Dienstag ist ein Datum
Zu Hause stand der Karton drei Tage unter der Garderobe.
Chris trat darüber hinweg, wenn er seine Schuhe holte. Dani schob ihn am zweiten Morgen zehn Zentimeter zur Seite, damit die Wohnungstür vollständig aufging. Am dritten Abend lag ein Schal darauf. Damit war er beinahe Teil der Einrichtung geworden.
Am Mittwoch meldete sich Lukas.
Seine erste eigene Wohnung war frei. Der Vormieter hatte früher ausziehen können, der Schlüssel lag schon bei ihm. Dritter Stock, kein Aufzug. Ob Chris am Samstag eine Stunde hätte.
Chris schrieb: Klar.
Danach: Brauchst du einen Tisch?
Lukas antwortete mit einem Foto seiner Küche. Ein Kühlschrank, zwei Anschlüsse in der Wand, ein Fenster und viel Fußboden. Ja, schrieb er. Wenn er nicht riesig ist.
Chris schickte das Anzeigenfoto seiner Mutter. Er hielt den Finger schon über der Nachricht „Den bring ich dir“, nahm ihn aber wieder weg.
Lukas musste messen. Das konnte er selbst.
Während Chris auf die Antwort wartete, öffnete er seinen Kalender. Samstag stand dort seit Wochen ein Termin, dessen Bezeichnung nur aus dem Namen eines Mannes bestand: Oliver. Eine weiße Fläche in einem Tag, auf die er lange alles geschoben hatte, was mit seiner Musik irgendwann größer werden sollte.
Oliver kannte jemanden mit einem Raum, einer Kamera und Kontakten. Er hatte Chris nach einer Veröffentlichung angeschrieben. Erst unverbindlich, dann mit Sprachnachrichten. Man könnte etwas gemeinsam machen. Eine Session, Material für mehrere Wochen, ein kleiner Abend für Leute aus der Branche. Samstag um vier in Nürnberg, vorher Aufbau.
Chris hatte zugesagt, ohne zu wissen, was er eigentlich zugesagt hatte.
Eine Stunde Möbeltragen, dachte er. Das ging vorher. Der Tisch auch. Zu seiner Mutter musste er ohnehin. Alles ließ sich auf Papier nebeneinanderstellen. Die Wege dazwischen waren das Problem.
„Wann fahren wir zu deiner Mutter?“, fragte Dani aus der Küche.
„Ich schau gerade.“
„Du schaust seit Sonntag.“
Er hörte keine Schärfe. Das machte eine sachliche Antwort schwieriger.
„Am Samstag ist der Umzug von Lukas.“
„Ich rede von einem Besuch.“
„Ich bin doch am Samstag da.“
Dani kam in den Flur. Sie hielt ein Geschirrtuch in den Händen. Der Karton stand zwischen ihnen.
„Du holst einen Tisch ab. Das ist kein Besuch.“
Er wollte erklären, wie viele Dinge im Moment zusammenkamen. Dani sah zu, wie er den Kalender schloss und wieder öffnete. Schließlich ging sie zurück in die Küche. Das Geschirrtuch legte sie auf den Karton.
Er rief Erika an.
Sie ging erst beim sechsten Klingeln ran. Im Hintergrund klapperte Geschirr. Er fragte, ob Dienstag gehen würde, nächste Woche, abends. Er könne etwas mitbringen.
„Was willst du mitbringen?“
„Essen.“
„Ich hab Essen.“
„Dann mich.“
Ein kurzes Schweigen. Chris hörte Wasser laufen.
„Dienstag ist gut“, sagte sie. „Halb sieben?“
Er trug es ein. Besuch Mama, 18:30. Ein Termin, der nicht wichtig aussah. Kein Ausrufezeichen, keine farbige Markierung. Trotzdem ließ er den Kalender offen, bis er sich sicher war, dass er den richtigen Dienstag gewählt hatte.
Lukas schickte seine Maße. Der Tisch passte an die Fensterwand. Er wollte wissen, ob man die Beine abnehmen konnte.
Vier Schrauben, schrieb Chris. Vielleicht acht.
Und dann rief er Oliver an.
Er erreichte die Mailbox. Diesmal sprach er keine Nachricht darauf, in der sich schon jede Einschränkung wie eine Entschuldigung anhörte. Er schickte einen kurzen Text: Am Samstag bin ich erst ab vier verfügbar. Vorher helfe ich bei einem Umzug. Schick mir bitte den genauen Ablauf und was du von mir brauchst.
Oliver las die Nachricht sofort. Eine Antwort kam zunächst nicht.
Chris hob den Karton unter der Garderobe hoch und stellte ihn ins Wohnzimmer. Das Geschirrtuch nahm er mit in die Küche.
„Dienstag“, sagte er.
Dani nahm es ihm ab.
„Gut.“
Das hätte er schon am Sonntag machen können. Der Gedanke war unangenehm genug, dass er sich nicht auch noch dafür feiern wollte.
