PLASTIKTHRON
Die Geschichte
Die zweite Akte beginnt mit einer Krone.
Das wäre deutlich beeindruckender, wenn sie nicht vier Euro neunundneunzig gekostet hätte.
Phanti dreht sie in der Hand.
Goldfarben.
Leicht.
Innen weiß.
Unter dem Rand klebt noch das Preisschild.
Er hält sie gegen das Licht.
Chris steht neben ihm.
„Und?"
Phanti klopft mit dem Finger dagegen.
Hohl.
„Er sagt, er sei König."
Chris wartet.
Phanti hält ihm die Krone hin.
„Krone her."
Chris nimmt sie.
Drückt leicht gegen den Rand.
Das Material gibt nach.
„Plastik."
Phanti nickt.
„Natürlich."
— Eigentlich hatte Chris gedacht, die vierzehn Fundstücke aus der Strandbar würden erst einmal im Auto bleiben.
Das war naiv.
Phanti hatte bereits beim zweiten beschlossen, dass Gegenstände offensichtlich einen natürlichen Lebensraum besitzen.
Und dieser natürliche Lebensraum war offenbar überall dort, wo Menschen bereit waren, sich lächerlich zu machen.
Die Krone hatte ihren Besitzer schneller gefunden als erwartet.
Oder genauer:
Der Besitzer hatte die Krone gefunden.
— Er kommt mit dunkler Sonnenbrille.
Drinnen.
Wieder einer.
Chris sieht erst die Brille.
Dann Phanti.
Phanti bemerkt seinen Blick.
„Nicht jeder mit Sonnenbrille ist Tobi."
„Ich lerne noch."
„Langsam."
— Der Mann läuft nicht durch den Raum.
Er zieht ein.
Zumindest sieht es so aus.
Vier Männer bewegen sich mit ihm.
Einer links.
Zwei dahinter.
Einer etwas versetzt.
Chris beobachtet die Formation.
„Security?"
Phanti:
„Warte."
Der erste bleibt stehen und räumt Gläser von einem Tisch.
Personal.
Der zweite nimmt ein Tablett.
Auch Personal.
Der dritte sieht auf sein Telefon und gähnt.
„Der will nach Hause", sagt Chris.
Phanti:
„Sehr."
Der vierte trägt einen Gutschein.
Chris:
„Und der?"
Phanti:
„Minister für Finanzen."
— Der Mann mit der Sonnenbrille hebt beide Arme.
Nicht, weil jemand etwas von ihm will.
Einfach so.
Zwei Leute drehen sich um.
Einer hebt tatsächlich sein Handy.
Das reicht.
Der Mann winkt.
Langsam.
Mit Würde.
Zumindest mit seiner Vorstellung davon.
Chris schaut in den halbleeren Raum.
Dann hinter sich.
„Wem winkt der?"
Phanti:
„Dem Volk."
„Welchem Volk?"
Phanti deutet auf einen Mann, der gerade einen Tisch abwischt.
„Ihm."
— „Da ist er!"
Irgendjemand ruft es.
Der Sonnenbrillenmann breitet die Arme noch weiter aus.
„Meine Leute!"
Chris sieht zu Phanti.
„Kennst du den?"
„Keine Ahnung."
„Natürlich."
Phanti nimmt die Krone zurück.
„Aber läuft."
— Es ist faszinierend.
Chris kennt große Auftritte.
Er kennt Bühnen.
Licht.
Menschenmengen.
Er kennt den Moment, wenn Tausende reagieren, weil vorne jemand nur eine Hand hebt.
Er kennt inzwischen auch die Gefahr, irgendwann zu glauben, diese Reaktion gehöre einem.
Hier stehen vielleicht dreißig Leute.
Zwölf davon interessieren sich überhaupt für das, was passiert.
Zwei arbeiten.
Einer sucht offensichtlich den Ausgang.
Und trotzdem bewegt sich der Mann durch den Raum, als würde gleich eine Nationalhymne beginnen.
Chris muss grinsen.
Nicht hämisch.
Eher interessiert.
Es ist dieselbe Mechanik.
Nur ohne ausreichend Publikum, um sie zu verstecken.
— Der Mann entdeckt die Krone.
Seine Augen sieht man hinter der Brille nicht.
Sein Gesicht reicht.
„Ist die für mich?"
Phanti schaut auf die Krone.
Dann auf ihn.
Dann wieder auf die Krone.
„Jetzt schon."
— Der Mann strahlt.
