GAMS IM BASS
Die Geschichte
Das Tier steht auf der Straße.
Daniel bremst.
Nicht dramatisch.
Aber deutlich genug, dass Chris vom Handy hochschaut.
„Was ist?“
Daniel zeigt durch die Windschutzscheibe.
Chris schaut.
Pause.
„Ist das eine Ziege?“
Daniel:
„Nein.“
„Sicher?“
„Ja.“
Chris betrachtet das Tier.
Schlank.
Dunkel.
Gebogene Hörner.
Es steht mitten auf der Zufahrt und sieht den Wagen an, als hätte es Vorfahrt.
Chris:
„Dann erklär.“
„Gams.“
Chris lehnt sich etwas vor.
„Ach.“
Die Gams bewegt sich nicht.
Daniel:
„Die muss weg.“
Chris:
„Sag’s ihr.“
Daniel sieht ihn an.
„Warum ich?“
„Du organisierst.“
—
Hinter ihnen hupt jemand.
Chris dreht sich um.
Ein Transporter.
Dann wieder nach vorne.
Die Gams steht noch immer da.
„Die hat Ruhemodus.“
Daniel:
„Steig aus.“
„Warum?“
„Du wolltest doch Natur.“
Chris:
„Ich wollte Natur sehen. Nicht verhandeln.“
—
Daniel öffnet die Tür.
In genau diesem Moment läuft die Gams drei Schritte zur Seite.
Bleibt dort stehen.
Daniel friert halb ausgestiegen ein.
Chris:
„Starke Autorität.“
Daniel steigt wieder ein.
„Halt die Fresse.“
—
Sie fahren vorbei.
Chris schaut aus dem Seitenfenster.
Die Gams sieht ihnen nach.
„Die bewertet uns.“
Daniel:
„Zu Recht.“
—
Die Location liegt diesmal wieder höher.
Aber anders.
Keine einsame Bergstation.
Kein ruhiger Grat.
Ein großes Gelände zwischen Hang, Talstation und mehreren Gebäuden.
Schon auf der Zufahrt hört man Bass.
Nicht Musik.
Nur Bass.
Dumpf.
Regelmäßig.
Durch Türen.
Wände.
Autoscheiben.
Chris hört hin.
„Das ist unserer.“
Daniel:
„Soundcheck.“
Chris:
„Zu leise.“
Daniel:
„Wir sitzen noch im Auto.“
Chris:
„Eben.“
—
Vor dem Gelände stehen mehr Fahrzeuge als erwartet.
Nightliner.
Transporter.
Technik.
Catering.
Security.
Produktionsbüros.
JODELTIME ist inzwischen keine charmante Reihe improvisierter Bergshows mehr.
Nicht nur.
Die Sache hat Gewicht bekommen.
Personal.
Budgets.
Abläufe.
Verträge.
Menschen, deren Job davon abhängt, dass Chris irgendwann auf einer markierten Fläche steht und etwas in ein Mikrofon sagt.
Chris sieht aus dem Fenster.
„Das ist größer.“
Daniel:
„Ja.“
„Schon wieder.“
„Ja.“
Chris nickt.
„Gut.“
Daniel schaut kurz rüber.
Das Wort kommt inzwischen ohne Überraschung.
—
Nina wartet am Eingang.
Headset.
Klemmbrett.
Jacke.
Der Gesichtsausdruck einer Frau, die bereits Probleme gelöst hat, von denen Chris noch nichts weiß.
„Ihr seid spät.“
Chris:
„Gams.“
Nina schaut Daniel an.
Daniel:
„Gams.“
Nina nickt.
„Natürlich.“
Chris:
„Danke.“
„Wofür?“
„Vertrauen.“
„Ich hab nur aufgehört nachzufragen.“
—
Sie gehen rein.
Der Bass wird stärker.
Im Produktionsbereich vibriert irgendwo eine Metallverkleidung.
Chris bleibt stehen.
Hört.
„Da scheppert was.“
Ein Techniker dreht sich um.
„Wo?“
Chris zeigt.
„Da.“
Der Techniker hört.
Bass.
Rattern.
Bass.
Rattern.
„Stimmt.“
Chris:
„Ich bin hilfreich.“
Nina:
„Schreib den Tag auf.“
—
Auf der Bühne läuft bereits das Instrumental.
Trocken.
Hart.
Der Bass springt.
Nicht als lange Fläche.
Kurze, tiefe Schläge.
Dazwischen perkussive Elemente.
Holz.
Metall.
Ein alpines Motiv, das nur kurz auftaucht und sofort wieder verschwindet.
Chris geht nach vorne.
„Nochmal von Anfang.“
Der Produzent startet.
—
Kick.
Bass.
Pause.
Bass.
Chris beginnt automatisch mit dem Kopf zu nicken.
