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SO WEIT, SO GUT · KAPITEL 5

Ohne nachzurechnen

So weit so gut – Original-Artwork auf SoundCloud

Die zweite Tüte

Oliver ging diesmal sofort ran.

Er sprach, als säße Chris schon am Tisch mit ihm. Es gab ein Konzept. Der Titel des Albums gefiel ihm. Erwachsener Mann, Rückblick, neue Ruhe. Das könne man visuell gut erzählen. Ein paar alte Fotos, ein vertrauter Ort. Authentisch. Die Leute wollten wissen, wo einer herkomme.

Chris stand zwischen der Balkontür und dem kleinen Tisch und fragte nach der Musik.

„Natürlich Musik. Ist ja der Kern.“

Vorher müssten sie aber die Geschichte festlegen. Es wäre gut, wenn Chris etwas mitbrächte. Ein paar Bilder. Vielleicht könne seine Mutter kurz dazukommen. Nicht groß, nur ein Satz in die Kamera. Für Samstag sei noch nichts fix; beim Vorgespräch würden sie genauer werden.

„Ich bin ab vier da“, sagte Chris.

„Gut. Dann sehen wir weiter.“

Er legte auf, ohne zugesagt zu haben, dass seine Mutter irgendetwas erzählen würde. Noch wusste er nicht, ob Oliver wirklich eine Grenze überschritten hatte oder ob er selbst eine erwartete, die er nie ausgesprochen hatte.

Er verabschiedete sich von Erika und fuhr zu ihrer alten Wohnung. Vorher hielt er beim Supermarkt.

Brötchen, Wasser, Käse, etwas Warmes für später. Er nahm eine Tüte Orangen, weil seine Mutter die in einer Schale neben dem Fenster haben wollte. Am Regal mit den Keksen blieb er stehen. Eine Packung, die er als Kind selten bekommen hatte. Er war längst nicht mehr besonders scharf auf sie. Er legte sie trotzdem in den Wagen.

Vor ihm an der Kasse stand ein Mann mit Milch, Brot und einer Schachtel Waschmittel. Er sah auf die Anzeige, bevor die Kassiererin fertig war. Als sie den Betrag sagte, nahm er das Waschmittel wieder herunter.

Chris bemerkte den Griff, mit dem der Mann den Henkel der Einkaufstasche festhielt. Kein Drama, keine Bitte. Nur eine Sache zurückgeben, weil der Rest wichtiger war.

Er hätte anbieten können, es zu bezahlen. Einen Satz sagen, die Karte hinhalten. Er ließ es. Der Mann war nicht gekommen, um vor Fremden eine Rolle in Chris’ besserem Tag zu spielen.

Als er selbst dran war, hielt er die Karte an das Gerät. Es piepte. Er hatte die Artikel nicht mitgerechnet.

Draußen stellte er den Wagen neben sein Auto und blieb mit der zweiten Tüte in der Hand stehen. Das war es gewesen, wovon er früher gedacht hatte, dass sich dann alles anders anfühlen müsste: Dinge kaufen können, die man brauchte, und manchmal welche, die man bloß wollte.

Früher hatte er bei solchen Einkäufen die Summe im Kopf behalten. Ein falscher Griff ins Regal änderte das Abendessen. Wenn Freunde danach noch essen gingen, hatte er gesagt, er sei satt. Irgendwann wurde die Behauptung so leicht, dass er sie schon vor dem Hunger aussprach.

Jetzt stand er auf einem Parkplatz und musste wegen einer Packung Kekse an Dinge denken, die niemand ihm ansah.

Donni wartete vor der alten Haustür. Er nahm Chris eine Tüte ab und fragte, ob sie einen Tisch tragen oder eine Filiale eröffnen sollten.

„Lukas hat nichts im Kühlschrank.“

„Hat er schon einen Kühlschrank?“

„Ja.“

„Dann ist er weiter als wir damals.“

Oben war die Küche fast leer. Die Obstschale fehlte. Erika hatte einen Umschlag mit „40 € Tisch“ auf die Platte gelegt. Chris rief sie an und sagte, er könne ihr das Geld überweisen.

„Kannst es Lukas auch für die Wohnung lassen.“

„Ich zahl’s dir.“

„Chris.“

Er verstand den Ton. Für seine Mutter war der Verkauf kein Urteil über den Wert ihres Lebens. Sie wollte eine leere Küche, keine Zeremonie.

Donni zog einen Stuhl heran, legte den Tisch auf die Seite und betrachtete die Winkel.

„Acht“, sagte er.

„Was?“

„Schrauben.“

Chris legte die Kekse oben in die Tüte und kniete sich neben ihn. Vierzig Euro waren bezahlbar. Das machte die anderen Dinge, die man mitbringen konnte, nicht überflüssig.

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