SEILBAHNFUNK
Die Geschichte
„Chris?“
Rauschen.
Dann nichts.
Chris drückt die Taste am Funkgerät.
„Ja.“
Rauschen.
Eine Stimme.
Unverständlich.
Dann:
„…Gondel… drei… oben…“
Chris sieht Daniel an.
„Ich versteh kein Wort.“
Daniel:
„Dann antworte nicht.“
Chris drückt die Taste.
„Verstanden.“
Daniel schließt die Augen.
—
Sie sitzen in einer Gondel.
Nicht allein.
Nina gegenüber.
Zwei Techniker daneben.
Ein Case zwischen den Beinen.
Noch ein Case auf dem Sitz.
Draußen läuft das Tal unter ihnen weg.
Drinnen rauscht das Funkgerät.
Wieder:
„Station an Produktion, wir haben—“
Knacken.
Stille.
„—noch nicht.“
Chris drückt die Taste.
„Das klingt schlecht.“
Nina greift nach dem Gerät.
„Gib her.“
Chris hält es weg.
„Ich helfe.“
„Genau deshalb.“
—
Die Gondel zieht weiter.
Unter ihnen Wald.
Weiter unten Straßen.
Lichter.
Viel mehr als noch bei den ersten Bergshows.
Chris schaut hinaus.
Dann auf das Funkgerät.
„Wie weit reicht das?“
Einer der Techniker:
„Kommt drauf an.“
„Worauf?“
„Gelände. Station. Frequenz. Wetter.“
Chris:
„Also wie bei Menschen.“
Der Techniker überlegt.
„Eigentlich nicht.“
Chris:
„Schade.“
—
Das Funkgerät knackt.
„Nina für Bergstation.“
Sie nimmt es Chris endlich ab.
„Hört.“
Kurze Pause.
„Ja.“
„Wir haben oben ein Problem mit Kanal vier.“
„Was für eins?“
„Alle hören alle.“
Chris:
„Klingt demokratisch.“
Nina hält ihm wortlos die Hand vors Gesicht.
—
Oben herrscht kontrolliertes Durcheinander.
Mehrere Gondeln laufen.
Crew fährt Material.
Security koordiniert Zugänge.
Produktion spricht mit Technik.
Technik mit Talstation.
Talstation mit Bergstation.
Bergstation offenbar mit jedem.
Überall Funkgeräte.
Überall Stimmen.
Überall:
„Komm.“
„Warte.“
„Nochmal.“
„Bestätigt.“
„Negativ.“
„Wo bist du?“
„Wer hat—“
„Nicht auf diesem Kanal.“
Chris bleibt mitten im Gang stehen.
„Das ist Daniel als Infrastruktur.“
Daniel:
„Was?“
„Alle wollen was von dir und keiner weiß genau, wo du bist.“
Nina:
„Erschreckend präzise.“
—
Dann hört Chris seinen Namen.
Aus einem Funkgerät.
Nicht dem eigenen.
„Chris ist oben.“
Ein anderes:
„Bestätigt.“
Noch eines:
„Chris oben.“
Chris schaut sich um.
„Ich stehe hier.“
Daniel:
„Die reden nicht mit dir.“
„Über mich.“
„Ja.“
Chris:
„Unhöflich.“
—
Ein Crewmitglied läuft vorbei.
Funkgerät an der Schulter.
„Artist ist angekommen.“
Chris:
„Chris.“
Der Mann bleibt stehen.
„Was?“
„Artist heißt Chris.“
Der Mann grinst.
„Chris ist angekommen.“
Chris:
„Danke.“
Er läuft weiter.
Aus dessen Funkgerät:
„Verstanden, Artist ist da.“
Chris sieht Daniel an.
„Ich geb auf.“
—
Der Soundcheck verzögert sich.
Nicht dramatisch.
Ein Signalweg.
Ein Kanal.
Irgendeine Verbindung zwischen oben und unten.
Chris versteht die Hälfte.
Das reicht ihm.
Er sitzt auf einem Case.
Hört den Funkverkehr.
Rauschen.
Stimmen.
Fragmente.
Manchmal nur zwei Wörter.
Manchmal eine komplette Information.
Manchmal völliger Unsinn.
—
„Kanal drei frei?“
„Negativ.“
„Wer ist auf fünf?“
„Licht.“
„Licht sollte auf sechs.“
„Ist aber auf fünf.“
„Warum?“
Lange Pause.
„Keine Ahnung.“
Chris nickt.
„Professionell.“
—
Daniel steht neben ihm.
Telefon am Ohr.
