PLAYBACK UNTER EID
Die Geschichte
Chris hört den Fehler, bevor er ihn sieht.
Das passiert ihm öfter.
Berufskrankheit.
Phanti dagegen sieht zuerst die Bühne.
Licht.
Nebel.
Menschen.
Vorne steht ein Mann mit Mikrofon und gibt alles.
Arm hoch.
Kopf zurück.
Große Geste.
Die Stimme sitzt perfekt.
Sehr perfekt.
Chris bleibt stehen.
Phanti läuft zwei Schritte weiter.
Merkt es.
Dreht sich um.
„Was?"
Chris sagt nichts.
Hört.
Phanti:
„Produzentengesicht."
Chris hebt einen Finger.
„Warte."
— Der Sänger dreht sich von der Menge weg.
Die Stimme bleibt exakt gleich.
Chris:
„Mhm."
Phanti:
„Was mhm?"
„Noch nichts."
— Der Mann springt.
Landet.
Mikrofon kurz weg vom Mund.
Die Stimme:
unverändert.
Chris sieht zu Phanti.
Phanti:
„Jetzt?"
„Jetzt."
— Beide schauen wieder zur Bühne.
Der Sänger hält das Mikrofon inzwischen ungefähr auf Brusthöhe.
Trotzdem singt er oben weiter.
Glasklar.
Kein Abstand.
Kein Raum.
Kein Atem.
Phanti:
„Talent."
Chris:
„Enorm."
— Eigentlich wäre das Thema erledigt.
Playback.
Keine Sensation.
Kein Verbrechen.
Nicht einmal besonders ungewöhnlich.
Chris interessiert etwas anderes.
Der Mann inszeniert gerade jede einzelne Silbe, als würde sein Leben davon abhängen.
Augen zu.
Faust auf die Brust.
Mikrofon wieder zum Mund.
Großer Ton.
Großes Gefühl.
Perfekte Stimme.
— Dann passiert es.
Das Mikrofon fällt aus seiner Hand.
Nicht weit.
Nur auf die Bühne.
Der Mann bückt sich sofort.
Die Stimme singt weiter.
— Phanti schaut zum Mikrofon.
Dann zum Mann.
Dann zu Chris.
„Das war deutlich."
Chris:
„Sehr."
— Der Sänger hebt das Mikrofon auf.
Ohne eine einzige hörbare Unterbrechung.
Das Publikum reagiert kaum.
Ein paar haben es gesehen.
Die meisten nicht.
Musik läuft.
Stimme läuft.
Show läuft.
Problem gelöst.
— Phanti:
„Ich hab Fragen."
Chris:
„Bitte nicht."
„Zu spät."
— Sie stehen seitlich genug, um nach dem Auftritt in den Bereich hinter der Bühne zu kommen.
Nicht heimlich.
Phanti kennt jemanden.
Natürlich.
Chris fragt inzwischen nicht mehr wen.
Das spart Zeit.
— Der Sänger kommt herunter.
Schweiß.
Handtuch.
Adrenalin.
„Brutal!"
Jemand klopft ihm auf die Schulter.
„Komplett abgerissen!"
Ein anderer:
„Stimme war krank!"
Phanti sieht zu Chris.
Chris:
„Nein."
„Ich hab nichts gesagt."
„Dein Gesicht."
„Privat."
— Der Sänger erkennt Chris.
„Ey!"
Handschlag.
„Chris Crumb."
Chris:
„Hi."
„Geile Scheiße, Mann."
„Danke."
Der Mann zeigt auf Phanti.
„Und du?"
Phanti:
„Ermittlung."
— Pause.
Der Sänger lacht.
„Was?"
Phanti:
„Nichts."
Chris:
„Ignorier ihn."
„Mach ich."
Phanti:
„Viele versuchen das."
— Eigentlich könnten sie gehen.
Dann sagt der Sänger:
„Live ist halt noch mal was anderes."
Chris schaut ihn an.
