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RESTBIERAKTEN · KAPITEL 12

STRANDBAR-SHAKESPEARE

Strandbar-Shakespeare – Original-Artwork auf SoundCloud

STRANDBAR-SHAKESPEARE

Die Geschichte

Vor zwanzig Minuten hat der Mann sein Feuerzeug gesucht.

Jetzt erklärt er drei Leuten die Liebe.

Keiner davon hat gefragt.

Chris steht ein paar Meter entfernt und hört seit einer Weile zu.

Phanti auch.

Der Unterschied:

Chris versucht noch herauszufinden, wann das passiert ist.

Phanti hat längst akzeptiert, dass es keine vernünftige Antwort geben wird.

„Lass ihn", sagt er.

Chris sieht zu ihm.

Phanti nimmt einen Schluck.

„Der ist gerade im dritten Akt."

— Der Mann lehnt am Tresen.

Drink in der Hand.

Blick aufs Meer.

Er spricht langsam.

Nicht weil er undeutlich wäre.

Weil jedes Wort Gewicht bekommen soll.

„Manche Menschen gehen."

Pause.

„Doch manche fehlen hinterher."

— Der Mann neben ihm hebt die Hand.

„Ist der Barhocker noch frei?"

Der Dichter dreht sich langsam zu ihm.

Sieht den Stuhl.

Dann den Mann.

Dann wieder hinaus aufs Wasser.

„Bruder."

Pause.

„Irgendwann ist alles vorbei."

— Der Mann mit dem Barhocker wartet.

Chris auch.

Phanti nicht.

Er setzt sich.

— „Also frei?"

Der Dichter nickt langsam.

„Noch."

Der Mann nimmt den Hocker.

Phanti:

„Stark."

Chris:

„Was genau?"

„Dass er trotzdem sitzt."

— Vorhin ging es noch um Eis.

Chris weiß das, weil der Dichter selbst gefragt hatte, wer welches holt.

Jetzt geht es um Schicksal.

Große Liebe.

Verlust.

Verpasste Chancen.

Und eine Frau.

Natürlich.

— „Sie hatte diesen Blick."

Chris schaut zu Phanti.

Phanti:

„Jetzt kommt sie."

— „Welchen Blick?", fragt jemand.

Der Dichter schaut aufs Meer.

„Den Blick von jemandem, der bleiben will."

Chris:

„Ist sie geblieben?"

Der Mann schüttelt langsam den Kopf.

„Nein."

„Wie lang kanntet ihr euch?"

Der Dichter nimmt einen Schluck.

Phanti:

„Das ist wichtig."

Der Mann:

„Schwer zu erklären."

Phanti:

„Wie lang?"

— Pause.

— „Elf Minuten."

— Chris schaut auf den Boden.

Phanti sagt:

„Okay."

Mehr nicht.

Mehr braucht es nicht.

— Die Frau hieß vielleicht Lisa.

Vielleicht Laura.

Vielleicht anders.

Der Dichter ist sich nicht sicher.

Er behauptet, Namen seien für solche Begegnungen ohnehin zu klein.

Chris:

„Wie viele Sätze habt ihr geredet?"

„Darum geht's nicht."

Phanti:

„Also wenige."

— Der Mann ignoriert ihn.

„Es war eine Verbindung."

„Mhm."

„Man spürt sowas."

„Natürlich."

„Zeit ist dann nicht wichtig."

Phanti:

„Hilft bei elf Minuten."

— Chris muss lachen.

Der Dichter nicht.

Er hat das Geräusch vermutlich als emotionale Zustimmung interpretiert.

— Aus drei Sätzen entsteht eine Geschichte.

Aus einem Blick eine Wendung.

Aus einem kurzen Gang zur Toilette wird ein Abschied.

Chris erfährt das erst, als der Dichter plötzlich zum Eingang schaut.

„Sie ist weg."

Phanti:

„Wer?"

„Sie."

„Die Elf-Minuten-Frau?"

„Mach dich nicht lustig."

Chris sieht Richtung Toiletten.

„Vielleicht ist sie nur—"

Der Dichter:

„Manche Menschen verschwinden, bevor man bereit ist."

— Die Tür zur Toilette geht auf.

