HÖHENFEHLER
Die Geschichte
Chris wacht auf und weiß sofort, dass etwas nicht stimmt.
Nicht dramatisch.
Kein Schmerz.
Kein Schwindel.
Kein schlechter Traum.
Nur dieses sehr konkrete Gefühl, dass sein Kopf bereits arbeitet, obwohl der Rest von ihm noch nicht zugestimmt hat.
Er öffnet die Augen.
Hotelzimmer.
Jacke über dem Stuhl.
Cap auf dem Tisch.
Telefon daneben.
Display dunkel.
Gut.
Er bleibt liegen.
Schließt die Augen wieder.
Das Telefon vibriert.
Chris:
„Nein.“
Noch einmal.
„Hab ich gesagt.“
—
Er greift danach.
Daniel.
**Bin unten.**
Darunter:
**Kein Stress.**
Chris sieht auf die Nachricht.
Dann auf die Uhr.
Dann wieder auf:
**Kein Stress.**
„Lügner.“
—
Unten sitzt Daniel beim Frühstück.
Kaffee.
Laptop.
Telefon.
Zwei Ausdrucke.
Chris setzt sich.
Daniel:
„Morgen.“
Chris:
„Angeblich.“
Daniel schaut ihn an.
„Schlecht geschlafen?“
„Gut.“
„Dann?“
Chris nimmt sich Kaffee.
„Zu viel gut.“
Daniel wartet.
Chris:
„Vergiss es.“
—
Auf dem Tisch liegen die nächsten Termine.
Nicht mehr einzelne Veranstaltungen.
Blöcke.
Reisen.
Produktionen.
Medien.
Shows.
Noch mehr Shows.
Ein Termin wurde verschoben.
Dadurch kollidiert etwas anderes.
Nina hat daneben drei Möglichkeiten notiert.
Daniel zeigt darauf.
„Wir müssen nur entscheiden, welche Variante.“
Chris liest.
Variante A.
Variante B.
Variante C.
Alle sehen scheiße aus.
Chris:
„D.“
Daniel:
„Gibt’s nicht.“
„Jetzt schon.“
„Was ist D?“
Chris nimmt einen Schluck.
„Keine Ahnung.“
Daniel:
„Stark.“
—
Normalerweise würde Chris lachen.
Heute nicht.
Daniel merkt es.
Sagt aber nichts.
Gut.
—
Im Wagen läuft Musik.
Nicht ihre.
Irgendeine Playlist.
Chris schaut hinaus.
Berge.
Straßen.
Tunnel.
Wieder Berge.
Das Telefon liegt auf seinem Oberschenkel.
Alle paar Minuten leuchtet es auf.
Chris beantwortet Nachrichten.
Schnell.
Eine.
Zwei.
Vier.
Mail.
Sprachnachricht.
Freigabe.
Rückfrage.
Noch eine.
—
Daniel:
„Du kannst das später machen.“
Chris:
„Dann ist später mehr.“
„Ja.“
„Siehst du.“
Daniel:
„Das war kein Argument dafür.“
Chris tippt weiter.
„Klang aber so.“
—
Eine Nachricht von Nina.
Chris liest sie.
Antwortet.
Zehn Sekunden später:
**Was meinst du?**
Chris liest seine eigene Nachricht noch einmal.
Sie ergibt keinen Sinn.
Nicht sprachlich.
Inhaltlich.
Er hatte auf eine andere Frage geantwortet.
Chris löscht.
Schreibt neu.
—
Daniel:
„Alles gut?“
„Ja.“
Zu schnell.
Daniel schaut wieder auf die Straße.
—
Die heutige Produktion findet weit oben statt.
Nicht ganz offen.
Eine Station mit großen Fenstern.
Dahinter Fels.
Schnee.
Wolken.
Der Weg dorthin läuft inzwischen routiniert.
Anmeldung.
Crew.
Funk.
Garderobe.
Soundcheck.
Chris kennt die Abläufe.
Vielleicht zu gut.
—
Nina kommt auf ihn zu.
