SCHATTENKARTELL
Die Geschichte
Die Mappe ist voll.
Zwölf Fälle.
Zwölf Geschichten, die irgendwann mit irgendeinem Satz begonnen haben, den man besser nicht hinterfragt.
Ein Thron, der keiner war.
Eine Suppe ohne Bedeutung.
Eine Bauchtasche mit mehr Glaubwürdigkeit als ihr Besitzer.
Drei Sloggis.
Ein verschwundener Schuh.
Ein Nachbar, der Ruhe wollte und Bier bekam.
Ein Dichter mit 37,80 Euro Weltschmerz.
Chris blättert noch einmal durch die Seiten.
Phanti sitzt ihm gegenüber.
„Fertig?"
Chris:
„Fast."
„Was fehlt?"
„Nichts."
Phanti:
„Dann bist du fertig."
— Chris klappt die Mappe zu.
Auf dem Deckel steht:
**RESTBIERAKTEN**
Darunter:
**FÄLLE AUS DER PARTZONE**
Er betrachtet das Ding.
„Zwölf."
Phanti:
„Kann zählen."
„Stark."
„Danke."
— Chris schiebt die Mappe zur Seite.
Daneben liegt noch etwas.
Schwarz.
Dünner als die anderen Unterlagen.
Kein Aufkleber.
Keine Nummer.
Keine seiner Markierungen.
Chris greift danach.
Phanti legt die Hand darauf.
— Nicht hektisch.
Nicht aggressiv.
Nur schnell genug.
— Chris schaut auf seine Hand.
Dann auf ihn.
„Was ist das?"
„Nichts."
— Chris wartet.
— Phanti zieht die Unterlagen zu sich.
Chris:
„Das war jetzt verdächtig."
„Dann guck weniger."
— Normalerweise käme jetzt ein Spruch.
Von Chris.
Von Phanti.
Irgendetwas.
Diesmal nicht.
— Chris lehnt sich zurück.
„Gehört das zu den Akten?"
„Nein."
„Warum liegt es dann da?"
Phanti:
„Weil Dinge irgendwo liegen müssen."
— Chris nickt langsam.
„Überzeugend."
— Phanti steckt die schwarze Mappe weg.
Damit könnte es erledigt sein.
Ist es nicht.
— Später läuft Musik.
Gin auf Eis.
Leute kommen und gehen.
Die RESTBIERAKTEN sind abgeschlossen.
Zumindest für Chris.
Phanti verhält sich wieder wie Phanti.
Trocken.
Unaufgeregt.
Ein Glas in der Hand.
Schwarzer Hoodie.
Jemand dreht die Lautstärke hoch.
Phanti:
„Zwölf."
Chris:
„Was?"
„Lautstärke."
„Es gibt zehn."
„Heute nicht."
— Chris grinst.
Da ist er wieder.
— Eine Frau kommt dazu.
Sie kennt Phanti offenbar.
Oder glaubt es.
„Drink?"
Phanti:
„Nur wenn du dabei lachst."
Sie lacht.
„Reicht das?"
„Knapp."
— Chris schüttelt den Kopf.
„Romantiker."
Phanti:
„Halt dich raus."
— Die Musik drückt durch den Raum.
Nebel hängt im Licht.
Die Stadt draußen verschwimmt hinter Glas.
Für einen Moment fühlt sich alles wieder an wie eine weitere Restbierakte.
Vielleicht eine, die nie aufgeschrieben wird.
— Dann fragt die Frau:
„Wer seid ihr eigentlich?"
— Chris will antworten.
Phanti ist schneller.
„Schattenkartell."
— Chris schaut zu ihm.
— Die Frau lacht.
„Was?"
Phanti nimmt einen Schluck.
„Nichts."
— Sie lässt es stehen.
Chris nicht.
— „Schattenkartell?"
Phanti:
„Trackname."
„Aha."
„Ja."
— Chris kennt den Namen.
Natürlich.
Er hat ihn gehört.
Er hat ihn gesehen.
Er war bisher Teil von Musik.
Von Inszenierung.
Von einer Welt, in der Namen größer sein dürfen als das, was dahintersteht.
Das ist nichts Ungewöhnliches.
Eigentlich.
— Chris:
„Klingt dramatisch."
Phanti:
„Soll es."
— Damit ist die Sache wieder klein genug.
Für den Moment.
— Die Frau tanzt weiter.
Nicht für irgendwen.
Nicht für Kameras.
Einfach weil sie will.
Phanti bleibt entspannt.
Keine Masche.
Kein Druck.
Kein großes Versprechen.
Ein Drink.
Ein Blick.
Musik.
— Chris beobachtet ihn kurz.