Eine Frau kommt heraus.

Chris schaut.

Der Dichter auch.

Sie ist es offenbar.

Sie geht an ihnen vorbei zur Bar.

Chris:

„Da."

Der Mann sieht sie.

Pause.

„Sie braucht Abstand."

— Phanti:

„Von der Toilette?"

— Chris dreht sich weg.

— Das wäre vermutlich der Moment, an dem vernünftige Menschen aufhören würden.

Nicht dieser Mann.

Er bestellt etwas Neues.

Und eine Runde später bedeutet jeder Blick mehr.

— Chris öffnet unauffällig sein Telefon.

Phanti sieht es.

„Schon?"

Chris:

„Vielleicht."

Er schreibt:

**STRANDBAR-SHAKESPEARE**

Phanti liest.

„Zu früh."

Chris:

„Warum?"

„Der hat noch mindestens zwei Akte."

— Als hätte der Mann es gehört, tritt er nach draußen.

Zwei Fremde gehen mit.

Nicht freiwillig im klassischen Sinn.

Aber auch nicht dagegen.

Der Dichter beginnt die nächste Rede.

Diesmal Freundschaft.

Falsche Menschen.

Loyalität.

Was er für andere tun würde.

— Einer der beiden Fremden nickt sehr ernst.

Chris beobachtet ihn.

Dann sein leeres Bier.

Phanti ebenfalls.

„Der will rein."

Chris:

„Hundert Prozent."

— Der Fremde nickt weiter.

„Bruder, genau."

Der Dichter legt ihm eine Hand auf die Schulter.

„Du verstehst."

„Ja."

„Weil du's erlebt hast."

„Safe."

— Phanti:

„Kennt ihn seit?"

Chris schaut auf sein Telefon.

„Zehn Minuten."

„Stabil."

— Dann fällt die Sonnenbrille.

Aus der Brusttasche.

Direkt ins Glas.

Plopp.

— Alle sehen hin.

Der Dichter verstummt.

Chris erwartet einen Fluch.

Irgendetwas Normales.

„Scheiße."

„So ein Mist."

„Meine Brille."

Stattdessen hebt der Mann langsam den Kopf.

Seine Augen sind ernst.

„Wie symbolisch das ist."

— Chris:

„Nein."

— Phanti nimmt einen Schluck.

„Ungeschickt."

Der Dichter:

„Du verstehst nicht."

Phanti:

„Doch."

Er zeigt aufs Glas.

„Brille im Drink."

— Der Mann nimmt die Brille heraus.

Tropfend.

„Manchmal versinkt das, womit wir die Welt sehen."

Chris schließt kurz die Augen.

Phanti:

„Rum."

„Was?"

„Du siehst Rum."

— Der Dichter:

„Flüssige Erinnerung."

— Chris schaut zu Phanti.

Phanti zu Chris.

Beide schweigen.

— Chris tippt:

**Flüssige Erinnerung.**

Phanti:

„Bitte mit Anführungszeichen."

Chris:

„Definitiv."

— Der Dichter dreht das Glas langsam in der Hand.

Dann hebt er einen Finger.

Feierlich.

Zeigt aufs Meer.

„Da draußen wartet Wahrheit."

— Phanti folgt seinem Finger.

Chris ebenfalls.

Wasser.

Licht.

Eine Boje.

— Phanti:

„Da draußen ist 'ne Boje."

— Pause.

— Der Dichter sieht ihn an.

„Du verstehst mich nicht."

Phanti:

„Doch."

Noch eine Pause.

„Leider."

— Chris muss wegsehen.

Er lacht zu stark.

— Der Mann spricht weiter.

Nicht beleidigt.

Im Gegenteil.

Widerspruch scheint seine Tiefe zu bestätigen.

— Irgendwann kommt das Thema zurück zur Frau.

Lisa.

Laura.

Vielleicht Jana.

Der Name wird unwichtiger, je länger der Abend geht.

„Sie war anders."

Chris:

„Wie?"

Der Dichter überlegt.

„Anders."

Phanti:

„Konkret."

— „Ihr versteht das nicht."

Phanti:

„Wurde bereits festgestellt."

— Die Frau steht währenddessen wenige Meter entfernt und redet mit jemand anderem.