„Ich brauch noch die Freigabe für—“
Chris:
„Hab ich geschickt.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein.“
Chris zieht sein Telefon heraus.
Sucht.
Da ist sie.
Entwurf.
Nicht gesendet.
Chris:
„Technisch gesehen fast.“
Nina:
„Chris.“
„Ja.“
Sie sieht ihn an.
Nicht streng.
Das wäre leichter.
„Alles okay?“
„Natürlich.“
Wieder zu schnell.
—
Soundcheck.
Chris steht am Mikrofon.
Instrumental läuft.
Er setzt ein.
Zu früh.
Stoppt.
„Nochmal.“
Zweiter Versuch.
Eine Zeile.
Nächste.
Dann fehlt ein Wort.
Nicht vergessen.
Es ist da.
Er kommt nur nicht schnell genug dran.
Chris hebt die Hand.
Musik aus.
—
Produzent:
„Alles gut?“
Chris:
„Ja.“
Daniel sitzt unten.
Sagt nichts.
Chris sieht ihn.
„Was?“
Daniel:
„Nichts.“
„Du guckst.“
„Ich registriere.“
Chris verzieht den Mund.
Der Satz kommt zurück.
Von früher.
Telefon auf dem Frühstückstisch.
Display nach unten.
Damals lustig.
Heute weniger.
—
„Nochmal.“
Beat.
Diesmal sitzt alles.
Sauber.
Chris beendet den Part.
„Siehst du.“
Niemand hatte etwas gesagt.
Das stört ihn.
—
Backstage liegt Essen.
Chris nimmt nichts.
Nina:
„Du solltest was essen.“
„Später.“
„Du hast beim Frühstück auch kaum—“
Chris sieht sie an.
Sie stoppt.
Nicht eingeschüchtert.
Nur genervt.
„Okay.“
Sie geht.
Chris sieht ihr nach.
Das war unnötig.
Er weiß es sofort.
Geht ihr aber nicht hinterher.
Noch unnötiger.
—
Das Telefon klingelt.
Martin.
Chris nimmt ab.
„Ja.“
Martin redet.
Zahlen.
Eine Anfrage.
Irgendwas läuft besser als erwartet.
Normalerweise gute Nachricht.
Chris hört zu.
Zumindest glaubt er das.
Dann merkt er, dass Martin auf eine Antwort wartet.
„Was?“
Martin wiederholt die Frage.
Chris schaut aus dem Fenster.
Wolken ziehen unterhalb der Station.
„Mach.“
Martin:
„Was davon?“
Chris schließt die Augen.
„Schick’s Daniel.“
Pause.
„Alles okay bei dir?“
Chris:
„Warum fragt mich das heute jeder?“
Martin:
„Weil ich der Dritte bin?“
Chris legt auf.
—
Daniel steht in der Tür.
Natürlich.
Chris:
„Hast du neuerdings einen Kurs in bedrohlichem Auftauchen?“
Daniel:
„Martin hat angerufen.“
„Bei dir?“
„Ja.“
„Verräter.“
Daniel setzt sich.
Nicht gegenüber.
Neben Chris.
Das ist schlimmer.
—
„Was ist los?“
„Nichts.“
„Okay.“
Daniel steht wieder auf.
Chris:
„Das war’s?“
„Du hast nichts gesagt.“
„Du könntest nachfragen.“
Daniel:
„Hab ich.“
Chris:
„Schlechtes Gespräch.“
„Definitiv.“
—
Daniel geht zur Tür.
Chris:
„Ich bin einfach müde.“
Daniel bleibt stehen.
Dreht sich um.
„Okay.“
Chris:
„Das war jetzt die Stelle, wo du sagen sollst, dass wir zu viel machen.“
Daniel:
„Machen wir?“
Chris will sofort Ja sagen.
Tut es nicht.
Denn das stimmt nicht ganz.
Er will die Shows.
Die Musik.
Die Produktion.
Die Menschen.
Sogar einen großen Teil des Chaos.
Das Problem ist nicht einfach die Menge.
—
Chris:
„Keine Ahnung.“
Daniel nickt.