Phanti ebenfalls.
— Chris:
„Ja."
Nur das.
— Der Mann wischt sich mit dem Handtuch übers Gesicht.
„Studio ist geil, aber live musst du liefern."
Phanti dreht langsam den Kopf zu Chris.
Chris schaut geradeaus.
„Phanti."
„Hm?"
„Nein."
„Ich hab noch gar nichts gemacht."
„Genau deshalb."
— Der Sänger:
„Was ist?"
Chris:
„Nichts."
„Ihr guckt so."
Phanti:
„Wir hören auch."
— Der Mann lacht.
„War doch geil."
Chris:
„Publikum hatte Spaß."
„Eben."
„Hab nichts anderes gesagt."
— Wieder diese kleine Verschiebung.
Der Mann hätte es dabei belassen können.
Tut er nicht.
„Aber Stimme war schon stabil, oder?"
Chris:
„Extrem."
Phanti:
„Unabhängig vom Mikrofon."
— Stille.
— Chris schließt kurz die Augen.
„Da ist es."
Der Sänger schaut Phanti an.
„Wie meinst du das?"
Phanti:
„Positiv."
Chris:
„Nein."
Phanti:
„Sehr zuverlässig."
— Der Mann versteht.
Natürlich.
„Bruder, bisschen Backing ist normal."
Chris nickt.
„Ja."
„Macht jeder."
Chris:
„Viele."
„Also."
Chris:
„Also was?"
— Der Mann stoppt.
Chris bleibt ruhig.
Er hat überhaupt kein Problem mit Backings.
Doppelungen.
Stützen.
Samples.
Effekten.
Live-Musik ist kein Reinheitswettbewerb.
Nur:
Wenn jemand gerade selbst anfängt, seine Live-Stimme zum Beweisstück zu erklären, wird es technisch interessant.
— Phanti:
„Wie viel Backing?"
Der Sänger:
„Normal halt."
„In Prozent?"
„Was?"
„Nur fürs Protokoll."
Chris:
„Es gibt kein Protokoll."
Phanti:
„Noch nicht."
— Der Sänger lacht wieder.
Diesmal weniger.
„Keine Ahnung. Zwanzig Prozent."
Chris sieht ihn an.
Sagt nichts.
Phanti sieht Chris.
Dann den Sänger.
„Chris sagt nein."
Chris:
„Ich hab nichts gesagt."
Phanti:
„Dein Gesicht."
Chris:
„Mein Gesicht ist privat."
Phanti:
„Hab ich irgendwo gehört."
— Der Sänger verschränkt die Arme.
„Okay, vielleicht bisschen mehr."
Phanti:
„Dreißig?"
„Kann sein."
Chris hört irgendwo hinter der Bühne dieselbe Stimme.
Leise.
— Er dreht den Kopf.
Der Sänger redet gerade vor ihm.
Sein Mund bewegt sich.
Die andere Stimme singt.
— Chris:
„Phanti."
„Hm?"
„Hörst du das?"
Phanti lauscht.
Aus einem Nebenraum:
Gesang.
Dieselbe Stimme.
— Beide schauen den Sänger an.
Der Sänger schaut zurück.
Die Stimme aus dem Nebenraum zieht einen langen Ton.
Perfekt.
— Phanti:
„Stark."
Chris:
„Sehr."
— Phanti zeigt Richtung Tür.
„Du bist hier."
Dann Richtung Nebenraum.
„Und du bist da."
Der Sänger:
„Soundcheck."
Chris:
„Nach dem Auftritt?"
Pause.
„Technik."
Phanti:
„Natürlich."
— Chris muss grinsen.
Nicht wegen des Playbacks.
Wegen der Verteidigung.
Sie entwickelt sich schneller als beim Bauchtaschenzeugen.
— Phanti geht zur Tür.
Chris:
„Lass."
Phanti öffnet sie trotzdem.
Drinnen:
Laptop.
Interface.
Kabel.
Eine laufende Session.
