DREI AKKORDE SPÄTER
Die Geschichte
Drei Schläge gegen die Wand.
Hart.
Deutlich.
Danach Ruhe.
Im Ferienapartment sehen mehrere Leute gleichzeitig nach oben.
Einer sagt:
„Ich glaub, der meint uns."
Phanti schaut ihn an.
„Starke Analyse."
Chris greift zur Musik.
„Runter."
Die Lautstärke sinkt.
Alle nicken.
Vernunft.
Rücksicht.
Problem gelöst.
— Es klingelt.
— Phanti:
„Problem aktualisiert."
— Chris geht zur Tür.
Dahinter steht ein Mann in Trainingshose.
Mitte vierzig.
Ernster Blick.
Arme verschränkt.
Nicht aggressiv.
Aber vorbereitet.
Der Mann hat offensichtlich auf dem Weg nach unten bereits mehrere Versionen seiner Ansprache verworfen und sich für die entschieden, die mit:
„Also Leute, ganz ehrlich—"
beginnt.
Chris weiß sofort:
Das dauert.
— „Wir haben schon leiser gemacht."
Der Mann:
„Ja, jetzt."
Chris:
„Deshalb."
„Ich muss morgen früh raus."
Phanti steht inzwischen hinter Chris.
Er betrachtet den Mann.
Dann die Trainingshose.
Dann wieder den Mann.
„Sieht man."
Chris dreht sich zu ihm.
„Phanti."
„Was?"
Der Nachbar:
„Was sieht man?"
Phanti:
„Dass Sie vorbereitet sind."
— Der Mann versteht nicht ganz.
Gut.
— Er holt Luft.
„Ich will ja auch gar nicht der Spielverderber sein."
Aus dem Apartment ruft jemand:
„Willst du was trinken?"
— Der Nachbar schaut hinein.
Dann zu Chris.
„Nein."
Pause.
„Ich bleib nur eine Minute."
— Phanti sieht Chris an.
Chris sieht Phanti an.
Keiner sagt etwas.
Aber beide wissen:
Akte offen.
— Der Nachbar bleibt im Türrahmen.
Jemand drückt ihm trotzdem ein Glas in die Hand.
Er nimmt es.
Reflex.
— „Also wirklich nur kurz."
Chris:
„Natürlich."
— Der Mann beginnt seine Rede.
Ruhe.
Rücksicht.
Andere Gäste.
Früh raus.
Alles nachvollziehbar.
Chris widerspricht nicht.
Phanti ebenfalls nicht.
Sie waren laut.
Der Mann hat recht.
Das macht die Situation zunächst erstaunlich unspektakulär.
— Dann fragt jemand:
„Wohnst du direkt über uns?"
„Ja."
„Seit wann?"
Der Nachbar antwortet.
Eine zweite Frage.
Dann eine dritte.
Woher er kommt.
Was er macht.
Wie lange er schon hier ist.
— Seine Arme sind inzwischen nicht mehr verschränkt.
— Chris bemerkt es zuerst.
Dann Phanti.
— Der Mann nimmt einen Schluck.
„Aber ernsthaft, bisschen leiser wär schon gut."
Chris:
„Machen wir."
„Danke."
— Er geht nicht.
— Ein Song wechselt.
Jemand erzählt etwas.
Der Nachbar hört zu.
Korrigiert eine Kleinigkeit.
Dann erzählt er selbst.
— Phanti lehnt sich zu Chris.
„Minute ist vorbei."
Chris:
„Sei höflich."
„Dokumentation."
— Der Mann lacht über irgendetwas.
Zum ersten Mal.
Nicht groß.
Aber echt.
— Dann steht er nicht mehr im Türrahmen.
Jetzt steht er in der Küche.
Niemand hat gesehen, wann genau das passiert ist.
— Chris bemerkt ihn am Kühlschrank.
Der Nachbar öffnet die Tür.
Schaut hinein.
„Ist das Bier hier für uns alle?"
— Stille.
— Phanti schaut zu Chris.
Chris:
„Offenbar."
— Der Nachbar nimmt eins.
„Ich zahl euch das."
Chris:
„Alles gut."
„Sicher?"
Phanti:
„Unter einer Bedingung."
Chris dreht sich sofort zu ihm.
Der Nachbar:
„Welche?"
Phanti:
„Du hörst auf, so zu tun, als würdest du gleich gehen."
— Der Mann schaut ihn an.
Dann aufs Bier.
Dann Richtung Tür.
— „Okay."
— Chris lacht.
„Fair."
— Damit ist die Beschwerde offiziell beendet.
Nicht ausgesprochen.
Aber beendet.
— Die Musik bleibt tatsächlich leiser.
Das ist wichtig.
Niemand macht sich über den Mann lustig.
Er hatte recht.
Stattdessen passiert etwas viel Besseres:
Er bleibt freiwillig.
— Er lernt Namen.
Erstaunlich schnell.