Natürlich.
Chris zeigt auf die Funkgeräte.
„Du könntest umsteigen.“
Daniel:
„Worauf?“
„Funk.“
„Warum?“
„Dann kann ich dich abschalten.“
—
Das ist inzwischen ein Running Gag.
Aber diesmal bleibt etwas daran hängen.
Abschalten.
Kanal wechseln.
Nicht erreichbar sein.
Empfang haben und trotzdem nicht zuhören müssen.
Seit dem Grat denkt Chris anders über solche Dinge.
Nicht ständig.
Aber sie tauchen auf.
—
Ein Techniker kommt.
„Wir brauchen dich kurz auf der Bühne.“
Chris steht auf.
„Das Wort wieder.“
Der Mann schaut verwirrt.
Daniel:
„Ignorieren.“
—
Auf der Bühne hört Chris das Funkgerät noch durch die Monitore.
Leise.
Irgendwo ist ein Kanal offen.
Rauschen.
Dann:
„Talstation an Berg—“
Der Techniker flucht.
Regler runter.
Stille.
Chris hebt die Hand.
„Warte.“
„Was?“
„Mach nochmal.“
„Den Funk?“
„Ja.“
Der Techniker schaut zu Daniel.
Daniel zu Chris.
Chris:
„Einmal.“
—
Kanal auf.
Rauschen.
Kurze Stimme.
Knacken.
Chris hört zu.
„Nochmal.“
Der Techniker:
„Das ist Livefunk. Ich kann nicht nochmal.“
Chris:
„Auch gut.“
—
Er geht zum Mikrofon.
„Lass das Rauschen drin.“
Der Produzent:
„Im Song?“
„Vielleicht.“
Daniel:
„Oh nein.“
Chris:
„Was?“
„Ich kenne diesen Blick.“
—
Ein paar Minuten später steht eine Idee.
Kein sauberer Funkspruch.
Keine verständliche Nachricht.
Nur:
Rauschen.
Knacken.
Ein abgerissener Sprachrest.
Dann Bass.
—
Chris hört es.
„Ja.“
Der Produzent:
„Das ist alles?“
„Ja.“
„Was bedeutet es?“
Chris:
„Nichts.“
Daniel:
„Gott sei Dank.“
Chris:
„Noch.“
Daniel:
„Da war’s.“
—
Der Track entsteht nicht komplett dort.
Natürlich nicht.
Aber sein Kern schon.
Seilbahnfunk.
Verbindungen zwischen oben und unten.
Stimmen, die durch den Berg wandern.
Nachrichten, die ankommen.
Andere nicht.
Menschen, die auf verschiedenen Kanälen reden und trotzdem versuchen, denselben Abend hinzubekommen.
—
Chris:
„Eigentlich ist das Lawinenchor für Leute mit Warnwesten.“
Nina:
„Bitte sag das keinem.“
—
Die Idee verbreitet sich innerhalb der Crew.
Was ein Fehler ist.
Beim nächsten Soundcheck kommt über Funk:
„Hol-la-re-i an Bergstation.“
Jemand antwortet:
„Bergstation hört.“
„Status Gams?“
Chris dreht sich sofort um.
Daniel:
„Nein.“
Funk:
„Gams negativ.“
Chris nimmt das nächste Gerät.
„Verstanden.“
Nina:
„Gib das her.“
—
Später beim Einlass wird aus dem Gelände ein Netz.
Gondeln bringen Menschen hoch.
Andere fahren runter.
Funk koordiniert.
Türen öffnen.
Absperrungen verschieben sich.
Security meldet Bereiche.
Produktion fragt Zahlen ab.
Alles hängt zusammen.
—
Chris steht an einem Fenster der Bergstation.
Unter ihm ziehen Gondeln durch die Dunkelheit.
Kleine beleuchtete Kabinen.
Eine nach der anderen.
Wie bewegliche Fenster im schwarzen Hang.
Weiter unten das Tal.
Noch mehr Licht.
—
Daniel tritt daneben.
„Schon verrückt.“
Chris:
„Was?“
„Wie viele Leute inzwischen dafür arbeiten.“
Chris sieht hinaus.
Das trifft diesmal anders.
Nicht als Belastung.
Als Tatsache.
Fahrer.
Techniker.
Security.
Catering.
Produktion.
Leute an Talstationen.
Leute an Bergstationen.
Menschen, die Kabel legen.
Cases schleppen.
Listen schreiben.
Kanäle freihalten.
Damit er später auf eine Bühne gehen kann.
