Kapitel 5
Am Nachmittag fand Chris ein altes Foto. Er hatte nach etwas völlig anderem gesucht. So ist das meistens. Auf dem Bild erkannte er sich sofort und gleichzeitig kaum. Jünger. Andere Augen. Nicht äußerlich. Der Blick war anders. Dieser Mann wusste Dinge noch nicht, die Chris heute für selbstverständlich hielt.
Er wusste nicht, welche Menschen bleiben würden. Welche gehen. Welche Entscheidungen teuer würden. Welche Fehler sich später als Umwege herausstellten und welche tatsächlich Fehler blieben. Chris betrachtete ihn lange. Früher hatte er mit diesem Menschen gehadert. Warum hast du das gemacht? Warum hast du das nicht gesehen? Warum bist du geblieben? Warum bist du gegangen?
Warum hast du so lange gebraucht? Es ist leicht, seinem früheren Ich mangelnde Weitsicht vorzuwerfen, wenn man selbst bereits am Ende der Straße steht. Der Mann auf dem Foto hatte diesen Vorteil nicht. Er hatte nur das Wissen seines damaligen Tages. Chris legte das Bild auf den Tisch.
Zum ersten Mal dachte er nicht:
Du hättest es besser wissen müssen.
Sondern:
Du konntest es noch nicht wissen. Das entschuldigte nicht alles. Aber es veränderte etwas. Vielleicht bestand Frieden mit der Vergangenheit nicht darin, sie gutzuheißen. Vielleicht musste man nur aufhören, von einem Menschen von damals das Wissen eines Menschen von heute zu verlangen. Chris strich mit dem Daumen über den Rand des Fotos.
„War nicht alles richtig“, sagte er leise.
Dann musste er lachen.
„Aber wir sind noch da.“