Marie.
Hakan.
Noch zwei andere.
Chris beobachtet ihn.
Der Mann, der gerade noch mit festem Blick vor der Tür stand, sitzt inzwischen am Tisch und erklärt jemandem, warum ein bestimmter Grill besser ist als ein anderer.
Mit Händen.
Sehr ausführlich.
— Phanti:
„Was ist passiert?"
Chris:
„Bier."
„Zu einfach."
„Drei Akkorde?"
Phanti hört kurz zur Musik.
„Möglich."
— Jemand wechselt den Song.
Der Nachbar hebt den Kopf.
„Den kenn ich."
Chris:
„Natürlich."
— Er hört.
Nickt.
Dann:
„Spiel den nochmal."
— Phanti dreht sich langsam zu Chris.
Chris grinst.
— Vorher:
**Ruhe.**
Jetzt:
**Nochmal.**
— Chris zieht sein Telefon heraus.
Phanti:
„Schon?"
„Nur Überschrift."
Er schreibt:
**DREI AKKORDE SPÄTER**
— Phanti liest.
„Übertrieben."
Chris:
„Minimal."
„Bleibt."
— Der Nachbar bekommt davon nichts mit.
Er ist beschäftigt.
Er kennt inzwischen drei Geburtstage.
Weiß, wo Marie zuletzt im Urlaub war.
Hat eine Meinung zu einem Auto, das niemand im Raum besitzt.
Und erklärt Hakan, wie man Fleisch richtig grillt.
Hakan hört aufmerksam zu.
Chris:
„Der weiß inzwischen mehr über die Leute als ich."
Phanti:
„Du hörst auch nie zu."
Chris:
„Danke."
— Irgendwann fragt jemand:
„Bist du eigentlich noch sauer?"
Der Nachbar sieht überrascht aus.
„Ich?"
„Ja."
„Wieso?"
— Phanti schaut Chris an.
Chris hebt eine Hand.
Nicht.
— Der Nachbar trinkt.
„Nee."
Pause.
„War halt laut."
„Ist doch jetzt leiser."
„Eben."
— Fall erledigt.
Eigentlich.
— Dann klopft es von oben.
Alle hören es.
Drei Schläge.
Der Nachbar schaut zur Decke.
Stille.
Noch einmal.
— Von oben ruft jemand etwas wegen der Lautstärke.
Der Nachbar verzieht das Gesicht.
„Boah."
Pause.
„Manche Leute haben echt kein Leben."
— Phanti schaut ihn an.
Lange.
Der Nachbar bemerkt es.
„Was?"
— Phanti:
„Nichts."
— Chris dreht sich weg.
Seine Schultern bewegen sich.
— Der Nachbar:
„Was ist denn?"
Chris:
„Gar nichts."
„Ihr seid komisch."
Phanti:
„Wir gönnen dir deinen Wandel."
— Der Mann schaut beide an.
Versteht.
Dann muss er selbst lachen.
„Ja, okay."
— Chris:
„Das ging schnell."
„Was?"
„Nichts."
— Die Runde läuft weiter.
Der Nachbar gehört inzwischen dazu.
Nicht künstlich.
Nicht weil jemand ihn unbedingt integrieren wollte.
Es ist einfach passiert.
— Irgendwer spricht über Grillen.
Der Nachbar:
„Wir können doch mal zusammen grillen."
Zwei Leute sagen sofort zu.
Termin?
Unklar.
Ort?
Oben.
Offenbar.
— Phanti:
„Der plant Folgeprojekte."
Chris:
„Skalierung."
— Der Nachbar zeigt auf ihn.
„Du kommst auch."
Phanti:
„Wohin?"
„Grillen."
„Warum?"
„Weil du die ganze Zeit so blöd guckst."
Phanti:
„Fair."
— Später trägt der Nachbar Chris' Jacke.
Chris bemerkt es nicht sofort.
Dann:
„Ist das meine?"
Der Nachbar schaut an sich herunter.
„Mir war kalt."
Chris:
„Okay."
Phanti:
„Besitzverhältnisse."
Chris:
„Falsche Akte."
— Der Nachbar sucht seine Schlüssel.
Er tastet die Taschen ab.
Trainingshose.
Jacke.
Noch einmal Trainingshose.
„Scheiße."
— Phanti:
„Wo hattest du sie zuletzt?"
„Keine Ahnung."
Chris:
„Wo wohnst du eigentlich?"
Der Nachbar zeigt nach oben.
— Pause.
— Phanti:
„Ach."
— Der Nachbar sieht selbst, wie bescheuert die Situation ist.
„Ja."
Chris:
„Dann besteht Hoffnung."
— Die Schlüssel liegen auf dem Tisch.
Natürlich.
— Irgendwann steht der Nachbar tatsächlich an der Tür.
Chris glaubt zunächst nicht daran.
Aber diesmal scheint es ernst.