Und eine Stimme, die offenbar auch ohne ihren Besitzer ausgezeichnet zurechtkommt.
— Phanti bleibt im Türrahmen.
„Entschuldigung."
Der Techniker sieht hoch.
„Ja?"
Phanti zeigt auf den Bildschirm.
„Wer singt da?"
Der Techniker schaut auf den Sänger.
Dann auf Chris.
Dann wieder auf Phanti.
Das Gesicht eines Mannes, der gerade erkennt, dass jede mögliche Antwort Arbeit verursacht.
— „Playback."
Phanti:
„Danke."
Er schließt die Tür.
— Chris:
„Zufrieden?"
„Sehr."
— Der Sänger schüttelt den Kopf.
„Ja, natürlich läuft da Playback."
Phanti:
„Jetzt plötzlich natürlich."
„Das ist Show."
Chris:
„Auch okay."
Der Sänger sieht ihn an.
„Dann wo ist das Problem?"
Chris:
„Es gab keins."
Pause.
„Bis du angefangen hast, deine Live-Stimme zu loben."
— Der Satz sitzt.
Nicht aggressiv.
Nur sauber.
— Der Sänger schaut zur Seite.
Dann:
„Ich sing schon mit."
Chris:
„Glaub ich."
Phanti:
„Beweisaufnahme."
Chris:
„Hör auf, das so zu nennen."
„Warum?"
„Weil du gleich wirklich irgendwas beschlagnahmst."
Phanti schaut auf das Mikrofon.
Chris:
„Nein."
— Zu spät.
Phanti nimmt es vom Tisch.
Der Sänger:
„Ey."
Phanti:
„Nur kurz."
Er betrachtet das Mikrofon.
Dreht es.
Schaut unten hin.
Dann zu Chris.
„Kabel?"
Chris:
„Funk."
Phanti:
„Schade."
— Der Sänger greift danach.
Phanti gibt es sofort zurück.
„Beweismittel nicht geeignet."
Chris:
„Du bist nicht bei der Polizei."
„Gut für alle."
— Der Sänger muss lachen.
Widerwillig.
Damit entspannt sich etwas.
— Chris lehnt sich an die Wand.
„Mal ernst."
Der Sänger schaut zu ihm.
„Backing ist nicht das Problem."
„Sag ich doch."
„Playback auch nicht automatisch."
„Eben."
„Aber wenn die Stimme weiterläuft, während dein Mikrofon auf dem Boden liegt, solltest du vielleicht nicht direkt danach erzählen, wie brutal live du gesungen hast."
— Der Mann nickt.
Nicht begeistert.
Aber er nickt.
„Fair."
— Phanti:
„Unter Eid?"
Chris:
„Phanti."
„Was?"
Der Sänger grinst jetzt selbst.
„Was willst du wissen?"
— Phanti stellt sich gerade hin.
Viel zu offiziell.
„Name?"
Der Sänger sagt ihn.
„Beruf?"
„Sänger."
Phanti:
„Mutig."
Chris dreht sich weg.
— Phanti denkt nach.
„Tatbestand: Stimme ohne Körperkontakt."
Der Sänger lacht.
„Ihr habt beide einen Schaden."
Chris:
„Bestätigt."
— Phanti:
„Frage eins: Haben Sie während des Auftritts gesungen?"
„Ja."
„Frage zwei: Hat die Aufnahme während des Auftritts gesungen?"
Pause.
„Ja."
Phanti:
„Frage drei: Wer von Ihnen war lauter?"
— Der Sänger schaut zu Chris.
Chris hebt beide Hände.
„Ich bin nur Sachverständiger."
Phanti:
„Danke."
— „Die Aufnahme", sagt der Sänger.
Phanti nickt.
„Geständig."
— Chris:
„Das ist kein Geständnis."
„Jetzt schon."
— Der Techniker öffnet die Tür.
„Kann ich das Playback stoppen?"
Phanti dreht sich um.
„Nein."
