Die fehlende Drei
Tarek bestand auf einem Foto.
Er nahm sein Telefon heraus, sah auf das Display, wischte die Linse am Hemd sauber und winkte alle zusammen. Es war kein besonderer Anlass mehr nötig. Die letzten Nächte hatten genug davon.
Mara kam mit einem Becher Wasser zurück. Malik stand inzwischen bei ihnen, und die Frau mit dem noch immer fehlenden Namen legte einen Arm auf Chris’ Schulter.
Chris rückte nach vorn. Ben stand halb hinter ihm.
„Eins“, sagte Tarek.
Chris hob den Becher, den Mara ihm in die Hand gedrückt hatte.
„Zwei.“
Er zog die Mundwinkel hoch.
Tarek senkte das Telefon. Mara ging bereits wieder zur Musik. Die Frau ließ Chris’ Schulter los. Ben bückte sich nach seiner Wasserflasche.
Chris hielt weiter.
Er erwartete die Drei. So deutlich, dass er sie beinahe schon hörte. Zwischen seinen Zähnen und dem geöffneten Mund blieb das Lächeln gespannt. Er wusste, dass die anderen auseinandergegangen waren. Sein Körper wollte die Aufnahme trotzdem erst beenden, wenn der Satz vollständig war.
Das fertige Foto
Tarek hielt ihm das Bild hin.
Chris sah sich grinsen. Becher oben, Schulter angehoben. Hinter ihm Ben mit einem Ausdruck, der auf dem kleinen Display unentschieden wirkte. Vielleicht war es nur der Moment zwischen zwei Bewegungen.
„Gut?“, fragte Tarek.
Chris nickte. Sein Becher blieb oben.
Der Augenblick auf dem Display hatte Chris irritiert. Ben war auf dem Foto nicht unglücklich. Er war einfach nicht bei der Kamera gewesen. Sein Blick ging über die Gruppe hinweg zu etwas, das sich rechts außerhalb des Bildes befand.
Chris wollte das Bild vergrößern, aber Tarek hielt es schon wieder anders.
„Schick's direkt“, sagte er.
„Mach ich nachher gesammelt.“
Tarek bekam eine Nachricht, sah darauf und grinste. Eine zweite Gruppe hatte ebenfalls fotografiert. Er drehte das Telefon, zeigte den anderen Bildschirm jemandem neben sich und verschwand in einer Unterhaltung.
Chris hörte die erwartete Drei noch immer nicht. Das angehaltene Lächeln machte die Wangen heiß. Er konnte einen Beweis ansehen und seinen Körper dennoch nicht davon überzeugen, dass der Vorgang vorbei war.
Mara blieb vor ihm stehen.
„Was machst du?“
Chris senkte den Becher ein Stück. „Warten.“
Sie sah zu Tarek. „Auf was?“
Er schüttelte den Kopf. Sie lächelte und zog ihm mit zwei Fingern den Ärmel aus der Nähe des Bechers. Wasser war darübergelaufen, ohne dass er es gemerkt hatte.
„Du siehst aus wie dein eigenes Pressefoto“, sagte sie.
Chris brachte ein kurzes Geräusch heraus, das als Lachen gelten konnte.
Mara schaute ihn genauer an. „Alles gut?“
Er nickte. Es war die zweite solche Frage an diesem Abend. Er hatte Ben dieselbe gestellt. Keine der Antworten hatte etwas erklärt.
„Ben fragt nachher wieder wegen der Adresse“, sagte Chris.
„Welche Adresse?“
„Die neue.“
„Wieder?“
Chris ärgerte sich über seine Wortwahl. „Also. Ich frag ihn.“
Mara sah zur Fläche. „Er hat sie in die Gruppe gestellt.“
„Hab ich gesehen.“
Sie sagte nichts.
„Du musst mich nicht so angucken.“
Jetzt sah sie ihn an. Ihr Gesicht wurde ganz ruhig.
„Wie denn?“
Chris hörte, wie schnell er aus einem versäumten Blick auf sein Telefon einen Streit machen konnte, in dem plötzlich die anderen den falschen Ton hatten.
„Schon gut“, sagte er.
Mara ließ seinen Ärmel los. „Ich guck dich ganz normal an, Chris.“
Sie ging zurück zur Musik.
Er blieb mit dem Becher stehen. Rechts von ihm setzte jemand zu einem Schritt an und brach ihn ab, weil Chris im Weg war. Der Mann nahm eine andere Richtung. Chris bemerkte es verspätet.
Er wusste, dass Mara ihn nicht vorgeführt hatte. Sie hatte eine praktische Information gegeben. Er hatte in ihren Blick etwas hineingelesen, das dort nicht unbedingt gewesen war. Es hätte genügt, Danke zu sagen.
Stattdessen stand er noch immer in der abgeschlossenen Fotopose und fühlte sich von Menschen beobachtet, die längst mit anderen Dingen beschäftigt waren.
Ein alter Gedanke kam ihm: Wenn er den Abend jetzt schön genug machte, würde sich das Schwierige vielleicht wieder darin verlieren. Er kannte diese Methode. Meistens funktionierte sie bis zur nächsten stillen Stunde.
Tarek steckte das Telefon weg.
Jetzt wurde es unangenehm. Chris merkte, wie absurd er dastand, und brachte die Bewegung trotzdem nicht zu Ende. Als müsste jemand offiziell erklären, dass er sich wieder verändern durfte.
Er stellte den Becher auf die Kiste neben Bens Flasche. Schließ den Mund, dachte er. Und tat es.
Die Drei kam nicht.
Er ging zurück auf die Fläche.
Mara tanzte mit einem Mann, der seinen Mantel über dem Arm trug und offenbar seit einer halben Stunde aufbrechen wollte. Chris ließ sich zwischen zwei Körpern hindurch treiben. Erst nach einer Weile löste sich die Spannung aus seinem Gesicht.
Als er sich umdrehte, waren Ben und Tarek verschwunden. Malik stand noch an der Wand. Er zeigte mit dem Daumen Richtung Theke.
Chris hob die Hand zum Dank.
Das Foto kam in die Gruppe. Unter dem Bild schrieb Tarek: Alle noch da.
Chris sah die Nachricht erst später.