„Das glaub ich dir.“
—
Zum ersten Mal nervt Chris dieser Satz nicht.
—
Die Show beginnt trotzdem.
Natürlich.
Und sie funktioniert.
Natürlich.
Das ist fast das Problem.
Chris geht raus und alles schaltet um.
Körper.
Stimme.
Fokus.
Die ersten Songs sitzen.
Crowd laut.
Licht perfekt.
JODELTIME lebt.
—
Bei **Gams im Bass** steht wieder irgendein Schild.
**GAMS POSITIV.**
Chris lacht.
Echt.
Bei **Seilbahnfunk** antwortet die Halle auf:
„Bergstation?“
mit:
„HÖRT!“
Chris ist da.
Vollständig.
Für diese Minuten.
—
Dann kommt der neue Track.
**Höhenfehler.**
Das Intro beginnt schief.
Absichtlich.
Ein Signal, das kurz zu hoch läuft.
Ein Motiv, das sich verschiebt.
Etwas stimmt nicht.
Aber musikalisch genau richtig.
—
Chris steht im Licht.
„Manchmal denkst du, du bist oben.“
Kurze Pause.
„Und merkst erst später, dass du nur den Maßstab falsch eingestellt hast.“
Daniel sieht seitlich hoch.
Chris selbst hört den Satz erst, nachdem er ihn gesagt hat.
—
Beat.
—
Der Song ist weniger lustig.
Nicht traurig.
Unruhig.
Rhythmus sitzt.
Aber Elemente verschieben sich gegeneinander.
Kurze Aussetzer.
Falsche Erwartungen.
Ein Drop, der nicht dort kommt, wo man ihn erwartet.
Dann umso härter.
—
Die Crowd geht mit.
Natürlich.
Chris auch.
Aber diesmal hört er den Text anders.
Nicht wie beim Schreiben.
Nicht wie im Studio.
Jetzt steht er mitten darin.
—
**Erwartung.**
**Realität.**
Dazwischen:
Fehler.
—
Chris sieht für einen Moment nicht die Menge.
Er sieht Listen.
Nachrichten.
Termine.
Das nicht gesendete Dokument.
Ninas Blick.
Martins Frage.
Seinen falschen Einsatz beim Soundcheck.
Kleinigkeiten.
Alles Kleinigkeiten.
Genau das macht es unangenehm.
—
Er verpasst keinen Einsatz.
Kein Wort.
Niemand merkt etwas.
Chris merkt alles.
—
Nach dem Track Jubel.
Groß.
Chris steht da.
Atmet.
Dann:
„Gut.“
Pause.
„Jetzt wieder Quatsch.“
Die Halle lacht.
Nächster Song.
Weiter.
—
Nach der Show kommt Nina backstage.
Chris sitzt.
Teller vor sich.
Er isst.
Sie bemerkt es.
Chris:
„Sag nichts.“
Nina:
„Ich wollte nichts sagen.“
„Du hast geguckt.“
„Ich registriere.“
Chris zeigt mit der Gabel auf sie.
„Ihr sprecht euch ab.“
—
Kurze Stille.
Dann:
„Vorhin war unnötig.“
Nina:
„Ja.“
Chris:
„Du könntest wenigstens so tun, als müsstest du überlegen.“
„Warum?“
Chris nickt.
„Auch wieder wahr.“
—
Sie setzt sich.
Chris:
„Sorry.“
„Schon okay.“
„Nein.“
Nina schaut ihn an.
Chris:
„War nicht okay. Nur klein.“
Sie nickt.
„Dann ist es jetzt erledigt.“
Das gefällt ihm.
Keine Analyse.
Kein großes Gespräch.
Fehler.
Korrigiert.
Weiter.
—
Daniel kommt rein.
„Wir müssen noch—“
Chris hebt die Hand.
Daniel stoppt.
Chris:
„Morgen.“
Daniel schaut auf die Unterlagen.
Dann zu Chris.
„Okay.“
Chris:
„Und den ersten Termin streichen.“
„Welchen?“
Chris zeigt.
Daniel:
„Warum?“
Chris überlegt.
Diesmal hat er eine Antwort.