„Du bist heute erschreckend normal."
Phanti:
„Danke."
„War keine Auszeichnung."
„Nehm ich trotzdem."
— Dann vibriert Phantis Telefon.
— Er schaut aufs Display.
Und etwas verändert sich.
Nicht viel.
Wer ihn nicht kennt, würde es wahrscheinlich nicht sehen.
Chris sieht es.
— Das Grinsen ist weg.
— Phanti liest.
Steckt das Telefon ein.
Chris:
„Alles gut?"
„Ja."
— Zu schnell.
— Chris:
„Sicher?"
„Ja."
— Phanti schaut durch den Raum.
Nicht wie jemand, der Leute beobachtet.
Eher wie jemand, der prüft, wer da ist.
— Chris folgt seinem Blick.
„Wen suchst du?"
„Niemanden."
— Wieder dieses Wort.
— Nichts.
Niemand.
Trackname.
— Chris sagt nichts mehr.
— Später verlassen sie den Raum.
Draußen ist die Luft klarer.
Die Musik bleibt hinter ihnen.
Phanti geht voraus.
Chris ein Stück dahinter.
— „Wo hin?"
„Hotel."
„Welches?"
Phanti nennt es.
Chris:
„Seit wann?"
„Seit es Gebäude gibt."
— Gut.
Normaler Phanti.
— Im Hotel angekommen bleibt Phanti kurz stehen.
Nicht an der Rezeption.
Nicht am Aufzug.
An einem Mann, der dort wartet.
Schwarze Jacke.
Keine besondere Erscheinung.
Gerade deshalb fällt er Chris auf.
— Der Mann sagt nichts.
Phanti ebenfalls nicht.
— Nur ein Blick.
Dann reicht der Mann ihm etwas.
Klein.
Flach.
Schwarz.
— Chris sieht es nicht genau.
— Phanti steckt es ein.
Der Mann geht.
— Chris:
„Freund von dir?"
„Nein."
„Kennst du ihn?"
„Ja."
— Chris wartet.
Phanti geht weiter.
— „Das waren zwei unterschiedliche Antworten."
„Korrekt."
— Im Aufzug sagt keiner etwas.
— Chris schaut auf die Anzeige.
Dann auf Phanti.
„Was hat er dir gegeben?"
„Nichts."
— Chris lacht einmal.
Kurz.
„Du benutzt das Wort heute auffällig oft."
Phanti:
„Vielleicht fragst du zu viel."
— Die Tür öffnet sich.
— Im Zimmer stellt Phanti sein Glas ab.
Chris zieht die Jacke aus.
Auf dem Tisch liegt die RESTBIERAKTEN-Mappe.
Chris hat sie mitgenommen.
Phanti sieht sie.
„Warum schleppst du die rum?"
„Archiv."
„Du hast Probleme."
„Zwölf dokumentierte."
— Phanti muss grinsen.
Nur kurz.
— Dann holt er den schwarzen Gegenstand aus der Tasche.
Chris sieht ihn diesmal.
Eine Karte.
Keine Visitenkarte.
Zu dick.
Matt.
Schwarz.
Keine Telefonnummer.
Keine Adresse.
Keine Erklärung.
Nur ein Zeichen.
— Chris:
„Das ist also nichts."
Phanti dreht die Karte um.
„Genau."
— Auf der Rückseite steht eine Zeile.
Chris kann sie nicht vollständig lesen.
Phanti legt den Daumen darüber.
— „Absichtlich?"
„Was?"
„Dein Daumen."
— Phanti sieht ihn an.
— Keine Antwort.
— Chris:
„Okay."
Er nimmt die RESTBIERAKTEN-Mappe.
Öffnet sie.
Zieht ein leeres Blatt heraus.
Schreibt:
**SONDERVERMERK 13**
— Phanti:
„Nein."
Chris schreibt weiter.
**SCHATTENKARTELL**
— Phanti nimmt ihm den Stift weg.
„Hab nein gesagt."
— Chris schaut auf das Blatt.
Dann auf Phanti.
„Seit wann stört dich Dokumentation?"
— Stille.
— Das ist der Moment.
Nicht die Karte.
Nicht der Mann im Hotel.
Nicht die Nachricht.
Dieser eine fehlende Spruch.
— Phanti macht keine Pointe daraus.
— Chris:
„Das ist echt."
— Phanti antwortet nicht.
— Chris lehnt sich zurück.
„Der Name."
Keine Reaktion.
„Schattenkartell."
— Phanti nimmt die Karte vom Tisch.
Steckt sie wieder ein.
— Chris:
„Ich dachte, das wäre nur Musik."
Phanti:
„Ist es auch."
