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SO WEIT, SO GUT · KAPITEL 1

Muss keiner versteh’n

Vier Schrauben

Seine Mutter hatte den Tisch bereits verkauft, als Chris anfing, Gründe zu sammeln, warum sie ihn behalten sollte.

Vierzig Euro, Abholung am Samstag. Auf dem Ausdruck, den sie neben die Obstschale gelegt hatte, war der Preis durchgestrichen. Darunter stand in ihrer Handschrift: reserviert.

„Du hast nicht mal gefragt“, sagte er.

Sie zog die Schublade auf, nahm einen Teelöffel heraus und schob sie wieder zu. Beim letzten Stück musste sie mit der Hüfte nachhelfen.

„Wen?“

Die Frage ärgerte ihn mehr als eine Rechtfertigung. Er stand in der Küche seiner Mutter, in der er als Junge die Füße um die Querstrebe dieses Tisches geklemmt hatte. Damals hatte er nicht verstanden, weshalb Erwachsene beim Essen Rechnungen neben ihren Tellern liegen ließen. Jetzt hatte er seine eigene Post im Auto gelassen, bevor er heraufgekommen war.

Erika zog um. Zwei Zimmer statt drei, ein Balkon mit Sonne am Vormittag, ein Aufzug. Der Vertrag lag unterschrieben im Flur. Chris wusste seit Monaten davon. Trotzdem hatte er die Besichtigung wie eine Idee behandelt und die unterschriebenen Unterlagen wie eine Phase, die womöglich noch vorbeiging.

„Der passt da rein“, sagte er.

„Dann passen meine anderen Sachen nicht mehr rein.“

„Du könntest den kleinen Schrank weglassen.“

Sie sah ihn an. Auf dem kleinen Schrank stand das Radio. In der neuen Wohnung sollte er neben den Sessel, damit sie zum Lautermachen nicht aufstehen musste.

Chris nahm den Ausdruck. Das Foto zeigte nur die Platte und zwei Beine. Die Ecke, an der das Furnier abgeplatzt war, hatte sie eigens aufgenommen. Ehrliches Möbelstück, vierzig Euro. Ihm kam die Anzeige unangemessen vor, ohne dass er sagen konnte, was genau unangemessen daran war.

„Ich hab da meine ersten Texte geschrieben.“

„Du hast überall geschrieben.“

„Hier aber auch.“

„Ja.“

Er wartete auf mehr. Sie strich Krümel mit der Handfläche zusammen und hielt die andere Hand unter die Tischkante. Ihre Hand passte genau in die Mulde, die das Holz im Lauf der Jahre bekommen hatte.

„Willst du ihn haben?“

Chris dachte an das Zimmer zu Hause. Schreibtisch, Boxen, ein Regal, das er seit dem Frühjahr versetzen wollte. Es ging nicht. Natürlich hätte man einiges umstellen können. Natürlich wusste er schon, dass Dani ihn fragen würde, wohin.

„Ich überleg mir was.“

„Bis Samstag.“

Sie setzte sich und schob ihm einen Teller hin. Kartoffeln vom Vortag, in der Pfanne angebraten. Er hatte auf dem Weg noch behauptet, nur kurz vorbeizuschauen. Nun aß er mit der Jacke über der Stuhllehne.

An der gegenüberliegenden Wand fehlten zwei Bilder. Hinter ihnen waren helle Rechtecke geblieben. Seine Mutter hatte die Bilder nicht weggeworfen, nur eingepackt. Er wusste das. Dennoch war ihm die Wand zu leer.

„Gefällt dir die neue Wohnung wirklich?“, fragte er.

„Sonst hätte ich sie nicht genommen.“

Er begann von den Nachbarn zu sprechen, vom Parkplatz, von der Strecke zum Supermarkt. Dinge, die man prüfen konnte. Erika ließ ihn ausreden. Dann zog sie aus der Schublade einen Plan und drehte ihn zu ihm.

Der Sessel war eingezeichnet. Das Radio auch. Auf dem Balkon stand ein kleiner Kreis mit vier Strichen außen herum.

„Was ist das?“

„Ein Tisch.“

Er musste lachen. Sie nicht. Sie hatte ihren Zollstock mitgenommen und alles ausgemessen. Chris hatte in seinem Kopf eine einsame alte Frau in einer fremden Wohnung untergebracht. Seine Mutter hatte einen Platz für ihren Kaffee gefunden.

Er schob den Plan zurück.

Unter der Tischplatte gab es vier Metallwinkel. Als Kind hatte er mit dem Fingernagel an den Schraubenschlitzen gekratzt, während oben Entscheidungen über ihn gefallen waren. Nun beugte er sich hinunter und sah nach, ob man die Beine abnehmen konnte.

„Was machst du?“

„Gucken.“

„Mach nichts kaputt.“

Er kam wieder hoch. Der Ausdruck lag zwischen ihnen.

„Ich find jemanden dafür“, sagte er.

Erika nahm einen Schluck Wasser.

„Dann red vorher mit ihm. Ich will nicht, dass einer den Tisch nimmt, weil du findest, dass er ihn nehmen muss.“

Chris nickte. Ein kleines Nicken, gerade groß genug, um das Gespräch zu beenden. An der Tür wollte er sie noch einmal fragen, ob sie sich sicher war. Stattdessen nahm er den Karton mit den Büchern, den sie ihm hinstellte, und trug ihn nach unten.

Auf dem obersten Buch lag ein Foto, das aus einem Umschlag gerutscht war. Schwarzes Shirt, zu weite Ärmel, eine Kette, die damals Gewicht vortäuschen sollte. Sein eigenes Gesicht, das den Fotografen herausforderte, obwohl niemand etwas von ihm wollte.

Er legte das Foto zwischen zwei Buchdeckel, bevor er den Karton im Auto abstellte.

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