Sie scheint weder verschwunden noch gebrochen noch metaphysisch entrückt.

Sie bestellt.

Trinkt.

Lacht.

Lebt.

— Chris:

„Sollten wir ihm sagen, dass sie da ist?"

Phanti:

„Warum?"

Chris:

„Realität."

Phanti:

„Die stört gerade."

— Also lassen sie ihn.

— Der Abend schreitet voran.

Die Bar wird ruhiger.

Der Dichter überraschenderweise auch.

Er sitzt.

Beide Hände am Glas.

Blick nicht mehr ganz so weit draußen.

— Dann sagt er:

„Vielleicht war ich emotionaler, als ich eigentlich wollte."

— Chris sieht zu Phanti.

Phanti richtet sich etwas auf.

„Na bitte."

Der Dichter schaut ihn an.

Phanti nickt.

„Geht doch."

— Chris sagt nichts.

Er will den Moment nicht beschädigen.

Vielleicht kommt der Mann tatsächlich zurück.

Keine große Poesie.

Keine verlorenen Seelen.

Keine flüssige Erinnerung.

Nur ein Mensch, der zugibt, ein bisschen zu viel in etwas hineingelesen zu haben.

— Er nimmt einen letzten Schluck.

Denkt nach.

Lange.

Wirkt plötzlich erstaunlich wach.

— Dann schaut er zum Nachbartisch.

— Dort steht ein Stuhl.

Nur ein Stuhl.

— Chris sieht den Blick.

„Nein."

Phanti:

„Was?"

„Der ist wieder weg."

— Der Dichter hebt den Finger.

„Seht ihr diesen Stuhl?"

— Stille.

— Phanti:

„Oh nein."

— „Dieser Stuhl", sagt der Mann, „steht für die Dinge, die uns irgendwann mal fehlen."

— Phanti schließt die Augen.

Chris sieht, wie er innerlich zählt.

Eins.

Zwei.

Drei.

— „Da saß vor fünf Minuten jemand", sagt Phanti.

„Der ist zum Rauchen."

— Der Dichter schüttelt langsam den Kopf.

„Du siehst das nicht wie wir."

— Phanti öffnet die Augen.

„Wer ist wir?"

Der Mann ignoriert die Frage.

„Du siehst Möbel."

Er zeigt auf den leeren Platz.

„Ich seh Abschied."

— Chris schaut zu Phanti.

Phanti schaut zu Chris.

Sehr leise:

„Mein Schatz."

— Chris presst die Lippen zusammen.

„Nein."

„Doch."

„Sag das nie wieder."

„Keine Garantie."

— Der Dichter spricht weiter.

Aber niemand versucht mehr, ihn aufzuhalten.

Nicht aus Resignation.

Aus wissenschaftlichem Interesse.

— Der Mann, der auf dem Stuhl saß, kommt vom Rauchen zurück.

Bleibt stehen.

„Kann ich mich wieder setzen?"

Der Dichter sieht ihn an.

Dann den Stuhl.

Dann wieder ihn.

„Natürlich."

— Der Raucher setzt sich.

Damit endet der symbolische Abschied.

Ohne Zeremonie.

— Phanti:

„Stuhl wieder vollständig."

Chris:

„Akte ergänzen."

— Die Bedienung beginnt abzuräumen.

Gläser.

Flaschen.

Karten.

Ein Blick auf die Rechnung.

— Sie kommt zu ihrem Tisch.

„Wer zahlt denn diesen Teil?"

Der Dichter legt eine Hand aufs Herz.

Chris sieht es.

Phanti auch.

Beide wissen sofort:

Da kommt noch was.

— „Für manche Dinge", sagt der Mann leise, „zahlt ein Mensch ein Leben lang."

— Die Bedienung sieht auf ihr Kartenlesegerät.

Kein Lächeln.

Keine Regung.

„Bei dir sind's siebenunddreißig achtzig."

— Stille.

— Chris schaut auf Phanti.

Phanti auf die Bedienung.

Dann auf den Dichter.

— Der Dichter sagt nichts.

Er nimmt seine Karte.

Hält sie ans Gerät.

Piepen.

Bezahlt.