„Bruder!"
Phanti:
„Majestät."
Das gefällt ihm noch besser.
— Keine fünf Minuten später steht fest:
Es gibt eine Krönung.
Niemand weiß, wer das entschieden hat.
Vermutlich der zukünftige König.
— Chris bekommt die Aufgabe, ein Getränk zu halten.
Phanti die Krone.
„Warum du?", fragt Chris.
Phanti:
„Autorität."
„Welche?"
„Unklar."
„Wieder diese Position?"
„Aufgestiegen."
— Der zukünftige König setzt sich auf einen hohen Stuhl.
Eigentlich ist es kein Thron.
Es ist ein Stuhl.
Breit genug.
Dunkel.
Mit etwas Fantasie und schlechtem Licht kann man daraus mehr machen.
Der Mann macht sich breit.
„Wie sieht's aus?"
Einer seiner Begleiter hebt das Handy.
„Brutal."
Ein anderer:
„Wie ein König."
Phanti sieht sich den Stuhl an.
Dann die Krone.
Chris:
„Sag nichts."
„Hab ich nicht vor."
— Der Mann hebt beide Arme.
„Meine Brüder!"
Zwei der angeblichen Brüder unterhalten sich miteinander und hören ihn nicht.
Der dritte filmt.
Der vierte ist verschwunden.
Phanti lehnt sich zu Chris.
„Stabile Familie."
— Jetzt soll die Krönung beginnen.
Warum auch nicht.
Phanti steht hinter dem Stuhl.
Die Krone in beiden Händen.
Der Mann sitzt aufrecht.
Kinn hoch.
Handys oben.
Chris erkennt plötzlich, dass Phanti versucht, ernst zu bleiben.
Das passiert selten.
Und es macht alles schlimmer.
— Phanti hebt die Krone.
„Im Namen aller Anwesenden …"
Pause.
Chris wartet.
Phanti ebenfalls.
Der König schaut nach hinten.
„Ja?"
Phanti:
„Nee."
Er senkt die Krone.
„Das wird nichts."
Chris dreht sich weg.
Zu spät.
Er lacht.
— „Setz sie einfach auf!", ruft jemand.
Phanti:
„Beste Zeremonie bisher."
Er setzt dem Mann die Krone auf.
Jubel.
Nicht viel.
Aber genug.
— „Majestät!"
Jemand ruft es.
Ein anderer übernimmt.
„Majestät!"
Der König hebt seinen Becher.
Jetzt gehen mehr Handys hoch.
Chris beobachtet das Ganze.
Interessant ist nicht der Mann.
Interessant sind die Kameras.
Mit jedem Telefon verändert er sich.
Die Schultern weiter zurück.
Das Kinn höher.
Die Bewegungen langsamer.
Bedeutungsvoller.
Als müsste jeder Clip beweisen, dass hier gerade etwas Besonderes passiert.
— Chris kennt das.
Zu gut.
Früher hätte ihn der Gedanke vielleicht gestört.
Heute sieht er nur Phanti, der hinter dem vermeintlichen Thron steht und das Preisschild unter der Krone entdeckt.
Phanti sieht zu Chris.
Chris sieht das Schild.
Beide schweigen.
— Der König hält inzwischen Hof.
Der Begriff stammt von ihm selbst.
Natürlich.
Einer reicht ihm ein Glas.
„Auf dich, Bruder."
Der König nimmt es entgegen.
„Auf uns."
Der Mann nickt begeistert.
Worauf genau, bleibt offen.
— Ein anderer setzt sich daneben.
„Kenn den schon ewig."
Chris:
„Wie lange?"
„Seit vorgestern."
Chris schaut zu Phanti.
Phanti:
„In Partyjahren ungefähr sieben."
— Der König hebt seinen Becher.
„Ihr seid alle meine Brüder!"
Diesmal hören tatsächlich mehrere zu.
„Auf die besten Leute!"
Jubel.
Chris trinkt.
Phanti betrachtet die Runde.
Dann den König.
„Wie heißen die?"
— Stille.
Nicht lange.
Aber lang genug.
Der König schaut nach links.
Dann nach rechts.
„Bruder, du weißt doch, wie ich das meine."
Phanti:
„Nein."
„Familie halt."
Phanti nickt.
„Verstanden."
Hat er nicht.
Chris auch nicht.
— Der König redet weiter.
Treue.
Ehre.
Zusammenhalt.
Beste Leute.
Beste Nacht.
