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RESTBIERAKTEN · KAPITEL 9

SCHAUMPARTY-VERHÖR

Schaumparty-Verhör – Original-Artwork auf SoundCloud

SCHAUMPARTY-VERHÖR

Die Geschichte

Phanti sieht die Maschine.

Chris sieht Phanti.

„Nein."

Phanti:

„Was nein?"

„Dein Gesicht."

„Mein Gesicht ist privat."

„Nicht mehr."

— Die Maschine läuft an.

Erst sieht es harmlos aus.

Ein bisschen weißer Schaum fällt von oben.

Ein paar Leute jubeln.

Jemand hält beide Hände hinein.

Chris:

„Okay."

Phanti:

„Was soll passieren?"

— Mehr Schaum.

Deutlich mehr.

— Chris:

„Ah."

Phanti:

„Falsche Akte."

— Dann verschwindet der Boden.

Nicht wirklich.

Aber ausreichend.

Weiße Masse schiebt sich durch den Raum, steigt an Schuhen hoch, verschluckt Beine, Taschen, Becher und alles, was nicht rechtzeitig irgendwo befestigt wurde.

Die Menge reagiert mit der einzig vernünftigen Entscheidung:

Sie geht tiefer rein.

— Phanti:

„Natürlich."

Chris:

„Was hast du erwartet?"

„Selbsterhaltung."

„Falsche Veranstaltung."

— Der Schaum steht ihnen inzwischen bis an die Knie.

Sichtweite:

schlecht.

Sehr schlecht.

Links verschwinden drei Menschen.

Rechts tauchen fünf auf.

Chris kennt keinen davon.

Zumindest glaubt er das.

Einer umarmt ihn.

„Bruder!"

Chris:

„Hi."

Der Mann verschwindet wieder.

Phanti:

„Kennst du den?"

„Ab jetzt offenbar."

— Dann sieht Chris die Schwimmbrille.

Ein Mann steht mitten im Raum.

Schwimmbrille über den Augen.

Komplett ernst.

Kein Kostüm.

Kein Gag.

Vorbereitung.

— Chris zeigt auf ihn.

„Der übertreibt."

Phanti:

„Noch."

— Jemand kommt mit drei Getränken vorbei.

Oder zumindest drei Bechern.

Was darin ist, lässt sich kaum noch bestimmen.

Schaum hängt an den Rändern.

Einer der Männer neben ihnen nimmt einen.

Probiert.

Alle sehen ihn an.

Er denkt nach.

„Kann man trinken."

— Chris:

„Danke, Hakan."

Hakan hebt den Becher.

„Gerne."

Phanti:

„Was ist es?"

Hakan schaut hinein.

„Keine Ahnung."

— Er trinkt weiter.

— Chris verliert Phanti.

Nicht metaphorisch.

Ein Schwall weißer Masse kommt zwischen ihnen herunter und plötzlich ist da nur noch Schaum.

„Phanti?"

Keine Antwort.

„Phanti!"

Von irgendwo:

„Ja."

„Wo?"

„Hier."

Chris dreht sich.

Nichts.

„Wo ist hier?"

„Bei mir."

— Dann taucht Phanti aus der weißen Wand auf.

Schaum im Bart.

Schaum auf der Jacke.

Schaum auf dem Kopf.

Er wischt sich langsam über das Gesicht.

Chris wartet.

Phanti:

„Angenehm."

Pause.

„Endlich Pflege, die bis in die Schuhe geht."

— Chris lacht.

Phanti nicht.

Noch nicht.

— Neben ihnen sucht ein Mann hektisch im Schaum.

Beide Hände verschwinden darin.

Er tastet den Boden ab.

Chris:

„Was suchst du?"

Der Mann:

„Weiß ich noch nicht."

— Chris wartet.

„Wie?"

„Ich merk's, wenn es wieder da ist."

— Phanti schaut zu Chris.

Chris zu Phanti.

„Starkes System."

— Sie helfen nicht.

Nicht weil sie schlechte Menschen wären.