—
Chris:
„Das vergisst man leicht.“
Daniel:
„Ja.“
„Sollten wir nicht.“
Daniel schaut ihn kurz an.
„Nein.“
—
Das Funkgerät knackt.
„Artist bitte Stand-by.“
Chris nimmt es.
„Chris.“
Rauschen.
„Bitte?“
„Chris bitte Stand-by.“
Kurze Pause.
„Danke.“
Daniel:
„Du hast gewonnen.“
Chris:
„Wichtig.“
—
Die Show beginnt.
Diesmal hört Chris vor dem Auftritt nicht nur die Crowd.
Er hört die Crew.
Über Funk.
„Licht bereit.“
„Audio bereit.“
„Bühne frei.“
„Gondeln laufen.“
„Security bereit.“
Dann:
„Chris bereit?“
Chris drückt die Taste.
„Chris bereit.“
Kurze Pause.
Aus irgendeinem Kanal:
„Gams negativ.“
Chris lacht genau in dem Moment, in dem er auf die Bühne geht.
—
Die Crowd sieht nur das Ergebnis.
Licht.
Sound.
Chris.
Musik.
Sie sieht nicht die Stimmen dahinter.
Vielleicht muss sie das auch nicht.
Aber Chris hört sie heute.
—
Der Set läuft groß.
Sicher.
Inzwischen fast erschreckend routiniert.
Bergbeben.
Echojäger.
Die alten Rufe.
Die neuen Running Gags.
Bei Gams im Bass hält jemand ein Schild hoch:
**STATUS GAMS?**
Chris:
„Negativ.“
Jubel.
Er schüttelt den Kopf.
—
Dann kommt **Seilbahnfunk**.
Schwarz.
Kein Instrument.
Nur Rauschen.
Die Menge wird leiser.
Knacken.
Eine Stimme:
„Bergstation hört.“
Bass.
—
Der Einstieg funktioniert sofort.
Nicht, weil alle die Bedeutung verstehen.
Sondern weil jeder dieses Geräusch kennt.
Funk.
Verbindung.
Etwas kommt durch.
Etwas fehlt.
—
Chris rappt.
Zwischen den Parts laufen kurze Sprachfetzen.
Keine langen Samples.
Nur Fragmente.
„Bestätigt.“
„Negativ.“
„Hört.“
„Weiter.“
„Bereit.“
Dann wieder Musik.
—
Die Gondeln laufen hinter dem Gelände weiter.
Von der Bühne aus sieht Chris einzelne Kabinen.
Lichter, die sich über den Hang bewegen.
Das Bild passt so gut, dass es fast gestellt wirkt.
Ist es nicht.
Zum Glück.
—
In der Hook reagiert das Publikum auf die Funksprüche.
Chris:
„Bergstation?“
Crowd:
„HÖRT!“
Chris stoppt.
Grinst.
Nochmal.
„Talstation?“
„HÖRT!“
Daniel steht seitlich.
Murmelt:
„Natürlich.“
—
Dann:
„Chris?“
Die Crowd:
„HÖRT!“
Chris hebt die Hand.
Beat stoppt.
„Manchmal.“
Gelächter.
Bass zurück.
—
Der Song wird einer dieser Momente, die live größer werden als auf Aufnahme.
Nicht durch Lautstärke.
Durch Beteiligung.
Call.
Response.
Signal.
Antwort.
Fast wie Echojäger.
Aber technischer.
Kälter.
Schneller.
—
Und Chris merkt mitten im Track:
Das Album hat sich verändert.
Am Anfang war der Jodel die Verbindung.
Eine Stimme.
Eine Antwort.
Dann wurde daraus Chor.
Jetzt laufen Stimmen über Geräte.
Kabel.
Frequenzen.
Netze.
Menschen.
Die Idee ist dieselbe geblieben.
Nur das System darum ist größer geworden.
—
Das gefällt ihm.
Und beunruhigt ihn ein bisschen.
Nicht genug, um aufzuhören.
Aber genug, um es zu bemerken.
—
Nach der Show läuft alles rückwärts.
Menschen in Gondeln.
Material runter.
Crew meldet Bereiche frei.
„Bühne clear.“
„Backstage clear.“
„Letzte Gäste unterwegs.“
„Talstation bestätigt.“
Stück für Stück verschwindet der Abend aus dem Funk.
—
Chris sitzt wieder in einer Gondel.
Diesmal nur mit Daniel.
Das Funkgerät liegt zwischen ihnen.
Still.
Daniel:
„Akku leer.“
Chris:
„Symbolisch.“
„Nein. Akku leer.“
„Lass mir das.“
—
Unter ihnen liegt das Tal.