Der Mann zieht Chris' Jacke aus.
Gibt sie zurück.
„War nett mit euch."
Chris:
„Mit dir auch."
— Der Nachbar:
„Beim nächsten Mal könnt ihr vorher Bescheid geben."
— Chris hält inne.
Phanti ebenfalls.
— „Beim nächsten Mal?", fragt Chris.
Der Mann:
„Ja."
„Du bist runtergekommen, damit wir leise sind."
„Ja."
„Jetzt willst du vorher Bescheid wissen."
„Ja."
— Chris:
„Nur damit ich die Entwicklung richtig verstehe."
Der Mann grinst.
„Ja und?"
— Phanti:
„Fair."
— Sie bringen ihn zur Tür.
Nicht weil er Hilfe braucht.
Nur weil er auf dem Weg noch drei Geschichten beginnt.
— Oben angekommen bleibt er vor seiner Tür stehen.
„Aber wirklich."
Chris:
„Was?"
„Nächstes Mal sagt ihr Bescheid."
Phanti:
„Musst du nicht früh raus?"
Der Nachbar:
„Ja."
Pause.
„Scheiße."
— Er findet seine Schlüssel.
Diesmal sofort.
Tür auf.
Noch einmal umdrehen.
„Gute Nacht."
Chris:
„Gute Nacht."
Phanti:
„Viel Erfolg."
„Wobei?"
„Morgen."
— Der Nachbar zeigt ihm den Mittelfinger.
Phanti nickt zufrieden.
Tür zu.
— Chris und Phanti gehen zurück.
Endlich Ruhe.
Die Wohnung ist deutlich leerer geworden.
Musik runter.
Gespräche leiser.
— Chris setzt sich.
„Das war schön."
Phanti:
„Was?"
„Kein Arschloch."
„Enttäuscht?"
„Überraschend erholt."
— Phanti nimmt Chris' Telefon.
Öffnet die Notiz.
Chris:
„Ey."
„Beweisaufnahme."
— Er schreibt:
**BEWEISMITTEL 11**
**DREI AKKORDE SPÄTER**
Darunter:
**Ausgangslage: Lärmbeschwerde.**
**Ergebnis: Grillabend vereinbart.**
— Chris liest.
„Präzise."
Phanti:
„Danke."
— Chris nimmt das Telefon zurück.
Dann klopft es.
Von oben.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
— Alle im Raum schauen zur Decke.
— Chris:
„Nein."
Phanti grinst.
— Von oben:
„EY!"
Pause.
„SEID IHR JETZT FERTIG—"
Noch eine Pause.
„ODER GEHT DA NOCH WAS BEI EUCH?"
— Stille.
— Dann bricht der Raum auseinander.
Gelächter.
Jemand ruft:
„KOMM RUNTER!"
— Chris legt den Kopf zurück.
Phanti:
„Akte wieder offen."
Chris:
„Nein."
„Eindeutig neue Sachlage."
„Nein."
— Von oben:
„HABT IHR NOCH BIER?"
— Phanti:
„Beweismittel."
Chris:
„Welches?"
Phanti zeigt auf den Kühlschrank.
— Chris:
„Wir beschlagnahmen kein Bier."
„Warum nicht?"
„Weil er gleich runterkommt."
— Kurze Pause.
Schritte über ihnen.
— Phanti:
„Guter Punkt."
— Chris öffnet die Notiz ein letztes Mal.
**Von „Ruhe jetzt" bis „Wann geht's weiter?"**
Er stoppt.
Phanti:
„Was?"
Chris:
„Nichts."
Er schreibt weiter.
**Schöne Entwicklung.**
— Es klingelt.
— Phanti geht zur Tür.
Chris:
„Was sagst du?"
Phanti öffnet.
Der Nachbar steht da.
Noch immer Trainingshose.
Noch immer müde.
Aber jetzt grinst er.
Phanti:
„Musst du nicht morgen früh raus?"
— Der Nachbar geht an ihm vorbei.
„Halt die Fresse."
— Phanti schließt die Tür.
„Akte geschlossen."
Chris:
„Jetzt wirklich."
— Keine Demontage.
Keine große Pointe auf Kosten eines Fremden.
Nur ein Mann, der wegen Lärm nach unten kommt und feststellt, dass die Menschen hinter der Wand vielleicht weniger schlimm sind als das Geräusch, das durch seine Decke kam.
Und eine Gruppe, die im richtigen Moment tatsächlich leiser macht.
Vielleicht funktioniert der Abend genau deshalb.
— Chris legt Akte zehn zu den anderen.
**Beweismittel elf.**
**DREI AKKORDE SPÄTER.**
Darunter steht nur noch:
**Muss ja morgen früh raus.**
— Phanti liest es.
Der Nachbar steht bereits wieder am Kühlschrank.
„Ist das Bier hier für uns alle?"
Phanti:
„Offenbar."
**Akte 11 geschlossen.**
— —