Sondern weil niemand weiß, wobei.

— Dann entsteht plötzlich Jubel.

Ein Mann hält ein Telefon über den Kopf.

Wie einen Schatz.

Offenbar gerade aus dem Schaum geborgen.

„Hab's!"

Alle um ihn herum feiern.

Er drückt auf den Bildschirm.

Nichts.

Noch einmal.

Nichts.

Sein Gesicht verändert sich.

„Das war wasserdicht."

— Phanti:

„Bis gerade."

— Der Mann schaut ihn an.

Phanti:

„Sorry."

— Er ist nicht sorry.

— Die Maschine arbeitet weiter.

Die Welt wird weiß.

Musik kommt nur noch irgendwoher.

Menschen erscheinen und verschwinden.

Ein Arm.

Ein Kopf.

Ein Becher.

Eine Hand mit Handy.

Dann nichts.

— Chris:

„Wir sollten hier raus."

Phanti:

„Wo ist raus?"

Chris schaut sich um.

„Gute Frage."

— Sie gehen in eine Richtung.

Kommen an derselben Säule vorbei.

Phanti:

„Die kenn ich."

Chris:

„Nein."

„Doch."

„Säulen sehen ähnlich aus."

Phanti zeigt auf einen Aufkleber.

„Die nicht."

— Chris:

„Okay."

Sie drehen um.

— Wieder Schwimmbrille.

Der Mann steht noch immer da.

Völlig entspannt.

Chris:

„Langsam versteh ich ihn."

Phanti:

„Visionär."

— Dann stoppt die Maschine.

Nicht dramatisch.

Einfach:

Ruhe.

— Der Schaum sackt langsam zusammen.

Und damit kommt die Welt zurück.

Stück für Stück.

Erst Oberkörper.

Dann Beine.

Dann Boden.

— Was darunter erscheint, wirft neue Fragen auf.

— Eine Socke.

Kein Mensch dazu.

Zwei Schlüssel.

Ein einzelner Schuh.

Etwas, das vermutlich einmal eine Sonnenbrille war.

Ein Shirt.

Mehrere Becher.

Ein Gegenstand, dessen ursprünglicher Zweck nicht mehr eindeutig feststellbar ist.

— Phanti betrachtet den Boden.

„Jetzt wird's Arbeit."

Chris:

„Für wen?"

Phanti:

„Keine Ahnung."

— Eine Stimme:

„WER HAT MEINEN SCHUH?"

— Chris dreht sich um.

Ein Mann steht tatsächlich barfuß da.

Zumindest auf einer Seite.

Er zeigt auf einen Schuh am Boden.

Ein anderer Mann hebt ihn auf.

„Meiner."

Der Barfüßige:

„Nein, meiner."

Der andere:

„Ich hab genau den."

Chris schaut nach unten.

Der andere trägt bereits zwei Schuhe.

— Phanti:

„Interessant."

Chris:

„Verhör."

— Phanti schaut ihn an.

Chris:

„Was?"

„Jetzt fängst du schon an."

— Der Mann mit zwei Schuhen hält den dritten.

„Der gehört mir."

Chris:

„Wie viele Füße hast du?"

„Zwei."

„Wie viele Schuhe brauchst du?"

Pause.

„Kommt drauf an."

— Phanti:

„Worauf?"

Der Mann:

„Auf die Schuhe."

— Phanti nickt langsam.

„Starke Aussage."

— Ein anderer kommt vorbei.

Er trägt zwei unterschiedliche Schuhe.

Chris zeigt darauf.

„Sind die beide deine?"

Der Mann schaut runter.

„Ja."

„Sicher?"

„Hundert Prozent."

Phanti:

„Welche Marke?"

Der Mann schaut wieder runter.

Pause.

„Beide."

— Chris dreht sich weg.

— Jetzt beginnt die eigentliche Beweisaufnahme von allein.

„Wer hat mein Handy?"

„Wer hat meine Schlüssel?"

„Wem gehört das Shirt?"

„Wo ist mein Schuh?"

