Zum Inhalt springen
SO WEIT, SO GUT · KAPITEL 3

Heute nicht

So weit so gut – Original-Artwork auf SoundCloud

Der Mann am oberen Ende

Lukas’ Vater stand am Samstagmorgen bereits im Treppenhaus, als Chris kam.

Ralf trug eine Arbeitsjacke mit einem ausgeblichenen Firmenzeichen. Der Reißverschluss war am Hals offen, am Gürtel hing ein Schlüsselbund, als hätte er nur kurz den Betrieb verlassen. Auf der zweiten Stufe stand eine Thermoskanne.

„Ich dachte, du hast heute Schicht“, sagte Chris.

„Dachte ich auch.“

Ralf zog einen Handschuh aus und reichte ihm die Hand. Seine Finger waren warm, die Haut trocken. Chris kannte ihn seit Jahren über Lukas’ Mutter. Bei Geburtstagen war Ralf oft später gekommen, bei Grillabenden früher gegangen. Man hatte dafür aufgehört, ihn aufzuziehen. Irgendwann war aus einer Eigenart eine verlässliche Lücke geworden.

Oben rief Lukas, sie sollten nicht beide im Weg stehen.

Der Schrank passte nicht durch die Biegung.

Er passte so deutlich nicht, dass Chris noch unten auf dem Absatz vorschlug, die Türen abzunehmen. Ralf hielt oben das Gewicht und sagte, die Türen seien ab. Lukas stand seitlich, die Schulter unter der Kante, und sah aus, als würde er die Geometrie persönlich nehmen.

„Drehen“, sagte er.

„Wohin denn?“, fragte Ralf.

„Zu dir.“

„Dann bin ich weg.“

„Kurz wär gut.“

Chris lachte. Der Schrank bewegte sich einen Zentimeter. An der Wand blieb ein weißer Strich. Lukas fluchte, Ralf sagte nichts mehr. Sie setzten ab. Der untere Sockel stand halb auf der Stufe, Chris hielt ihn mit dem Knie.

Ralf sah nach oben, dann durch das Treppengeländer. „Noch mal zurück.“

„Wir sind fast da.“

„Ja. Fast.“

Sie gingen eine halbe Etage hinunter und kippten den Schrank dort, wo das Fenster dem Treppenhaus eine breitere Stelle gab. Ralf stand plötzlich auf der anderen Seite. Lukas musste unter seiner ausgestreckten Hand durch. Chris verlor kurz den Griff und bekam das Gewicht auf den Unterarm.

Dann waren sie um die Biegung.

Oben stellten sie den Schrank ab. Keiner sagte, wer recht gehabt hatte. Ralf lehnte beide Hände auf die Knie. Lukas blieb neben ihm stehen, als würde er vorsichtshalber nicht zeigen wollen, dass er genauso außer Atem war.

„Alt wirst du“, sagte er.

„Du wohnst zu hoch.“

In der Küche gab es noch keinen Tisch. Sie saßen auf dem Boden und aßen Brötchen aus einer Papiertüte. Ralf nahm den Kaffee aus der Thermoskanne, ohne Zucker. Chris merkte, wie hungrig er war, obwohl es erst zehn war.

Das Telefon in Ralfs Jacke vibrierte. Er holte es heraus, las den Namen und legte es neben sein Knie, mit dem Bildschirm zum Boden.

Lukas sah hin. Dann riss er ein zweites Brötchen auf.

Später, als sie allein nach unten gingen, fragte Chris, ob im Betrieb alles in Ordnung sei.

„Wieso?“

„Weil du nicht rangehst.“

Ralf blieb am Fenster stehen, an der breiteren Stelle. Unten brachte eine Frau einen Brief zum Kasten und schob den Kinderwagen mit dem Fuß fest.

„Ich hab gestern gesagt, dass ich heute nicht kann.“

„Und?“

„Okay, hat er gesagt.“

Ralf klang, als hätte er auf einen schwierigeren Gegner gehofft. Er hatte den Satz offenbar mehrere Tage vorbereitet. Im Kopf waren Schichtplan, Kollegen und die nächste Beurteilung gegen ihn angetreten. In Wirklichkeit hatte der Meister den Stift auf seinen Block gesetzt und jemand anderen angerufen.

„Fünfzehn Jahre“, sagte Ralf. „Ich hätt das wahrscheinlich früher ausprobieren können.“

Chris schaute auf sein eigenes Telefon. Oliver hatte am Morgen dreimal geschrieben. Zuletzt: Wenn du vorher nicht kannst, müssen wir den Ablauf umstellen. Ruf mich an.

Das klang dringender als Ralfs unbeantworteter Anruf. Es musste nichts heißen.

„Ich hol jetzt den Tisch“, sagte Chris.

Ralf nickte. „Ich komm mit.“

„Kannst erst mal hierbleiben.“

Oben rief Lukas, wo sein Vater sei. Irgendein Anschluss hinter der Waschmaschine machte Probleme.

Ralf sah zur Treppe. Chris hob die Autoschlüssel.

„Für den Tisch reicht noch einer. Ich frag Donni.“

Ralf ging wieder hinauf. Sein Schlüsselbund schlug gegen das Geländer. Chris hörte Lukas sagen, er solle mal hier gucken. Dann wurden die Stimmen undeutlich, und er stand im Hauseingang allein mit seinem Samstag.

In Verbindung bleiben.