Kapitel 8
Er rief trotzdem noch nicht an. Und genau das ärgerte ihn. Nicht wegen dieses einen Menschen. Wegen des Musters. Chris ging durch die Wohnung und begann plötzlich überall „später“ zu sehen. Eine Sache, die er längst erledigen wollte. Eine Idee, die seit Monaten herumlag. Ein Gespräch. Eine Entschuldigung. Eine Einladung. Ein Lied. Ein Besuch.
Nichts davon war akut. Das war das Gefährliche. Die wirklich wichtigen Dinge im Leben schreien erstaunlich selten. Sie warten. Bis sie irgendwann nicht mehr können. Menschen behandeln Zeit oft wie Geld auf einem Konto, dessen Kontostand ihnen unbekannt ist. Sie planen damit. Versprechen damit. Verschieben damit. Nächstes Jahr. Wenn es ruhiger wird.
Wenn ich mehr Geld habe. Wenn die Arbeit weniger wird. Wenn die Kinder größer sind. Wenn ich mich besser fühle. Wenn der richtige Moment kommt. Später. Chris blieb am Fenster stehen. Unten ging jemand mit einem Hund vorbei. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde ein Fenster dunkel. Irgendwo lachte jemand. Nichts Bedeutendes geschah.
Und plötzlich erschien ihm genau das bedeutend. Denn fast alles, was er heute vermisste, war einmal genauso unspektakulär gewesen. Ein Essen. Ein Nachmittag. Eine Autofahrt. Jemand in einer Küche. Eine Stimme aus einem anderen Zimmer.
Keiner dieser Momente hatte damals gesagt:
**Merk mich dir.**
Sie hatten sich einfach ereignet. Und Chris war mittendrin gewesen, ohne zu wissen, dass er eines Tages viel dafür geben würde, noch einmal dort zu stehen.