„Ist das deine Socke?"

„Nein."

„Sicher?"

„Hoffentlich."

— Sehr viele Fragen für Menschen, die vorher noch alles wussten.

— Eine Frau jubelt plötzlich.

„Meine Jacke!"

Mehrere drehen sich um.

Sie greift nach ihrer Jacke.

Findet sie nicht.

Schaut hektisch.

Chris betrachtet sie.

Dann Phanti.

Phanti schaut auf die Frau.

— Die Jacke trägt sie bereits.

— Chris:

„Sag du."

Phanti:

„Nein."

„Warum?"

„Ich will sehen, wie lange."

— Die Frau sucht weiter.

Unter einem Stuhl.

Neben einer Tasche.

Auf einer Bank.

Dann fragt sie:

„Hat jemand eine schwarze Jacke gesehen?"

— Chris hält es nicht mehr aus.

„Welche Größe?"

Sie sagt die Größe.

Chris:

„So ungefähr?"

Er zeigt auf sie.

— Sie schaut an sich herunter.

Pause.

„Oh."

Phanti:

„Falsche Akte."

— Großer Jubel.

Sie hebt beide Arme.

„Gefunden!"

Chris klatscht.

Phanti ebenfalls.

— „Man muss Erfolge feiern", sagt Chris.

„Wenn sie sich anbieten."

— Der Mann mit der Schwimmbrille geht vorbei.

Trocken.

Nicht komplett.

Aber erstaunlich trocken.

Chris schaut ihm hinterher.

„Ich nehm alles zurück."

Phanti:

„Der Mann war uns voraus."

— Hakan steht noch da.

Noch immer mit einem Becher.

Chris:

„Was trinkst du jetzt?"

Hakan schaut hinein.

„Das Gleiche."

„Weißt du inzwischen, was es ist?"

„Nein."

— Phanti:

„Konsequent."

— Dann kommt die Handygruppe.

Drei Personen vergleichen Telefone.

„Das ist meins."

„Nein, das ist meins."

„Entsperr."

Der Erste versucht.

Fehlgeschlagen.

Der Zweite nimmt das Telefon.

Entsperrt.

— Stille.

— Der Erste:

„Okay."

Chris:

„Sehr wissenschaftlich."

— Beim nächsten Telefon funktioniert es umgekehrt.

Der Besitzer kann sein eigenes nicht entsperren.

Ein anderer schon.

Phanti:

„Das wirft neue Fragen auf."

Chris:

„Die lassen wir geschlossen."

— Dann ein Schrei:

„SCHLÜSSEL!"

Ein Mann hält triumphierend einen Schlüsselbund hoch.

„Gefunden!"

„Wo war er?", fragt jemand.

Der Mann greift in seine Hosentasche.

Zieht die Hand wieder heraus.

Schaut auf den Schlüsselbund.

Dann auf seine Tasche.

— Niemand sagt etwas.

— Er steckt die Schlüssel ein.

— Chris nickt ihm zu.

Der Mann nickt zurück.

— Phanti:

„Respekt."

Chris:

„Manchmal bedeutet Respekt, jemanden einfach leiden zu lassen."

— Phanti:

„Der bleibt."

— Das Chaos sortiert sich langsam.

Nicht vollständig.

Aber ausreichend.

Gegenstände finden Menschen.

Menschen finden Freunde.

Freunde finden Ausgänge.

Manche Dinge wechseln offenbar dauerhaft den Besitzer.

— Nur eine Stimme bleibt.

„EY!"

Alle hören inzwischen weg.

„WER HAT MEINEN SCHUH?"

— Chris schaut.

Derselbe Mann.

Immer noch.

„Wer hat meinen Schuh?"

Phanti sieht ihn an.

Dann unter seinen Arm.

Dann wieder ins Gesicht.

— Chris bemerkt es.

Schließt kurz die Augen.

„Nein."

Phanti:

„Doch."

— Unter dem Arm des Mannes steckt ein Schuh.

— Phanti sagt nichts.

Chris sagt nichts.

