohr.
„Die Platte hab ich vergessen.“
„Schon gehört.“
Chris warf einen Blick zu Mara. Ben schüttelte den Kopf.
„Dein Gesicht.“
„Ich bring sie vorbei.“
„Ich bin Montag weg.“
„Vorher.“
Ben nahm die Flasche von der Kiste. „Morgen pack ich.“
Chris nickte, als wäre das eine praktische Information. Hinter Ben schwankte das Licht über eine Wand, auf der früher ein großes Foto gehangen hatte. Jetzt waren dort vier Schraublöcher und ein sauberer rechteckiger Fleck.
Bilder von früher
Bevor Chris die Frage stellte, kam Tarek zu ihnen. Er drückte Ben kurz an sich und hob dann seinen Becher vor Chris’ Gesicht.
„Du lebst.“
„Knapp.“
Tarek lachte. „Ben hat gesagt, du kommst mit Gepäck.“
Chris machte eine kleine Bewegung mit der leeren Hand. Tarek verstand sofort und wandte den Blick zu Ben. Das geschah so schnell, dass Chris sich fragte, ob es bereits eine Unterhaltung gegeben hatte, für die er selbst nur noch das ausstehende Beispiel lieferte.
Ben zeigte auf Tareks Becher. „Was ist drin?“
„Etwas, das mal Cola war.“
„Hol Wasser.“
„Mach ich gleich.“
Tarek ging nicht. Er stellte sich zu ihnen, bewegte den Kopf zur Musik und zog sein Telefon heraus. Auf der Hülle klebte ein halb gelöster Aufkleber aus diesem Club. Chris hatte denselben irgendwann besessen. Er wusste nicht mehr, auf welchem Gegenstand er ihn befestigt hatte.
„Ich hab alte Bilder gefunden“, sagte Tarek.
Er zeigte ihnen eines. Chris und Ben in einem viel helleren Raum, beide jünger, beide mit offenen Mündern. Der Bildrand war voller Kabel. Chris hielt ein Mikrofon, Ben zeigte auf jemanden außerhalb des Fotos.
„Das war oben in der Werkstatt“, sagte Chris.
Ben schüttelte den Kopf. „Hinterzimmer vom Jugendhaus.“
Chris betrachtete das Bild genauer. Er erkannte den Heizkörper. Ben hatte recht.
„Danach mussten wir den letzten Bus nehmen“, sagte er.
„Den hatten wir verpasst.“
„Stimmt.“
Ben lächelte kurz. „Du hast bei mir geschlafen. Auf der Matratze im Flur.“
Chris erinnerte sich jetzt. Der Flur war so schmal gewesen, dass Bens Mutter am Morgen über ihn steigen musste. Sie hatte ihm mit dem Fuß leicht gegen die Schulter getippt und gefragt, ob er Kaffee wolle. Er hatte gern gesagt, bevor er wusste, wo er war.
„Deine Mutter war entspannt.“
„Die hat danach gefragt, ob du kein Zuhause hast.“
Tarek lachte so laut, dass die Frau neben ihnen sich umdrehte.
Chris lachte mit. Ben blieb bei seinem kleinen Lächeln. Auf dem Display stand hinter ihnen ein Plakat, von dem Chris nur das Datum entziffern konnte. Er musste rechnen, um zu begreifen, wie lange es her war.
Tarek wischte weiter. Ein Bahnsteig. Ein aufgeplatzter Müllbeutel voller leerer Dosen. Mara auf der Couch mit dem Loch. Ein verwackeltes Foto von Chris’ Arm, offenbar versehentlich aufgenommen.
„Schickst du die?“, fragte Ben.
„Mach ich.“
„Alle, bitte. Nicht nur die guten.“
Tarek nickte und steckte das Telefon weg.
Chris beobachtete Ben. Der hatte sich wieder zur Musik gedreht, aber etwas an seinem Gesicht war schwerer geworden. Vielleicht hatte ihn das Bild an seine Mutter erinnert. Vielleicht an die damalige Wohnung. Chris kannte genug Möglichkeiten, um jede konkrete Frage durch eine Vermutung ersetzen zu können.
Die Bassfigur kehrte zurück. Ben nahm sie auf. Tarek schaute schon wieder nach jemand anderem.
Es gab eine Zeit, in der Chris bei Ben klingeln konnte, ohne vorher zu schreiben. Die Wohnungstür war manchmal offen, weil der Summer nicht funktionierte. Wenn Chris kam, setzte Ben Wasser auf oder schob ihm wortlos einen Teller hin. Später hatten sie sich dafür entschuldigt, unangekündigt aufzutauchen. Noch später tauchten sie nicht mehr auf.
Chris fragte sich, wann die einzelnen Übergänge stattgefunden hatten. Es gab kein Foto davon. Keinen Abend, den man markieren konnte.
Er nahm sich vor, Ben später zu fragen, ob er die neue Adresse schon hatte. Das klang nach einem sicheren Einstieg. Es wäre eine Frage gewesen, deren Antwort längst im Telefon stand.
„Wohin genau?“, fragte Chris.
Ben trank einen Schluck, schraubte den Deckel auf und ließ sich Zeit damit.
„Das hab ich dir geschickt.“
Chris erinnerte sich an einen langen Nachrichtenblock, den er zwischen zwei anderen Dingen geöffnet hatte. Eine Stadt, eine Adresse, ein Foto von einem Zimmer. Er hatte auf das Foto reagiert.
„Ja“, sagte er. „Klar.“
Ben stellte die Flasche wieder ab.
Die Musik begann neu. Chris hätte jetzt fragen können. Er wusste sogar, wie wenig dazu nötig gewesen wäre. Stattdessen tanzten sie weiter, und beim nächsten Bassfall sah Ben zur anderen Seite.
