Zum Inhalt springen
VERSTRAHLTENMUSIK · KAPITEL 5

DIE THEKE BLEIBT

Verstrahltenmusik – Original-Artwork auf SoundCloud

Die bewegte Wand

An der Bar zog eine Projektion über die Wand. Eine nächtliche Straße, gefilmt aus einem fahrenden Auto. Fenster wanderten vorbei. Eine helle Tankstelle tauchte auf, wurde langsam größer und verschwand hinter dem Regal mit den Gläsern.

Chris stellte sich seitlich an die Theke. Als er dem Bild folgte, bekam der Raum eine Drehung. Er griff an die Kante.

Das Holz war warm und an einer Stelle klebrig. Unter seinen Fingern lag eine kleine Kerbe, die er wiedererkannte. Jemand hatte hier vor Jahren versucht, einen Kronkorken hineinzudrücken. Es hatte nicht funktioniert, aber die Kerbe war geblieben.

Seine Füße standen.

Die Straße fuhr weiter.

Sina hinter der Bar nahm zwei leere Flaschen entgegen. Chris kannte sie so lange wie den Club. Er wusste, welche Musik sie mochte und dass sie manchmal mit einem Fahrrad kam, dessen Kette am Schutzblech schliff. Wo sie wohnte, wusste er nicht.

„Wasser?“, fragte sie.

Er nickte.

Sie stellte ein Glas hin und zeigte auf seine Hand.

„Fest genug?“

Chris ließ die Theke los. „Die Wand fährt.“

„Seit elf.“

Sina kassierte beim Mann neben ihm. Der legte Münzen auf das Holz und schob sie mit dem Zeigefinger zusammen, als könnte eine ordentliche Reihe den fehlenden Euro ersetzen.

Chris sah zurück in den Raum. Ben stand am anderen Ende der Bar, im Gespräch mit der Frau vom Foto. Jetzt fiel Chris ihr Name ein: Jule. Sie hatte einmal nach einem Konzert mit ihnen auf den ersten Zug gewartet. Er erinnerte sich an das kalte Bahnsteiglicht und daran, dass sie eine Orange in einer Plastiktüte mitgebracht hatte.

Er hob die Hand. Ben bemerkte es nicht.

„Der da“, sagte Sina. „Der zieht weg, oder?“

Chris sah sie an.

„Er hat sich vorhin verabschiedet. Von mir.“

Sie nahm ein Tuch und wischte neben seinem Glas.

„Von der Kaffeemaschine übrigens auch. Weil die länger mitgemacht hat als manche Leute.“

Chris lachte kurz. Sina nicht. Sie hatte nur wiedergegeben, was Ben gesagt hatte.

Am anderen Ende legte Jule eine Hand auf Bens Oberarm. Er nickte, dann sah er auf sein Telefon.

Chris hätte die wenigen Meter gehen können. Stattdessen fragte er nach einem zweiten Wasser.

Sina stellte es neben das erste.

„Du kannst beide tragen.“

Er nahm die Gläser. Als er Ben erreichte, war dessen Gespräch vorbei.

„Hier“, sagte Chris.

Ben nahm das Wasser. „Danke.“

Sie standen nebeneinander. Die Projektion zog hinter ihnen weiter.

Die falsche Stadt

Auf dem Weg zu Ben hatte Chris zweimal anhalten müssen. Ein Mann trat rückwärts an die Bar, ohne sich umzusehen. Hinter ihm wartete eine Frau mit einer offenen Tasche, aus der ein Schal hing. Chris hielt die Gläser vorsichtig auseinander. Als er Ben endlich erreichte, waren seine Finger nass.

Jule berührte kurz seine Schulter zum Gruß. „Wir sehen uns gleich.“

Dann ging sie Richtung Treppe.

Chris sah ihr nach. „Fährt sie dich?“

Ben nickte. „Heute Nacht. Montag nehm ich den Zug.“

„Mit allem?“

„Mit dem Rest.“

Das Wort gab Chris ein Bild von Dingen, die schon in anderen Wohnungen standen. Ein Teil von Bens Leben war bereits bewegt worden. Er hatte nicht einmal die Richtung richtig.

Neben ihnen stellte ein Mann drei Gläser gleichzeitig ab. Eines kippte, Ben hielt es fest, bevor es umfallen konnte. Der Mann bedankte sich und ging. Ben rückte das Glas zu den anderen, ohne etwas dazu zu sagen.

Chris kannte diese schnelle Aufmerksamkeit. Ben hatte früher im Gespräch die herunterfallenden Schlüssel aufgefangen, den vergessenen Rucksack mitgenommen und bemerkt, wenn jemand nach Hause wollte, sich aber nicht allein durch den Flur traute. Chris hatte es oft für eine Eigenschaft gehalten, die einfach vorhanden war und daher wenig kostete.

„Soll ich dir beim Zug helfen?“, fragte er.

„Mara kommt mit zum Bahnhof.“

„Ich kann auch.“

„Okay.“

Ben sagte es ohne Erleichterung. Chris wusste nicht, ob das bedeutete, dass seine Hilfe willkommen war oder dass Ben gerade keinen neuen Ablauf mit ihm verhandeln wollte.

Auf der Projektion erschien eine Unterführung. Das Licht fiel in gleichmäßigen Streifen über die Wand. Chris hatte sich gerade wieder stabil gefühlt. Jetzt folgte sein Blick einem hellen Streifen, und die Theke schien unter seinen Händen zurückzudrehen.

Er griff fester zu.

Ben schaute auf seine Hand.

„Das Bild fährt“, sagte Chris.

Ben nickte und legte seinerseits die Hand auf die Kante. Er ließ sie sofort wieder los.

„Hilft.“

Chris tat es ihm nach. Die Straße zog weiter. Ben stand unverändert neben ihm.

Chris fragte sich, ob Ben etwas von diesem kurzen gemeinsamen Test begriffen hatte, das er selbst noch suchte. Er hätte daraus gern einen guten Satz gemacht. Einen, der erklärte, was zwischen ihnen passiert war, ohne alles einzeln sagen zu müssen.

Dann fiel ihm ein, wie oft er Ben mit einem solchen Satz abgespeist hatte. Ein geschickt formulierter Gedanke, den man in einer Nachricht zitieren konnte, und anschließend wieder wochenlang nichts.

„Ich hab die lange Nachricht nur halb gelesen“, sagte er.

Ben sah nicht überrascht aus.

„Ich war unterwegs. Und dann kam was anderes.“

„Kommt ja immer.“

Chris wollte widersprechen. Es gab Dinge, die tatsächlich dringend gewesen waren. Ben kannte einige davon. Chris hatte in den letzten Monaten nicht aus Langeweile auf dem Sofa gelegen und Nachrichten ignoriert.

Aber das hätte nicht erklärt, weshalb er nie zurückgescrollt hatte.

„Ja“, sagte er schließlich.

Ben trank einen Schluck. Ein Tropfen blieb am Glasrand und lief zu seinem Daumen.

Chris suchte nach einer Frage, die genauer war als Alles gut? Er fand sie nicht schnell genug. Dann nahm er die Stadt, von der er glaubte, sie wenigstens zu wissen.

„Berlin“, sagte Chris.

Ben sah ihn an.

„Du ziehst nach Berlin.“

„Leipzig.“

Das Wort blieb zwischen ihnen, obwohl die Musik längst etwas anderes machte.

Chris senkte das Glas. „Scheiße, Ben.“

„Ist okay.“

Er sagte es schnell. So schnell, dass Chris begriff, wie oft er es vermutlich schon gesagt hatte.

In Verbindung bleiben.