„Weil ich sonst beim zweiten schon scheiße bin.“
Daniel nickt.
Streicht ihn.
Keine Diskussion.
—
Chris:
„Und nächste Woche einen Tag komplett frei.“
Daniel hebt die Augenbrauen.
„Komplett?“
„Ja.“
„Keine Interviews?“
„Nein.“
„Studio?“
„Nein.“
„Telefon?“
Chris denkt nach.
„Telefon darf existieren.“
Daniel:
„Großzügig.“
—
Nina:
„Ich dokumentiere das.“
Chris:
„Natürlich.“
—
Später steht Chris draußen.
Die Station hinter ihm.
Wolken darunter.
Der Blick täuscht.
Von hier wirkt alles niedriger.
Das Tal klein.
Straßen dünn.
Probleme weit weg.
Aber Chris weiß inzwischen:
Höhe verändert Perspektive.
Nicht Tatsachen.
—
Daniel kommt raus.
Hält Chris eine Jacke hin.
„Kalt.“
Chris nimmt sie.
„Danke.“
—
Eine Weile stehen beide schweigend.
Dann sagt Chris:
„Ich dachte, wenn ich mich an das alles gewöhne, wird es leichter.“
Daniel:
„Ist es doch.“
Chris schaut ihn an.
Daniel:
„Du kannst inzwischen vor zehntausend Leuten stehen und dich über eine Gams streiten.“
Chris lacht.
„Stimmt.“
„Aber leichter heißt nicht automatisch weniger.“
Das bleibt stehen.
—
Chris schaut ins Tal.
„Das war gut.“
Daniel:
„Ich hab manchmal welche.“
„Selten.“
„Deshalb merkt man sie.“
—
Chris zieht die Jacke an.
„Ich will nicht wieder zurück.“
Daniel:
„Wohin?“
„In diesen Modus, wo alles nur noch passiert und ich hinterherlaufe.“
Daniel nickt.
Keine falsche Beruhigung.
Kein:
*Passiert schon nicht.*
Nur:
„Dann müssen wir früher merken, wenn’s anfängt.“
Chris:
„Wir?“
„Ich will meinen Job behalten.“
Chris:
„Du bist doch gekündigt.“
„Wem?“
Chris seufzt.
„Ich hasse diesen Witz.“
Daniel:
„Nein.“
„Stimmt.“
—
Im Wagen bleibt der Laptop zu.
Daniels Entscheidung.
Chris kommentiert es nicht.
Sein Telefon liegt in der Mittelkonsole.
Display nach unten.
Diesmal nicht als Symbol.
Einfach weil er gerade nichts davon braucht.
—
Nach einigen Kilometern sagt Daniel:
„Nullpunkt 3000.“
Chris:
„Was?“
„Nächster Track.“
Chris schaut hinaus.
„Ja.“
„Hast du schon eine Idee?“
Chris:
„Vielleicht.“
„Welche?“
Chris sieht die Berge.
Weiter oben Schnee.
Noch höher Wolken.
Dann:
„Wenn Höhenfehler bedeutet, dass der Maßstab falsch ist…“
Daniel wartet.
„…müsste man vielleicht einmal alles auf null stellen.“
Daniel:
„Klingt unangenehm vernünftig.“
Chris:
„Mach’s nicht kaputt.“
—
Straße.
Tunnel.
Wieder Licht.
Chris lehnt sich zurück.
Der Fehler war klein.
Kein Absturz.
Kein Zusammenbruch.
Keine Katastrophe.
Gerade deshalb nimmt er ihn ernst.
Ein falscher Einsatz.
Eine falsche Nachricht.
Ein falscher Ton.
Eine falsche Einschätzung davon, wie viel noch geht.
Höhenfehler.
Nicht weil man zu hoch gestiegen ist.
Sondern weil man irgendwann aufhört zu prüfen, auf welcher Höhe man eigentlich steht.
Chris schaut auf das ausgeschaltete Display.
Heute kennt er die Antwort nicht genau.
Das reicht fürs Erste.
Beim nächsten Mal will er sie früher wissen.
—