— Phanti:

„Starkes Ende."

— Der Dichter steckt die Karte weg.

„Man kann nicht alles in Geld messen."

Die Bedienung:

„Doch. Das schon."

Sie geht.

— Chris verliert endgültig.

Er lacht.

Phanti ebenfalls.

Sogar der Dichter.

Zum ersten Mal wirkt es, als wüsste er selbst, was er den ganzen Abend gemacht hat.

Vielleicht.

— Später stehen Chris und Phanti draußen.

Der Mann ist noch drinnen.

Keine Rede mehr.

Nur ein letztes Getränk.

— Chris öffnet die Notiz.

**STRANDBAR-SHAKESPEARE**

Darunter:

**Tatbestand: Banale Ereignisse mit überhöhter Bedeutung versehen.**

Phanti:

„Zu sachlich."

Chris löscht.

— Er schreibt:

**Drei Sätze. Elf Minuten. Zwei verlorene Seelen.**

Phanti:

„Besser."

— Dann:

**Brille im Rum = Symbol.**

**Boje = Wahrheit.**

**Stuhl = Abschied.**

**Rechnung = 37,80 €.**

— Phanti:

„Das ist die Akte."

— Chris legt das Telefon weg.

„Beweismittel?"

Phanti denkt nach.

Dann:

„Kartenbeleg."

Chris:

„Den haben wir nicht."

„Schade."

„Stuhl?"

„Gehört der Bar."

„Brille?"

„Gehört Shakespeare."

— Pause.

— Chris:

„Dann nur Protokoll."

Phanti:

„Reicht."

— Später landet ein neues Blatt im Archiv.

**BEWEISMITTEL 12**

**STRANDBAR-SHAKESPEARE**

Darunter:

**Bekanntschaftsdauer: elf Minuten.**

**Emotionaler Umfang: mehrere Lebenszeiten.**

**Identität der großen Liebe: ungeklärt.**

**Wahrheit: vermutlich Boje.**

**Abschied: Stuhl vorübergehend unbesetzt.**

**Offener Betrag: 37,80 €.**

Phanti liest.

„Bezahlt."

Chris ergänzt:

**Bezahlt.**

— Phanti nimmt den Stift.

Schreibt darunter:

**Mit Karte.**

— Chris:

„Relevant?"

„Sehr."

— Akte elf ist anders als die meisten davor.

Niemand wird entlarvt.

Nichts geht kaputt.

Keiner verliert sein Telefon.

Es gibt keinen Streit.

Nur einen Mann, der einen Abend lang aus jedem kleinen Ereignis etwas Größeres baut.

Vielleicht weil ihm das gefällt.

Vielleicht weil Alkohol aus einfachen Gedanken gern große macht.

Vielleicht weil manche Menschen einen Barhocker ansehen und tatsächlich Abschied sehen.

Chris weiß es nicht.

Phanti will es nicht wissen.

— Sie müssen auch nicht alles erklären.

Manchmal reicht die Rechnung.

— Chris schließt die Mappe.

Phanti:

„Akte zu?"

Chris:

„Akte zu."

— Aus der Bar kommt der Dichter noch einmal heraus.

Er sieht aufs Meer.

Beide warten.

— Der Mann:

„Wisst ihr, was verrückt ist?"

Phanti:

„Nein."

„Morgen erinnert sich wahrscheinlich keiner mehr an das hier."

— Chris überlegt.

Dann zeigt auf die Mappe.

„Schlechte Nachricht."

— Der Dichter sieht sie.

„Was ist das?"

Phanti:

„Nichts."

— Der Mann nickt langsam.

„Manche Dinge sollte man bewahren."

Phanti:

„Geh heim."

— Chris lacht.

Der Dichter ebenfalls.

Dann geht er.

— Phanti schaut ihm hinterher.

„Elf Minuten."

Chris:

„Ja."

„Zwei verlorene Seelen."

„Ja."

„Sie hieß wie?"

Chris:

„Darum geht es nicht."

— Phanti sieht ihn an.

Chris grinst.

— **Beweismittel zwölf.**

**STRANDBAR-SHAKESPEARE.**

**37,80 €.**

**Mit Karte.**

**Akte 12 geschlossen.**