Alle schauen ihn an.
Phanti:
„Das ist gerade der wichtigste Zeuge."
— Chris verliert es.
Er lacht.
Der Sänger ebenfalls.
Sogar der Techniker.
— Die Stimme singt weiter.
Ohne Bühne.
Ohne Publikum.
Ohne Sänger.
Einfach zuverlässig.
— Phanti:
„Wie nennen wir den?"
Chris:
„Wen?"
Phanti zeigt Richtung Nebenraum.
„Den Zeugen."
Chris:
„Playback."
Phanti:
„Unter Eid."
— Chris hört auf zu lachen.
Schaut ihn an.
„Scheiße."
Phanti:
„Ja."
Chris zieht sein Telefon.
Neue Notiz.
— **PLAYBACK UNTER EID**
— Der Sänger liest mit.
„Ihr macht da jetzt wirklich einen Song draus."
Chris:
„Du hast Material geliefert."
Phanti:
„Beziehungsweise dein Laptop."
— Der Techniker:
„Mein Laptop."
Phanti:
„Noch besser."
— Chris schreibt:
**Mikro fällt. Stimme bleibt.**
**Künstler geht. Stimme bleibt.**
**Verhör beginnt. Stimme bleibt.**
Phanti:
„Zuverlässigster Beteiligter."
Chris schreibt.
— Der Sänger lehnt sich daneben.
„Dann macht wenigstens klar, dass ich mitgesungen hab."
Chris:
„Hast du?"
„Ja."
Chris:
„Dann bleibt das auch so."
— Phanti sieht ihn an.
„Du bist zu fair."
Chris:
„Nein."
Er zeigt auf die Notiz.
„Der Witz funktioniert besser, wenn wir nicht lügen."
— Phanti denkt kurz darüber nach.
Dann nickt er.
„Leider richtig."
— Das ist vielleicht die wichtigste Regel der Restbierakten.
Sie müssen nichts erfinden.
Menschen liefern genug.
Man muss nur genau hinsehen.
Oder in diesem Fall:
hinhören.
— Der Techniker stoppt endlich die Session.
Stille.
Alle merken es.
Die Stimme fehlt.
Zum ersten Mal.
— Phanti:
„Oh."
Chris dreht sich sofort zu ihm.
„Nein."
Phanti:
„Was?"
„Falsche Akte."
— Der Sänger lacht.
„Okay, ihr seid bescheuert."
Phanti:
„Steht bereits im Protokoll."
— Später kommt ein neues Blatt ins Archiv.
Kein Mikrofon.
Chris hat verhindert, dass Phanti es mitnimmt.
Keine Kabel.
Kein Laptop.
Nur ein Ausdruck.
Darauf:
**BEWEISMITTEL 08**
**PLAYBACK UNTER EID**
Darunter:
**ZEUGENAUSSAGE:**
**Die Stimme war durchgehend anwesend.**
Phanti liest.
Nimmt den Stift.
Ergänzt:
**Der Sänger überwiegend auch.**
Chris sieht es.
„Das ist gemein."
Phanti:
„Aber korrekt."
— Chris lässt es stehen.
Natürlich.
— Acht Akten.
Und zum ersten Mal ist der zuverlässigste Zeuge kein Mensch, kein Gegenstand und keine Tasche.
Es ist eine Audiospur.
Sie kann nicht vergessen.
Sie kann ihre Aussage nicht ändern.
Sie trifft jeden Ton.
Und selbst wenn das Mikrofon fällt:
Sie redet weiter.
— Phanti legt das Blatt ab.
„Akte geschlossen."
Chris:
„Warte."
Er ergänzt eine letzte Zeile:
**LIVE-ANTEIL: NICHT GEKLÄRT.**
Phanti:
„Feige."
Chris:
„Präzise."
— Phanti schließt die Mappe.
„Noch schlimmer."
**Beweismittel acht.**
**PLAYBACK UNTER EID.**
**Akte 08 geschlossen.**
—