Dann mit den Schultern.
Daniel steht unten.
„Da ist er wieder.“
Chris:
„Wer?“
„Der Fuß.“
Chris schaut auf seinen Schuh.
Tatsächlich.
Er wippt.
Chris:
„Scheiße.“
Daniel:
„Sepp gewinnt.“
—
Chris nimmt das Mikro.
Ein paar Zeilen.
Der Bass schiebt.
Nicht majestätisch.
Nicht cineastisch.
Frech.
Fast körperlich.
Der Song will nicht erklären.
Er will Bewegung.
Das tut gut.
—
„Noch trockener.“
Der Techniker:
„Was?“
„Bass.“
„Der ist schon trocken.“
Chris:
„Dann durstig.“
Kurze Stille.
Der Techniker:
„Damit kann ich nichts anfangen.“
Daniel:
„Ich übersetze später.“
—
Beim zweiten Durchlauf sitzt es.
Chris geht über die Bühne.
Kurze Stops.
Flow.
Bass.
Antwort.
Kein großes Drama.
Keine Erkenntnis.
Einfach Energie.
Nach den letzten Shows fühlt sich das fast wie Urlaub an.
—
Dann kommt draußen Bewegung rein.
Ein Security-Mann schaut zum Hang.
Noch einer.
Nina ebenfalls.
Chris:
„Was ist?“
Nina:
„Nichts.“
Chris:
„Ihr guckt.“
Daniel:
„Du kennst das.“
—
Am Rand des Geländes steht eine Gams.
Vielleicht dieselbe.
Vielleicht nicht.
Chris entscheidet sofort:
dieselbe.
Sie steht oberhalb einer Absperrung und schaut auf den Soundcheck.
Chris zeigt hin.
„Die stalkt uns.“
Daniel:
„Das ist nicht dieselbe.“
„Beweis.“
„Ich habe keinen.“
„Dann ist sie’s.“
—
Ein paar Crewmitglieder machen Fotos.
Die Gams bleibt.
Der Bass läuft.
Sie bewegt den Kopf.
Chris sieht es.
„Sie nickt.“
Nina:
„Sie kaut.“
Chris:
„Negativität.“
—
Der Produzent startet den Drop erneut.
Bass.
Die Gams springt ein Stück höher auf den Hang.
Bleibt dort.
Chris hebt das Mikro.
„Gams im Bass.“
Daniel schließt kurz die Augen.
„Nein.“
Chris:
„Doch.“
„Bitte nicht.“
Chris dreht sich zum Produzenten.
„Titel steht.“
Der Produzent lacht.
Daniel:
„Wir haben bereits einen Titel.“
Chris:
„Jetzt wissen wir, warum.“
—
Natürlich wird die Gams gefilmt.
Natürlich landet der Clip irgendwo.
Natürlich verbreitet er sich schneller als jede geplante Promo.
Noch bevor Einlass ist, zeigt Nina Chris das Telefon.
Video:
Bühne.
Bass.
Gams.
Chris im Hintergrund:
**„Sie nickt.“**
Dann Ninas Stimme:
**„Sie kaut.“**
Clip vorbei.
Chris sieht die Aufrufe.
„Nein.“
Nina:
„Doch.“
„Wie lange ist das online?“
„Nicht lange.“
Chris:
„Menschen haben Probleme.“
Daniel:
„Unsere Zielgruppe.“
—
Beim Einlass tauchen die ersten Schilder auf.
**DIE GAMS NICKT.**
Chris sieht eines durch den Vorhang.
„Das kann nicht wahr sein.“
Daniel:
„Doch.“
Ein zweites:
**TEAM KAUT.**
Chris dreht sich zu Nina.
Sie hebt beide Hände.
„Ich war das nicht.“
—
Die Show beginnt mit voller Energie.
Heute kein vorsichtiger Aufbau.
Kein langer atmosphärischer Einstieg.
Die Leute sind schon da.
Nicht körperlich.
Mental.
Sie haben Clips gesehen.
Songs gehört.
Rufe gelernt.
Insider gesammelt.
JODELTIME hat inzwischen eine eigene Sprache.
Und Chris merkt, wie gefährlich lustig das werden kann.
—
Er geht raus.
Jubel.
Erster Track.
Sofort Bewegung.
Die Halle – oder eher das Gelände – springt schneller an als früher.
Niemand muss mehr überzeugt werden.
Sie sind gekommen, weil sie wissen, was sie wollen.
—
Chris:
„Bevor wir anfangen—“
Von vorne:
„DIE GAMS NICKT!“
Chris stoppt.
Schaut ins Publikum.
„Wir haben angefangen.“
Gelächter.
Von rechts:
„SIE KAUT!“
Chris dreht sich zu Nina.
Die steht seitlich und versucht, nicht zu lachen.
