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SO WEIT, SO GUT · KAPITEL 4

Keiner hat ’n Plan

Kaffeeflecken auf dem Maßband

Seine Mutter saß mitten in der neuen Küche auf einem Klappstuhl und aß eine Banane.

Der Tisch stand noch in der alten Wohnung. Chris hatte einen Umweg gemacht, weil sie gefragt hatte, ob er sich kurz die Lampe ansehen könne. Er hatte „kurz“ gesagt und dabei bereits an Oliver gedacht.

An der Decke hingen Kabel. Chris betrachtete sie lange genug, um kompetent auszusehen. Dann sagte er, dass jemand kommen müsse, der sich damit auskenne.

„Hab ich schon bestellt“, sagte Erika.

„Dann warum soll ich gucken?“

„Die alte Lampe. Im Karton.“

Neben der Balkontür standen drei Kartons. In einem lag eine Lampe, die er seit seiner Kindheit kannte, in zerknülltes Zeitungspapier gewickelt. Seine Mutter wollte wissen, ob sie die gelben Schirme auswaschen könne. Chris war gerade noch rechtzeitig davon abgehalten worden, sich an elektrische Anschlüsse zu wagen, um eine Frage über Plastik zu beantworten.

Er setzte sich auf den zweiten Klappstuhl.

Die neue Küche hatte andere Geräusche. Kühlschrank und Ventilator, darunter von draußen ein regelmäßig quietschendes Gartentor. Seine Mutter hob den Kopf jedes Mal, wenn es quietschte. Sie würde sich daran gewöhnen, dachte er. Schon dieser Gedanke machte ihn besitzergreifender, als er sein wollte.

„Du kannst dich noch umentscheiden“, sagte er.

Erika schälte den letzten Streifen von der Banane. „Wobei?“

Er wusste es nicht. Im Ganzen vielleicht. In seinem Bild von ihr gehörte sie in die alte Küche. Er merkte, dass er damit mehr über seine Bequemlichkeit sagte als über ihre Wohnung.

„Gefällt mir hier“, sagte er.

„Du musst nicht.“

Auf dem Boden lag ein Maßband. Ein brauner Fleck zog sich über die ersten zwanzig Zentimeter. Er hob es auf und fragte, ob das noch dasselbe sei.

„Warum sollt ich ein neues kaufen? Misst ja noch.“

Er erinnerte sich daran, wie sicher sie früher gewirkt hatte. Am Küchentisch hatte sie Dinge gewusst: welcher Brief sofort beantwortet werden musste, warum ein Lehrer unrecht hatte, wie lange Geld reichen würde. Sie konnte aus zwei Zahlen und einem Blick einen Plan machen, den er nicht verstand und deshalb für fertig hielt.

„Hattest du eigentlich immer eine Ahnung, wie das weitergeht?“, fragte er.

Sie sah ihn an. „Wann?“

„Damals.“

„Damals war lang.“

Er lächelte. Sie legte die Bananenschale auf ein Stück Zeitung.

„Ich hab manchmal die Briefe zweimal aufgemacht“, sagte sie. „Beim ersten Mal konnte ich noch nichts damit anfangen.“

Chris strich mit dem Daumen über das Maßband.

„Ich dachte, du wusstest das alles.“

„Du warst klein.“

Sie sagte es ohne Bitterkeit. Es war keine Enthüllung, für die er sich bedanken musste. Sie wollte danach wissen, ob der kleine Balkontisch lieber links oder rechts stehen sollte.

Chris maß beide Seiten. Links bekam man die Tür besser auf, rechts blieb mehr Platz zum Vorbeigehen. Er schob den Tisch erst nach links, dann nach rechts. Seine Mutter setzte sich auf beide Seiten und testete, wo sie ihre Füße ausstrecken konnte.

„Links“, sagte sie.

„Da ist der Durchgang enger.“

„Ich geh ja nicht dauernd durch.“

Er ließ ihn links stehen.

Donni antwortete auf seine Nachricht: Wo und wann?

Chris schickte die alte Adresse. Zwanzig Minuten später, schrieb er. Donni schickte einen Daumen zurück.

Oliver dagegen wollte einen Anruf. Chris ging auf den Balkon. Unter ihm suchte jemand in einem Hochbeet nach einer Katze. Er sah Erika durch die Scheibe. Sie hatte eine Gardine aus einem Karton genommen und hielt sie vor das Fenster, ohne dass es schon eine Stange gab.

Er wählte Olivers Nummer. Niemand von ihnen hatte einen vollständigen Plan. Das war kein Grund mehr, den mit der lautesten Stimme automatisch für den Zuständigen zu halten.

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