Jeder Satz klingt größer als der davor.
Und mit jedem Satz wird weniger klar, worüber er eigentlich spricht.
Chris hört zu.
Das Muster ist ihm vertraut.
Große Wörter sind praktisch.
Je größer das Wort, desto weniger muss man manchmal erklären.
— Phanti scheint denselben Gedanken auf seine Art zu haben.
Er lehnt sich zu Chris.
„Kennst du einen von denen?"
„Nein."
„Siehst du."
„Was seh ich?"
„Keine Ahnung."
Chris:
„Stark."
„Danke."
— Der König zeigt plötzlich auf Phanti.
„Phanti!"
Phanti hebt den Kopf.
„Jetzt sag du mal was."
Chris dreht sich sofort zu ihm.
Das will er hören.
Phanti sieht den König an.
Dann die Krone.
Dann wieder den König.
„Klar."
Die Gespräche werden leiser.
Phanti nimmt einen Schluck.
„Schöne Krone."
— Der König strahlt.
„Danke, Bruder!"
Phanti:
„Bitte."
Pause.
„Gern geschehen."
— Chris legt eine Hand vors Gesicht.
„Du bist ein Arschloch."
Phanti:
„Er ist glücklich."
„Das macht es schlimmer."
„Warum?"
Chris hat darauf keine gute Antwort.
— Dann kommen die Bilder.
Natürlich.
Der König will Material.
„Noch eins."
Klick.
„Jetzt von hier."
Klick.
„Warte, Krone tiefer."
Phanti steht inzwischen hinter dem Fotografen und gibt Anweisungen, obwohl ihn niemand darum gebeten hat.
„Noch etwas."
Der König zieht die Krone herunter.
„Nicht nach hinten."
Zu spät.
Das Preisschild klappt sichtbar nach außen.
Phanti:
„Jetzt sieht man das Preisschild."
Der König greift danach.
Chris:
„Zu spät."
Drei Handys haben es bereits.
Phanti:
„Perfekt."
— Der König nimmt die Krone ab.
Sieht das Schild.
„Kann man das abmachen?"
Phanti:
„Kann man."
„Mach."
Phanti:
„Nein."
„Warum?"
„Dokumentation."
Der König lacht.
Er hält es für einen Witz.
Chris inzwischen nicht mehr ganz.
— Die Krone war Fundstück zwei.
Das weiß Chris.
Was er nicht weiß:
Warum Phanti sie inzwischen tatsächlich behandelt, als müsse sie später in irgendeinem Archiv landen.
Vielleicht ist das weiterhin nur der Witz.
Vielleicht macht Phanti Dinge einfach lange genug, bis niemand mehr sagen kann, wann sie ernst geworden sind.
— „Seine Majestät erhebt sich!"
Die Stimme kommt von irgendwo hinter Chris.
Übertrieben tief.
Feierlich.
Phanti antwortet sofort:
„Nein."
Gelächter.
Noch einmal:
„Seine Majestät erhebt sich!"
Der König versucht aufzustehen.
Nichts.
Er bewegt sich noch einmal.
Der Stuhl bewegt sich mit.
Phanti:
„Tut sie nicht."
— Der König schaut nach unten.
Ein Teil seiner Hose oder seines Gürtels hängt irgendwo am Stuhl fest.
Chris erkennt nicht genau, was.
Er will es auch nicht wissen.
Zwei Leute greifen nach dem Stuhl.
Phanti:
„Nicht ziehen."
Natürlich ziehen sie.
„Ich mein das ernst."
Sie ziehen stärker.
Ein kurzes Geräusch.
Trocken.
Kunststoff.
Knack.
Alle stoppen.
— Phanti schließt die Augen.
„Ja."
Er öffnet sie wieder.
„Genau deshalb."
— Der Stuhl steht schief.
Sehr schief.
Ein Bein hat beschlossen, die Monarchie nicht länger zu unterstützen.
Der König sitzt noch.
Erstaunlich würdevoll.
Zumindest versucht er es.
Chris betrachtet ihn.
„Respekt."
Phanti:
„Haltung."
— Hinten sucht bereits jemand Werkzeug.
Vorne laufen weiterhin Kameras.
Natürlich.
Der König sieht das.
Und statt aufzustehen, bleibt er sitzen.
Vielleicht aus Würde.
Vielleicht weil er nicht weiß, ob der Stuhl dann endgültig zusammenbricht.
— Er setzt die Krone wieder auf.