„Das war keine Antwort."
„Doch."
„Keine gute."
— Phanti nimmt das Blatt.
**SONDERVERMERK 13 — SCHATTENKARTELL**
Er betrachtet es.
— Dann zerreißt er es nicht.
Er wirft es nicht weg.
Er legt es nur neben die RESTBIERAKTEN.
— Chris:
„Was ist das?"
Phanti:
„Nicht deine Akte."
— Chris schaut auf die schwarze Karte.
„Noch nicht?"
— Phanti hebt den Blick.
— Zu spät.
Das Wort ist gefallen.
— Chris:
„Du hast gerade nicht nein gesagt."
Phanti:
„Du nervst."
„Auch keine Antwort."
— Phanti steht auf.
Geht zum Fenster.
Unten bewegt sich die Stadt.
Autos.
Lichter.
Menschen.
Nichts Besonderes.
— Chris:
„Wer war der Typ?"
„Jemand."
„Von denen?"
Keine Antwort.
„Gibt es überhaupt ein denen?"
— Phanti dreht sich um.
„Chris."
— Zum ersten Mal klingt sein Name nicht wie der Anfang eines Spruchs.
— Chris schweigt.
— Phanti:
„Die RESTBIERAKTEN sind fertig."
„Okay."
„Dann lass sie fertig sein."
— Chris schaut auf die Mappe.
Zwölf Akten.
Alles darin ist erklärbar.
Irgendwann.
Selbst Pferdesuppe.
Zumindest insofern, dass niemand weiß, was es bedeutet.
— Daneben:
ein einzelnes Blatt.
**SONDERVERMERK 13 — SCHATTENKARTELL**
Keine Geschichte.
Keine Pointe.
Kein Beweismittel.
Nur ein Name.
— Chris:
„Warum hast du mir nie davon erzählt?"
Phanti:
„Weil es nichts zu erzählen gab."
„Gab?"
— Phanti schließt kurz die Augen.
— Chris:
„Schon wieder."
„Was?"
„Vergangenheit."
— Phanti:
„Du solltest weniger zuhören."
Chris:
„Du solltest sauberer lügen."
— Stille.
— Dann lacht Phanti.
Nicht lange.
Aber genug.
„Vielleicht."
— Er nimmt die RESTBIERAKTEN.
Legt den Sondervermerk darunter.
Chris:
„Warum darunter?"
„Weil er nicht dazugehört."
— Chris:
„Aber du wirfst ihn nicht weg."
— Phanti bleibt stehen.
— „Nein."
— Das reicht.
— Chris braucht keine Erklärung.
Noch nicht.
Er braucht nur die Gewissheit, dass er sich das nicht eingebildet hat.
Der Mann.
Die Karte.
Die Nachricht.
Phantis Reaktion.
Der Name.
— **Schattenkartell.**
— Bisher war es ein Wort.
Ein Track.
Etwas, das gut klang, wenn die Lautstärke hoch genug war.
Jetzt liegt ein schwarzes Stück Material auf einem Hoteltisch und Phanti weigert sich, darüber zu lachen.
— Das verändert alles.
Nicht sofort.
Nicht sichtbar.
Aber endgültig.
— Chris nimmt sein Telefon.
Keine Notiz.
Kein Foto.
Zum ersten Mal dokumentiert er nichts.
— Phanti bemerkt es.
„Lernfähig."
Chris:
„Nein."
Pause.
„Ich merk's mir."
— Phanti sieht ihn an.
— Dann vibriert sein Telefon erneut.
Er liest.
— Chris:
„Schattenkartell?"
— Phanti steckt es ein.
Geht zur Tür.
— „Komm."
— Chris bleibt sitzen.
„Wohin?"
— Phanti öffnet die Tür.
— „Du wolltest doch wissen, ob es echt ist."
— Chris steht auf.
— Auf dem Tisch bleiben die RESTBIERAKTEN zurück.
Zwölf abgeschlossene Fälle.
Ein Sondervermerk.
Keine Nummer dahinter.
— Chris bleibt an der Tür noch einmal stehen.
„Phanti."
„Was?"
„Was genau ist das Schattenkartell?"
— Phanti schaut in den Flur.
Dann zu Chris.
— „Wenn ich dir das erklären könnte, wäre es keins."
— Er geht.
— Chris schaut noch einmal zurück.
Auf die Mappe.
Auf den Sondervermerk.
Dann folgt er.
— Die Tür fällt ins Schloss.
— Keine Pointe.
Kein Beweismittel.
Keine Schlussformel.
— Nur ein Name, der plötzlich mehr ist als ein Name.
**SCHATTENKARTELL**
**Keine Akte geschlossen.**

