Eine offene Tür
Die Tür zum Hauptraum stand offen. Trotzdem kam Chris nicht hinein.
Ein Mann mit einem dunklen Hemd trat gleichzeitig auf ihn zu. Chris wich nach rechts aus. Der Mann auch. Chris ging nach links. Der Mann ging mit. Sie lächelten die kleine Entschuldigung, die Menschen verwenden, wenn noch nichts passiert ist und bereits beide dafür Verantwortung übernehmen.
Chris machte eine einladende Bewegung.
„Du zuerst.“
Der Mann hob die Hand.
„Nee, du.“
Hinter ihnen ging jemand durch die verbliebene Lücke. Dann noch jemand. Chris und der andere standen weiter vor der offenen Tür und verwalteten ihren gegenseitigen Vorrang.
„Du willst da rein?“, fragte Chris schließlich.
Der Mann nickte.
Chris zeigte auf den Raum. „Ich auch.“
Sie drehten sich nebeneinander durch den Durchgang. Ihre Schultern berührten sich. Zwei Schritte lang setzten sie dieselben Füße, dann bekam der Mann den seitlichen Zug des Beats zu fassen, und Chris folgte ihm, bevor er bemerkte, dass er längst auf der Tanzfläche stand.
Der Mann hieß Malik. Chris wusste das erst später. In den ersten Minuten bestand er aus einem ruhigen Gesicht, einer kleinen Narbe am Kinn und der Fähigkeit, Platz zu schaffen, ohne andere Menschen wegzudrücken.
Sie tanzten nebeneinander. Malik hob kurz die Augenbrauen, als wolle er fragen, ob das jetzt als geklärt gelten könne. Chris nickte.
Malik deutete auf einen freien Streifen neben dem Pfeiler. Dort ließen sich die seitlichen Schritte machen, ohne ständig an jemanden zu geraten. Chris folgte ihm. Es war angenehm, dass dieser Fremde nichts über seine Verspätung wusste und keine offene Rechnung mit ihm hatte.
Eine Frau kam durch die Fläche und suchte Malik mit dem Blick. Als sie ihn fand, stellte sie sich neben ihn, beugte sich an sein Ohr und zeigte auf ihr Telefon. Malik schüttelte langsam den Kopf. Sie tippte etwas und hielt ihm das Display erneut hin. Diesmal nickte er, aber es sah nach einer Vereinbarung aus, die ihm nicht recht war.
Chris wandte sich etwas ab. Malik berührte seinen Arm.
„Meine Schwester“, sagte er. „Ich muss nachher noch jemanden ablösen.“
Chris nickte. Malik verstaute das Telefon, die Frau ging weiter.
„Du bist oft hier?“, fragte Malik.
„Früher.“
„Ich auch früher. Anderes Früher wahrscheinlich.“
Chris lächelte. Malik zeigte auf den Pfeiler.
„Da stand mal eine Couch. Mit einem riesigen Loch unter dem linken Kissen.“
„Du hast draufgesessen?“
„Ich bin reingefallen.“
Chris erinnerte sich an die Couch. Ein Abend, an dem Ben mit einer Schnur das Kissen an einer Latte befestigt hatte, damit niemand mehr auf die Idee kam, die Stelle zu benutzen. Bis zum Ende der Nacht hatte jemand die Schnur gelöst. Danach stand ein handgeschriebener Zettel auf dem Sitz: Nur für Leichte.
Malik hatte den Zettel nicht gesehen. Er war früher da gewesen.
Sie lachten. Für einen Augenblick erschien es Chris möglich, dass die ganze Nacht so bleiben könnte: kleine Geschichten, an denen niemand etwas ändern musste, und Musik, die alles dazwischen trug.
Dann sah er die Schwester an der Tür stehen. Sie zog ihre Jacke zu, wartete und sah noch einmal zurück. Malik beobachtete sie. Erst als sie verschwunden war, begann er wieder zu tanzen.
Chris hätte nachfragen können, wen er ablösen musste. Er ließ es. Man konnte nicht von jedem Fremden die Geschichte verlangen, nur weil man gerade dieselbe Tür benutzt hatte.
Malik nahm das Telefon noch einmal heraus, schrieb mit beiden Daumen und legte es anschließend mit dem Display nach innen in die Tasche. Seine Bewegungen blieben klein. Er tanzte nicht wie jemand, der sich erst eine Stimmung herstellen musste. Chris mochte das.
An der Wand leuchtete ein grüner Pfeil. Darunter hatte jemand mit schwarzem Klebeband eine zweite, kleinere Richtung markiert. Chris wusste nicht, wohin sie führte. Als er hinübersah, stellte Malik sich kurz vor ihn, um einen Menschen mit zwei vollen Gläsern passieren zu lassen. Chris machte denselben Schritt.
Sie gerieten erneut fast Schulter an Schulter.
„Wir lernen langsam“, sagte Malik.
Chris lachte. Die Begegnung an der Tür war nun etwas, das ihnen gehörte. Eine kleine gemeinsame Sache, kaum zehn Minuten alt. Er wusste, wie schnell aus solchen Dingen Vertrautheit entstehen konnte. Und wie mühelos er diese Vertrautheit gelegentlich mit Verlässlichkeit verwechselte.
Die Musik wechselte. Malik hob den Kopf, als hätte er etwas wiedererkannt. Chris folgte seinem Blick zum Pult. Dahinter stand ein DJ, den er nicht kannte.
Früher hatte er gewusst, wer wann spielte. Heute hatte er nicht einmal auf das Line-up geschaut. In seiner Vorstellung war der Club dieselbe Veranstaltung geblieben, während die Menschen darin offenbar ihre Plätze gewechselt hatten.
Die alten Gesichter
Am Rand der Fläche entdeckte er Mara. Sie hielt zwei leere Gläser am Hals und wartete darauf, dass ein Paar seinen ausgedehnten Abschied beendete. Chris hob die Hand. Mara hob beide Gläser.
Sie hatten sich seit Monaten nur zwischen Dingen gesehen. Zwischen zwei Terminen, zwischen Ankunft und Abfahrt, zwischen einer Nachricht und der verspäteten Antwort darauf. Früher hatte es genügt, hierherzukommen. Irgendjemand war da gewesen, und der Rest hatte sich ergeben. In letzter Zeit war aus dem Ergeben ein Organisieren geworden.
Als Chris sie erreichte, stellte sie die Gläser auf einen Tisch.
„Hast du sie dabei?“
„Was?“
Mara sah ihn an.
„Die Platte.“
„Scheiße.“
Sie nickte, ohne Überraschung. Das ärgerte ihn stärker, als ein Vorwurf es getan hätte.
„Ben hat noch Platz im Rucksack“, sagte sie. „Deswegen hatte er gefragt.“
Chris sah über ihre Schulter. „Ist er schon da?“
„Ja. Seit halb eins.“
An der hinteren Wand hob sich ein Arm. Ben stand unter einem Lüftungsrohr, neben ihm Tarek und eine Frau, deren Gesicht Chris kannte, deren Namen er aber nicht rechtzeitig fand. Ben winkte nicht noch einmal. Er hatte gesehen, dass Chris ihn gesehen hatte.
Chris drückte Maras Schulter und ging hinüber.