Der Mann ruft erneut:

„Ey, ernsthaft, wer hat meinen—"

Er bemerkt ihre Blicke.

„Was?"

— Phanti schaut unter seinen Arm.

Der Mann folgt dem Blick.

— Pause.

— Er zieht den Schuh hervor.

Betrachtet ihn.

„Ach so."

— Chris:

„Ja."

— Der Mann zieht ihn an.

Als wäre nichts passiert.

— Phanti holt sein Telefon heraus.

Chris:

„Was machst du?"

„Akte."

„Jetzt?"

„Sachverhalt geklärt."

— Er tippt:

**SCHAUMPARTY-VERHÖR**

Chris:

„Beweismittel?"

Phanti schaut sich um.

— Socke.

Kaputte Sonnenbrille.

Unbekannter Schlüssel.

Schaumreste.

Hakan.

— „Zu viel."

Chris:

„Dann nichts."

— Phanti:

„Doch."

Er zeigt auf die einzelne Socke.

Chris:

„Nein."

„Warum?"

„Wir nehmen keine fremden Socken mit."

Phanti:

„Schwache Einstellung."

„Hygiene."

— Also bleibt die Socke liegen.

Zum ersten Mal möglicherweise ein Beweismittel, das niemand beschlagnahmen möchte.

— Chris öffnet seine eigene Notiz.

**BEWEISMITTEL 09**

Darunter:

**SCHAUMPARTY-VERHÖR**

Er schreibt:

**Vermisste Gegenstände: mehrere.**

**Wiedergefunden: fast alle.**

**Richtige Besitzer: teilweise.**

— Phanti liest.

„Handy?"

Chris ergänzt:

**Wasserdicht bis zur praktischen Prüfung.**

Phanti:

„Hakan."

Chris:

„Was mit Hakan?"

Phanti schaut zu ihm.

Hakan hebt aus der Entfernung seinen Becher.

— Chris schreibt:

**Getränk: nicht identifiziert.**

**Hakan: unbeeindruckt.**

— Phanti nickt.

„Vollständig."

— Sie wollen gerade gehen.

Dann ruft jemand:

„WEM GEHÖRT DIE SOCKE?"

— Chris und Phanti bleiben stehen.

Sehen sich an.

— Phanti:

„Nicht umdrehen."

Chris:

„Bin dabei."

— Sie gehen weiter.

Hinter ihnen:

„ERNSTHAFT! SOCKE!"

— Chris:

„Akte geschlossen."

Phanti:

„Definitiv."

— Diesmal gibt es keinen Täter.

Keine Pose, die auseinanderfällt.

Keinen Künstler, dessen Aufnahme zuverlässiger ist als er selbst.

Keinen Mechanismus, den sie zerlegen müssen.

Nur einen Raum voller Menschen, die für eine Weile gemeinsam jede Übersicht verlieren.

Chris eingeschlossen.

Phanti ebenfalls.

Vielleicht gefällt ihnen der Fall deshalb.

Niemand muss vorgeführt werden.

Der Abend erledigt das demokratisch.

Jeder bekommt etwas ab.

Manche Schaum.

Manche einen falschen Schuh.

Manche ein totes Telefon.

Und einer eine Schwimmbrille, für die ihn zunächst alle belächelt haben.

Am Ende ist ausgerechnet er der Einzige, der vorbereitet wirkt.

— Chris schaut noch einmal zurück.

Der Mann mit der Schwimmbrille geht Richtung Ausgang.

Trocken genug.

Phanti:

„Akte ergänzen."

Chris:

„Was?"

Phanti:

„Frühwarnsystem."

Chris:

„Nein."

„Schade."

— Das Blatt landet bei den anderen.

**Beweismittel neun.**

**SCHAUMPARTY-VERHÖR.**

**Alles wieder da.**

**Fast.**

— Von hinten kommt ein letzter Ruf:

„WER VERMISST EIGENTLICH DIE SOCKE?"

Phanti geht schneller.

Chris ebenfalls.

**Akte 09 geschlossen.**