Das Preisschild hängt jetzt vollständig sichtbar unter dem Rand.
Chris sagt nichts.
Das Bild ist zu gut.
— Der König liest irgendwann die kleine Schrift.
**Dekoration — nicht entfernen.**
Er schaut auf die Krone.
Dann auf Phanti.
Dann wieder auf das Etikett.
„Phanti."
„Hm?"
„Das bleibt unter uns?"
— Phanti sieht sich um.
Chris folgt seinem Blick.
Ein Handy links.
Zwei rechts.
Eins direkt vor ihnen.
Zwei weiter hinten.
Mindestens sechs.
Vielleicht mehr.
Phanti schaut wieder zum König.
„Welche Version von ‚unter uns' meinst du?"
— Der König schweigt.
Chris lacht.
Jetzt auch die anderen.
Sogar der König.
Zumindest irgendwann.
— „Keine Sorge", sagt Phanti.
Er nimmt ihm die Krone ab.
„Du warst König."
Der Mann nickt.
„Wie lang?"
Phanti schaut auf sein Handgelenk, obwohl er keine Uhr trägt.
„Drei Minuten."
Pause.
„Vielleicht vier."
Chris:
„Historisch."
Phanti:
„Absolut."
— Der König steigt vorsichtig vom beschädigten Stuhl.
Niemand stellt seine Herrschaft infrage.
Niemand interessiert sich dafür.
Der nächste Song läuft.
Zwei Leute gehen Richtung Ausgang.
Jemand bestellt Getränke.
Die Welt überlebt den Machtwechsel problemlos.
— Chris beobachtet das.
Das ist vielleicht der Teil, der ihm am besten gefällt.
Nicht der kaputte Stuhl.
Nicht das Preisschild.
Nicht einmal Phantis vollkommen unnötige Krönungszeremonie.
Sondern wie schnell Bedeutung verschwinden kann, sobald niemand mehr mitmacht.
Vor wenigen Minuten war dieser Mann Mittelpunkt eines kleinen Königreichs.
Jetzt fragt jemand hinter ihm:
„Ist der Stuhl frei?"
Phanti:
„Technisch ja."
— Chris muss lachen.
Phanti sieht zu ihm.
„Was?"
„Nichts."
„Du denkst."
„Kommt vor."
„Gefährlich."
— Chris schaut zum ehemaligen König.
Der steht inzwischen an der Bar und erzählt jemandem die Geschichte seiner Krönung.
Größer natürlich.
Chris hört Wortfetzen.
„… alle komplett ausgerastet …"
„… ganzer Laden …"
„… richtige Zeremonie …"
Chris sieht in den Raum.
Halber Saal.
Vielleicht weniger.
Er könnte widersprechen.
Tut er nicht.
— Vor ALPENGIFT hätte ihn vielleicht interessiert, welche Version später übrig bleibt.
Was die Videos zeigen.
Was erzählt wird.
Ob aus dreißig Menschen irgendwann dreihundert werden.
Ob aus einem Stuhl ein Thron wird.
Ob aus einem Spaß Bedeutung entsteht.
Heute nicht.
Der Mann hatte seinen Moment.
Er war glücklich.
Seine Freunde hatten Material.
Der Stuhl hatte weniger Glück.
Mehr muss Chris daraus nicht machen.
— Phanti hebt die Krone auf.
„Die bleibt hier."
Chris:
„Beim König?"
„Nein."
„Warum nicht?"
Phanti zeigt auf das Preisschild.
„Originalzustand."
„Natürlich."
— Dann zeigt er auf den beschädigten Stuhl.
„Den nehmen wir mit."
Chris sieht ihn an.
„Nein."
„Doch."
„Phanti."
„Was?"
„Das ist ein kaputter Barstuhl."
„Exakt."
„Der gehört uns nicht."
Phanti:
„Noch nicht."
Chris:
„Das hatten wir schon."
— Der Mitarbeiter, der vorhin Werkzeug gesucht hat, kommt zurück.
„Den könnt ihr haben."
Chris dreht sich zu ihm.
„Warum?"
Der Mann betrachtet den Stuhl.
„Schau ihn dir an."
Phanti schaut Chris an.
Sagt nichts.
Muss er nicht.
Chris:
„Ich hasse dich."
Phanti:
„Unbegründet."
— Der Stuhl wandert nach draußen.
Wieder.
Chris trägt ihn.
Wieder.
Phanti trägt die Krone.
Natürlich.
