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SO WEIT, SO GUT · KAPITEL 6

Seh ich noch

So weit so gut – Original-Artwork auf SoundCloud

Der Junge neben dem Poster

Die Schublade fiel erst heraus, als sie den Tisch anhoben.

Sie landete flach auf dem Boden. Donni fluchte, weil Chris losließ. Ein alter Kugelschreiber rollte unter den Heizkörper, danach ein Knopf und eine Karte mit einer Telefonnummer, deren Vorwahl nicht mehr verwendet wurde.

„Die klemmt doch“, sagte Chris.

„Jetzt nicht mehr.“

Hinter der Schublade steckte ein zweites Foto.

Chris sah zuerst die Zimmerwand. Ein Poster hing leicht schief über dem Schreibtisch, darunter ein schwarzes Shirt mit einem Jungen darin. Dass er selbst dieser Junge war, erkannte er natürlich sofort. Dennoch traf ihn das Bild wie eine Erinnerung an jemanden, dem er einen Besuch schuldig war.

Auf dem Schreibtisch standen zwei Lautsprecher. Einer war halb verdeckt von einer leeren Packung. Am Bett lag eine Hose. Die Kette auf seiner Brust hatte er offenbar eigens über das Shirt gelegt. Er hatte sich um jedes Einzelteil seiner Wirkung gekümmert und die Hose auf dem Boden übersehen.

„Das Zimmer“, sagte Donni.

„Katastrophe.“

„Ich rede nicht vom Shirt.“

Donni setzte sich auf den Fußboden. Er hatte den Tisch zu ihrer Sicherheit gegen die Wand gelehnt. Eine Schraube lag in seinem Handteller.

„Weißt du noch, warum das Poster da hing?“

Chris sagte, weil es cool gewesen sei.

„Weil dahinter das Loch war.“

Stimmt. Ein Regal war aus der Wand gekommen. Chris hatte es seiner Mutter erst erzählen wollen, wenn er wusste, wie man es reparierte. Danach hatte er das Poster gekauft und aufgehört, nach einer Lösung zu suchen.

Auf dem Bild wirkte er entschlossen. Er erinnerte sich an den Aufwand davor: Schreibtischlampe gedreht, Kabel aus dem Bild geschoben, drei Aufnahmen, weil auf der ersten sein Hals komisch aussah. Damals war das Foto ein Versuch gewesen, dem, was er werden wollte, wenigstens äußerlich näherzukommen.

Nun lag es auf seinem Knie. Er hatte graue Stellen im Bart, eine Rechnung für die Versicherung im Auto und einen Termin, zu dem er zu spät kommen konnte, wenn er weiter hier saß. Er mochte den Jungen auf dem Bild. Er wollte ihm weder eine Ansprache halten noch alles nachträglich richtig finden.

„Was würd der dazu sagen?“, fragte er.

Donni deutete auf den Tisch. „Dass du inzwischen Möbel machst.“

Chris lachte. „Zur Musik.“

„Keine Ahnung. Lass ihn hören.“

Er zog das Telefon aus der Tasche, öffnete einen seiner neuen Tracks und hielt es zwischen sie. Der Lautsprecher war dünn, die Küche hallte mehr als früher. Donni nickte einmal mit dem Kopf. Chris sah auf das Foto und wartete darauf, dass sich eine sichere Antwort einstellte.

Sie kam nicht. Der Junge hätte vermutlich an anderen Stellen genickt. An einigen hätte er das Gesicht verzogen. Das wusste Chris gut genug. Er hatte sich verändert, auch in Dingen, die er damals nicht hätte erlauben wollen.

„Ich dachte früher, irgendwann bin ich eindeutig“, sagte er.

Donni nahm die nächste Schraube aus dem Winkel. „Du warst eindeutig. Hat nur nicht immer gestimmt.“

In der Schublade lag noch ein Einkaufszettel. Milch, Butter, Kaffee, Batterien. Auf der Rückseite hatte jemand „Chris anrufen“ geschrieben. Er erkannte Erikas Handschrift, die runden Buchstaben und den Punkt über dem i, den sie fast immer zu weit rechts setzte.

Kein Datum.

Er konnte nicht wissen, ob der Zettel drei oder dreizehn Jahre alt war. Er hatte keine Beweiskraft. Trotzdem nahm er ihn mit.

Donni stand auf und streckte den Rücken. Die Musik lief noch. Chris schaltete sie nicht mitten in der Zeile ab, wie er es tat, wenn er anderen etwas vorspielen wollte und dabei schon ihre Reaktion beobachtete. Er ließ den Track enden.

Dann legte er beide Fotos in die leere Schublade. Beim Tragen hielt er sie dicht an der Brust. Die Tischplatte überließen sie für diesen Gang der Küche. Es gab keinen Grund mehr, alles gleichzeitig nehmen zu wollen.

In Verbindung bleiben.