Chris:
„Danke für nichts.“
—
Der Set läuft.
Schnell.
Eng.
Die Songs greifen inzwischen ineinander.
Nicht wie einzelne Versuche.
Wie ein Katalog.
Das fällt Chris zum ersten Mal richtig auf.
Er kann auswählen.
Tempo verändern.
Rufe einsetzen.
Publikum teilen.
Ruhe herstellen.
Wieder hochfahren.
Das ist nicht mehr nur Auftritt.
Er kann den Raum führen.
—
Dann kommt **Gams im Bass**.
Chris sagt nichts.
Nur der erste tiefe Schlag.
Die Crowd reagiert sofort.
Zweiter.
Mehr Bewegung.
Dritter.
Der Groove springt an.
—
Chris:
„Okay.“
Bass.
„Wenn heute irgendwo eine Ziege auftaucht—“
Daniel ruft von der Seite:
„GAMS!“
Chris:
„Ich kündige dich wirklich.“
Crowd:
„GAMS! GAMS! GAMS!“
Chris steht da.
Mikro unten.
„Das ist außer Kontrolle.“
Der Beat fällt rein.
—
Der Song funktioniert absurd gut.
Vielleicht gerade deshalb.
Keine schwere Symbolik.
Keine Botschaft, die jemand erklären muss.
Bass.
Bewegung.
Berg.
Tier.
Unsinn.
Manchmal reicht das.
—
Chris springt nicht wild herum.
Muss er nicht.
Der Groove macht die Arbeit.
Kurze Bewegungen.
Schultern.
Schritte.
Publikum reagiert.
Jeder Bassschlag zieht sichtbar durch die ersten Reihen.
—
Dann zeigt jemand nach oben.
Erst einer.
Dann mehrere.
Chris bemerkt es.
Schaut zum Hang.
Pause.
Da steht tatsächlich eine Gams.
Weiter oben.
Im Licht gerade noch sichtbar.
Die Crowd explodiert.
Chris dreht sich komplett um.
„Nein.“
Jubel.
„NEIN.“
Noch lauter.
Daniel hält sich seitlich den Kopf.
Nina filmt.
Chris zeigt auf sie.
„Handy runter!“
Sie filmt weiter.
—
Der Beat läuft.
Die Gams steht.
Chris schaut sie an.
Dann ins Publikum.
Dann wieder hoch.
„Wenn die jetzt nickt, geh ich.“
Bass.
Die Gams bewegt den Kopf.
Nicht im Takt.
Völlig egal.
Das Gelände rastet aus.
Chris lässt das Mikro sinken.
Geht zwei Schritte Richtung Bühnenausgang.
Daniel stellt sich ihm in den Weg.
„Nein.“
Chris:
„Ich hab’s angekündigt.“
Daniel:
„Vertrag.“
Chris:
„Scheiß System.“
—
Er geht zurück.
Der Drop kommt.
Jetzt ist alles vorbei.
Crowd springt.
Schilder hoch.
Bass.
Jodelsample.
Gelächter.
Menschen filmen.
Chris rappt weiter und muss selbst lachen.
Nicht gespielt.
Er kriegt eine Zeile kaum sauber raus.
Fängt sich.
Nächste sitzt.
—
Das ist neu.
Nicht der Erfolg.
Nicht die Größe.
Etwas anderes.
Die Leute sind nicht mehr nur Publikum.
Sie bauen mit.
Aus Nebensätzen werden Running Gags.
Aus Pannen werden Rituale.
Aus zufälligen Momenten werden Teile der Show.
Chris liefert nicht mehr einfach Material.
Zwischen Bühne und Menschen entsteht eine gemeinsame Geschichte.
—
Nach dem Song ruft Chris:
„Die war übrigens nicht gebucht.“
Von vorne:
„NOCH NICHT!“
Chris:
„Wer von euch arbeitet im Management?“
Daniel hebt seitlich die Hand.
Chris:
„Du nicht.“
—
Später, bei **Kein Empfang am Grat**, wird es wieder ruhig.
Und das Verrückte:
Es funktioniert.
Dieselben Menschen, die gerade wegen einer kauenden Gams komplett eskaliert sind, stehen plötzlich stiller.
Hören.
Singen.
Lassen Platz.
Chris sieht es.
Das gefällt ihm vielleicht noch mehr.
Sie können beides.
Er inzwischen auch.
—
Nach der Show wartet hinter der Bühne ein Mann vom Veranstalter.
Breites Grinsen.
„Das war irre.“
Chris:
„Die Gams war nicht unsere.“
„Schade.“
Daniel:
„Sag das nicht.“
Der Veranstalter:
„Ich wollte gerade fragen, ob man sowas—“
Daniel:
„Nein.“
Chris:
„Sehr gut.“
—
Nina kommt dazu.