— „Warum trag ich immer das schwere Zeug?"
Phanti:
„Hierarchie."
Chris:
„Du hast gerade fünfzehn Minuten lang einen Mann wegen einer Plastikkrone verarscht."
„Beobachtet."
„Du hast ihn gekrönt."
„Dienstleistung."
„Und jetzt redest du von Hierarchie."
Phanti:
„Lern aus der Akte."
— Am Auto öffnet Phanti den Kofferraum.
Chris bleibt stehen.
Die beiden Kisten aus der Strandbar sind noch da.
Fundstück eins.
Die übrigen Sachen.
Und jetzt der beschädigte Stuhl.
Chris:
„Das passt nicht."
Phanti:
„Doch."
„Nein."
„Du denkst räumlich."
„Wie soll ich sonst denken?"
„Flexibler."
— Sie brauchen mehrere Versuche.
Am Ende passt der Stuhl.
Unwürdig.
Seitlich.
Ein Bein ragt zwischen zwei Taschen.
Chris tritt zurück.
„Von hier hinten sieht das fast nach Königreich aus."
Phanti betrachtet den Kofferraum.
„Fast."
— Die Krone kommt zurück in die Kiste.
Fundstück zwei.
Phanti legt sie vorsichtig hinein.
Chris bemerkt es.
„Du behandelst die ernsthaft wie ein Beweisstück."
Phanti:
„Ist eins."
„Wofür?"
Phanti schaut auf die Krone.
Dann zum kaputten Stuhl.
Dann zu Chris.
„Dass man so was nicht erfinden kann."
— Chris lehnt sich gegen das Auto.
„Also Beweismittel zwei."
Phanti schließt den Kofferraum.
„Akte zwei."
„Plastikthron?"
Phanti überlegt.
Nur kurz.
„Plastikthron."
— Chris schaut zurück.
Durch die offene Tür sieht er den ehemaligen König.
Keine Krone mehr.
Keine Zeremonie.
Keine Formation.
Einer seiner vier Begleiter ist verschwunden.
Ein anderer arbeitet wieder.
Der Dritte steht draußen am Telefon.
Der Vierte redet mit jemand anderem.
Majestät steht allein am Tresen.
Nicht traurig.
Nicht entthront.
Einfach wieder irgendein Typ an einer Bar.
Und vermutlich ist das vollkommen ausreichend.
— Phanti öffnet die Fahrertür.
Chris bleibt noch einen Moment stehen.
„Weißt du, was lustig ist?"
„Nein."
„Früher hätte ich daraus wahrscheinlich irgendeine große Aussage gemacht."
Phanti:
„Über?"
Chris deutet nach hinten.
„Status. Außenwirkung. Leute, die sich größer machen, als sie sind."
Phanti denkt darüber nach.
Dann:
„Stuhl ist kaputt."
Chris schaut ihn an.
Phanti steigt ein.
„Reicht doch."
— Chris grinst.
Ja.
Reicht.
Er steigt ebenfalls ein.
— Im Kofferraum liegt eine goldfarbene Krone mit Preisschild neben einem beschädigten Stuhl.
Ein paar Straßen weiter erzählt wahrscheinlich jemand bereits, er sei für einen Abend König gewesen.
Sechs Handys können zumindest Teile davon bestätigen.
Und Phanti hat ein neues Beweisstück.
Nicht dafür, dass der Mann lächerlich war.
Nicht dafür, dass Status bedeutungslos ist.
Nicht für irgendeine große Wahrheit.
Nur dafür, dass Menschen manchmal eine billige Krone brauchen, einen Stuhl, ein paar Zuschauer und drei Minuten Zeit —
und schon entsteht eine Geschichte, die am nächsten Morgen besser ist als am Abend selbst.
Phanti startet den Motor.
Chris:
„Was ist Nummer drei?"
Phanti:
„Keine Ahnung."
„Du hast sie eingepackt."
„Ja."
„Du hast sie nummeriert."
„Auch."
„Und du weißt nicht, was es ist."
Phanti:
„Deshalb haben wir doch vierzehn Akten."
Chris lehnt den Kopf zurück.
„Das wird anstrengend."
Phanti:
„Bestimmt."
Im Kofferraum klappert der Plastikthron.
Chris:
„Das Bein hält nicht."
Phanti:
„Majestät ist gefallen."
Chris lacht.
Phanti fährt los.
**Beweismittel zwei.**
**Plastikthron.**
**Akte 02 geschlossen.**
— —

