Wo bist du?
Donni nahm ab, bevor Chris eine brauchbare Einleitung im Kopf hatte.
„Wo bist du?“
„Zu Hause.“
„Ich auch.“
Sie waren nicht täglich in Kontakt. Es gab Phasen, in denen Chris sich beim Anblick seines Namens vornahm, später zu schreiben, und später der Tag bereits aufgebraucht war. Bei Donni musste er dann keine Reihenfolge der Versäumnisse aufsagen. Allerdings musste er sagen, wenn er etwas brauchte.
Er fragte, ob er vorbeikommen könne.
Eine halbe Stunde später saß er an Donnis Tisch. Der Kaffee war noch nicht fertig. In einer Ecke standen Dinge, die mit Chris nichts zu tun hatten. Schuhe von jemandem, dessen Alltag er kaum kannte, ein Paket, eine Jacke. Sie kannten einander lange genug, um zu vergessen, wie viel vom Leben des anderen sie nicht sahen.
Chris legte die Fotos hin.
„Schon wieder Möbel?“, fragte Donni.
Chris erzählte vom Termin. Vom leeren Zimmer, vom Dienstag, von Oliver und dem gewünschten Satz seiner Mutter. Er erzählte es ruhiger, als er es Dani erklärt hatte. Das machte es nicht automatisch ehrlicher.
„Du willst das machen“, sagte Donni.
Chris nickte.
„Dann mach’s.“
„Dienstag bin ich bei meiner Mutter.“
„Dann Dienstag nicht.“
Chris lachte ohne Freude. „Ganz einfach.“
„Hab ich nicht gesagt.“
Donni schob die Fotos so auseinander, dass beide vollständig zu sehen waren. Das erste kannte er gut. Das zweite hatten sie gestern gefunden.
„Was wolltest du, als wir da saßen?“, fragte er.
Chris wusste mehrere Antworten. Einen Track fertig bekommen. Dass jemand ihn ernst nahm. Von Musik leben, wenigstens näher drankommen. Nicht immer erklären müssen, warum er damit Zeit verbrachte.
„Einen eigenen Raum“, sagte er schließlich.
Donni sah auf.
„Hast du.“
„Ja, aber—“
„Ich frag nicht, ob er groß genug ist.“
Chris nahm die Tasse, die Donni vor ihn stellte. Der Griff war heiß. Er stellte sie wieder ab.
„Man kann nicht bei jeder Sache sagen, reicht schon.“
„Sagt keiner.“
Donni machte das Radio leiser. Aus dem Flur kam eine Nachricht auf seinem eigenen Telefon. Er las sie, schrieb kurz zurück und ließ das Gerät dort liegen.
Chris erzählte vom Einkaufszettel. Er holte ihn nicht heraus. Er beschrieb nur die Rückseite, seine Mutter habe irgendwann aufgeschrieben, dass sie ihn anrufen müsse.
„Vielleicht ging’s um einen Termin“, sagte Donni.
„Weiß ich.“
„Vielleicht sollte sie dir Milch mitgeben.“
„Weiß ich auch.“
Sie schwiegen. Dann musste Chris lachen, weil er gemerkt hatte, wie gern er aus diesem Zettel bereits etwas Größeres gemacht hätte.
Donni kannte ihn von früher. Das gab ihm keinen besonderen Zugang zu jedem Gedanken, aber es machte manche Auswege kürzer. Chris konnte an diesem Tisch weder behaupten, dass alle anderen damals gegen ihn gewesen seien, noch, dass er inzwischen über jede Zustimmung hinweg sei.
„Die Kamera interessiert mich“, sagte er.
„Gut.“
„Die Musik auch. Ich will nicht so tun, als wäre mir das egal.“
„Dann tu’s nicht.“
Chris zog das Telefon heraus. Er schrieb Oliver, dass Dienstag nicht gehe. Er könne Montagabend oder Donnerstagvormittag, an einem anderen Ort. Die Familie und die alte Wohnung wolle er aus dem Konzept herausnehmen. Wenn das nicht passe, müssten sie den Termin lassen.
Er las den Text zweimal. Beim dritten Mal hätte er angefangen, kleine Absicherungen einzubauen. Er schickte ihn vorher ab.
Donni stand auf und füllte die Tassen nach. Er hatte die Nachricht nicht gelesen.
Als Chris später ging, blieben die beiden Fotos auf dem Tisch liegen. Donni rief ihm hinterher, dass er seine Sachen vergessen habe. Chris drehte auf der Treppe um.
Manche Gewohnheiten waren offenbar noch ziemlich zuverlässig.