„Der Clip ist komplett durch.“
Chris:
„Welcher?“
Sie schaut ihn an.
Chris:
„Natürlich.“
—
Sie zeigt das Video.
Chris auf der Bühne:
**„Wenn die jetzt nickt, geh ich.“**
Gams bewegt den Kopf.
Crowd explodiert.
Chris dreht sich um und läuft.
Daniel blockiert ihn.
Ende.
Chris sieht die Zahl.
Dann nochmal.
„Das ist krank.“
Daniel:
„Ja.“
Chris:
„Mehr als Lawinenchor?“
Nina:
„Gerade ja.“
Chris starrt aufs Telefon.
„Ein Tier frisst Gras.“
Nina:
„Content.“
Chris gibt ihr das Handy zurück.
„Ich hasse dieses Wort.“
—
Später sitzen sie im Produktionsbüro.
Essen.
Endlich.
Chris mit einem Teller.
Daniel gegenüber.
Nina scrollt noch immer durch Reaktionen.
„Hier schreibt einer, die Gams soll mit auf Tour.“
Daniel:
„Nein.“
„Merch.“
Daniel:
„Nein.“
Chris:
„Gams im Bass Shirt.“
Daniel sieht ihn an.
Chris kaut.
„Was?“
Daniel:
„Du bist Teil des Problems.“
Chris:
„Ich bin Künstler.“
Nina:
„Das ist keine Verteidigung.“
—
Eine Nachricht kommt rein.
Sepp.
Natürlich.
Nina liest vor:
„Habt ihr jetzt Viecher als Vorgruppe?“
Chris hält die Hand auf.
„Telefon.“
Sie gibt es ihm.
Chris tippt:
**Nur Fachpersonal.**
Antwort sofort:
**Dann warum bist du da?**
Chris legt das Handy wortlos auf den Tisch.
Daniel:
„Was?“
Chris:
„Nichts.“
Nina nimmt es.
Liest.
Lacht.
Chris:
„Ihr seid alle gekündigt.“
Daniel:
„Wem?“
Chris zeigt auf ihn.
„Der wird langsam alt.“
—
Draußen ist das Gelände fast leer.
Crew baut ab.
Der Hang liegt wieder dunkel.
Keine Gams mehr.
Zumindest keine sichtbare.
Chris geht kurz raus.
Nicht wegen Ruhe.
Einfach Luft.
Der Bass ist verschwunden.
Nur Generator.
Cases.
Stimmen.
—
Er schaut nach oben.
Nichts.
„Danke.“
Daniel kommt hinterher.
„Mit wem redest du?“
„Niemandem.“
„Gut.“
—
Chris steckt die Hände in die Jacke.
„War geil.“
Daniel:
„Ja.“
„Richtig dumm.“
„Auch ja.“
Chris grinst.
„Brauchen wir öfter.“
Daniel:
„Gämse?“
„Nein.“
Kurze Pause.
„Sachen, die keinen tieferen Sinn brauchen.“
Daniel nickt.
„Kann gesund sein.“
Chris:
„Jetzt mach’s nicht kaputt.“
—
Sie gehen zurück.
Am Eingang hängt bereits ein provisorischer Ausdruck.
Jemand aus der Crew hat ihn an die Tür geklebt.
Schwarzweißfoto der Gams.
Darunter:
**ARTIST SUPPORT**
Chris bleibt stehen.
Daniel auch.
Beide sehen es an.
Chris:
„Das bleibt.“
Daniel:
„Definitiv.“
—
Der nächste Termin wartet.
Größer wieder.
Natürlich.
Aber heute interessiert Chris die Zahl nicht besonders.
Nicht weil sie unwichtig wäre.
Sondern weil er gerade über etwas anderes lacht.
Das ist vielleicht ebenfalls Fortschritt.
—
Im Wagen startet Daniel den Motor.
Chris schnallt sich an.
Dann schaut er durch die Windschutzscheibe.
„Wenn da jetzt wieder eine steht—“
Daniel:
„Fahren wir weiter.“
„Einfach?“
„Einfach.“
Chris nickt anerkennend.
„Du entwickelst dich.“
—
Keine Gams.
Straße frei.
Sie fahren los.
Hinter ihnen wird das Gelände kleiner.
Vor ihnen liegen neue Bühnen.
Neue Orte.
Neue Möglichkeiten, Dinge komplett außer Kontrolle geraten zu lassen.
Chris schaut aufs Handy.
Das Video läuft noch einmal.
Gams.
Bass.
Kopfnicken.
Er lacht.
Speichert es.
Dann Display aus.
—
Nicht jeder Moment muss etwas verändern.
Manche müssen einfach funktionieren.
Und dieser funktioniert hervorragend.
**Gams im Bass.**
Mehr Erklärung wäre bereits zu viel.
—