Die Gondel bewegt sich ruhig.
Kein Bass mehr.
Keine Crowd.
Nur das Rollen der Seilführung.
Metall.
Wind.
—
Chris nimmt das Funkgerät.
Drückt die Taste.
Nichts.
Natürlich.
Akku leer.
Er stellt es zurück.
„Komisch.“
Daniel:
„Was?“
„Vorhin wollten alle durch dieses Ding.“
Daniel:
„Ja.“
„Jetzt ist Ruhe.“
„Ja.“
Chris schaut hinaus.
„Auch gut.“
—
Halber Weg.
Dann hält die Gondel.
Ein Ruck.
Stillstand.
Chris schaut nach oben.
Dann nach unten.
Daniel:
„Normal.“
Chris:
„Sicher?“
„Ja.“
„Du hast sehr schnell geantwortet.“
„Weil es normal ist.“
Chris:
„Verdächtig.“
—
Sie hängen über dem dunklen Hang.
Unter ihnen nichts.
Weiter unten Licht.
Keine Bewegung.
Das Funkgerät tot.
Chris zieht sein Telefon heraus.
Empfang.
Volle Balken.
Mehrere Nachrichten.
Er steckt es wieder ein.
—
Daniel:
„Du kannst jemanden anrufen.“
Chris:
„Warum?“
„Falls du wissen willst, warum wir stehen.“
Chris sieht aus dem Fenster.
„Wir werden schon wieder fahren.“
—
Ein paar Sekunden später setzt sich die Gondel wieder in Bewegung.
Chris:
„Siehst du.“
Daniel:
„Mutig.“
—
Talstation.
Türen auf.
Nina wartet unten.
„Alles gut?“
Chris:
„Wir waren kurz verschollen.“
Daniel:
„Zwanzig Sekunden.“
Chris:
„Niemand mag Erbsenzähler.“
—
Nina hält ein Funkgerät hoch.
„Eures war aus.“
Chris:
„Akku.“
„Ich weiß.“
„Woher?“
„Funk.“
Chris nickt.
„Natürlich.“
—
Auf dem Weg zum Wagen laufen sie an der Talstation vorbei.
Hinter einer Scheibe sitzt ein Mitarbeiter.
Mehrere Monitore.
Schalter.
Funkgerät.
Er hebt kurz die Hand.
Chris bleibt stehen.
Geht zur Tür.
Daniel wartet.
—
Chris steckt den Kopf hinein.
„Hey.“
Der Mann dreht sich um.
„Hey.“
„Danke.“
Der Mann:
„Wofür?“
Chris zeigt nach oben.
„Dass das alles fährt.“
Der Mitarbeiter schaut kurz auf seine Anzeigen.
Dann zurück.
„Gern.“
Mehr nicht.
Chris geht wieder.
—
Daniel draußen:
„Was war das?“
Chris:
„Nichts.“
Kurze Pause.
„Man vergisst die Leute unten.“
Daniel versteht sofort.
„Ja.“
—
Im Auto vibriert Chris’ Telefon.
Er schaut.
Eine Nachricht von Nina, obwohl sie im Wagen hinter ihnen sitzt.
Ein Foto.
Das Funkgerät.
Darunter:
**STATUS CHRIS?**
Chris tippt:
**NEGATIV.**
Drei Punkte.
Antwort:
**Leider bestätigt.**
Chris lacht.
—
Daniel:
„Was?“
„Nichts.“
Er legt das Telefon weg.
—
Hinter ihnen verschwinden die Gondeln.
Eine nach der anderen.
Kleine Lichter über dem Hang.
Verbindungen zwischen zwei Punkten.
Oben.
Unten.
Dazwischen Stimmen.
—
Chris schaut noch einmal zurück.
JODELTIME ist längst größer als ein Song.
Größer als die erste Hütte.
Größer als ein paar virale Clips.
Inzwischen hängt ein ganzes System daran.
Menschen.
Abläufe.
Erwartungen.
Und immer mehr Stimmen auf immer mehr Kanälen.
Noch hört Chris sie gern.
Noch kann er entscheiden, wann er antwortet.
Noch funktioniert die Verbindung.
Aber zum ersten Mal versteht er:
Je größer das Netz wird, desto leichter kann man darin auch das eigene Signal verlieren.
Das Problem existiert noch nicht.
Nur die Möglichkeit.
Ein leises Rauschen unter einer ansonsten sehr guten Verbindung.
**Seilbahnfunk.**
Bergstation hört.
Chris auch.
—
