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RESTBIERAKTEN · KAPITEL 4

PFERDESUPPE

Pferdesuppe – Original-Artwork auf SoundCloud

PFERDESUPPE

Die Geschichte

„Phanti, wir haben 'nen Hit."

Phanti schaut nicht hoch.

„Was denn?"

„Pferdesuppe."

Jetzt schaut er hoch.

Pause.

„Was?"

— Chris steht an der Tür und weiß bereits, dass er diesen Raum eigentlich wieder verlassen sollte.

Nicht wegen der Musik.

Noch läuft keine.

Nicht wegen der Leute.

Vier Personen.

Überschaubar.

Auch nicht wegen des Mannes, der gerade sein Handy auf den Tisch legt, als befände sich darauf die Lösung für ein Problem, von dessen Existenz bisher niemand wusste.

Es ist das Grinsen.

Chris kennt dieses Grinsen.

Das Grinsen von Menschen, die etwas mitgebracht haben und bereits entschieden haben, dass alle anderen es gut finden werden.

Phanti kennt es offenbar auch.

Er lehnt sich zurück.

„Nein."

Der Mann:

„Du hast es noch gar nicht gehört."

„Deshalb versuch ich ja, den Zustand zu erhalten."

— Chris setzt sich.

„Was ist Pferdesuppe?"

Der Mann strahlt.

„Wart ab."

Phanti:

„Das war nicht die Frage."

„Hört einfach."

Er tippt auf das Display.

Musik.

Kurzer Aufbau.

Dann:

**Pferdesuppe.**

Phanti blinzelt.

Musik weiter.

Wieder:

**Pferdesuppe.**

Der Mann stoppt.

„Und?"

— Chris schaut zu Phanti.

Phanti zu Chris.

Chris:

„Nochmal."

Phanti dreht den Kopf.

„Warum?"

„Beruflich."

„Kündige."

— Der Mann startet erneut.

**Pferdesuppe.**

Chris hört diesmal genauer hin.

Nicht auf das Wort.

Auf den Rhythmus.

Vier Silben.

Sauberer Akzent.

Einfach genug, dass man ihn sofort wiederholen kann.

Dumm genug, dass man ihn nicht analysieren möchte.

Und genau dadurch gefährlich.

— Phanti:

„Und was soll das sein?"

„Was?"

„Pferdesuppe."

Der Mann zuckt mit den Schultern.

„Keine Ahnung."

Phanti wartet.

Nichts.

„Stark."

Er zeigt auf das Handy.

„Noch mal."

— Chris grinst.

„Aha."

Phanti:

„Was?"

„Nichts."

„Sag nichts."

— Der Sample läuft erneut.

Phanti hebt eine Hand.

„Nein. Ich hab das Wort verstanden."

Er sieht den Mann an.

„Ich frag, was es bedeutet."

„Muss doch nichts bedeuten."

„Es heißt Pferdesuppe."

„Ja."

„Pferd."

„Ja."

„Suppe."

„Ja."

„Zusammen."

Der Mann breitet die Arme aus.

„Pferdesuppe."

— Chris lehnt sich zurück.

„Unangreifbar."

Phanti:

„Halt dich raus."

— Am anderen Ende des Raums sitzt jemand an einem Laptop.

Chris hat ihn bisher für den Produzenten gehalten.

Jetzt ist er sicher.

Nicht weil der Mann irgendetwas sagt.

Sondern weil er konsequent Blickkontakt vermeidet.

Phanti bemerkt ihn ebenfalls.

„Was kommt danach?"

Der Mann mit dem Handy:

„Wie, danach?"

„Nach der Hook."

Pause.

Phanti zeigt zum Laptop.

„Du?"

Der Produzent schaut auf seinen Bildschirm.

Sehr konzentriert.

Plötzlich offenbar hochkomplexe Arbeit.

— Chris:

„Ich glaube, das ist die Antwort."

Phanti:

„Das befürchte ich."

— Wieder läuft die Hook.

**Pferdesuppe.**

Diesmal wippt der Mann mit.

Chris nicht.

Phanti definitiv nicht.

— Am Nebentisch arbeitet ein weiterer Typ an irgendeiner Grafik.

Chris sieht kurz hin.

Große Buchstaben.

PFERDESUPPE.

Darunter ein Pferdekopf.

Daneben etwas, das vermutlich eine Suppenschüssel darstellen soll.

Chris:

„Was machst du da?"

„Shirt."

Phanti dreht sich um.

„Was?"

„Merch."

„Wofür?"

Der Designer zeigt auf das Handy.

„Dafür."

— Phanti sieht zum Mann mit dem Handy.

Dann zum Produzenten.

Dann zum Shirt.

„Der Song ist nicht fertig."

„Fast."

„Ihr wisst nicht, was das Wort bedeutet."

„Ist doch egal."

„Ihr habt schon Shirts."

„Drei Farben."

— Phanti lehnt sich zurück.

Chris erkennt diesen Gesichtsausdruck.

Er versucht gerade, eine Situation logisch zu ordnen, die ausdrücklich nicht daran interessiert ist, logisch geordnet zu werden.

„Größen?"

Der Designer:

„S bis XXL."

„Preis?"

„Steht."

„Song?"

„Fast."

Phanti nickt langsam.

„Respekt."

Pause.

„Die sind schnell."

— Chris nimmt das Handy.

Spult zurück.

Hört noch einmal.

Phanti:

„Du machst mir Sorgen."

„Die Hook sitzt."

„Sie heißt Pferdesuppe."

„Hab ich gehört."

„Das ist mein Argument."

Chris:

„Und trotzdem sitzt sie."

— Phanti sieht ihn an.

Das gefällt ihm nicht.

Vor allem, weil Chris recht hat.

— Der Produzent startet den Song von vorne.

Diesmal läuft er länger.

Ein paar Zeilen.

Aufbau.

Dann wieder diese vier Silben.

**Pferdesuppe.**

Der Designer singt mit.

Beim nächsten Mal der Mann mit dem Handy.

Dann jemand, der gerade durch die Tür gekommen ist und überhaupt nicht wissen kann, worum es geht.

Phanti beobachtet ihn.

„Kennt der den Song?"

Chris:

„Unmöglich."

Der Neue:

„PFERDESUPPE!"

Phanti:

„Scheiße."

— Chris lacht.

„Das ist interessant."

„Nein."

„Doch."

„Nein."

„Phanti."

„Chris."

„Der hat die Hook nach einmal."

„Das beweist nur, dass vier Silben funktionieren."

Chris:

„Exakt."

— Phanti schweigt.

Das war offensichtlich nicht die gewünschte Antwort.

— Der Song läuft wieder.

Der Mann mit dem Handy hat inzwischen eine Bewegung dazu erfunden.

Links.

Rechts.

Beide Hände hoch.

Nicht gut.

Aber eindeutig genug.

Der Designer macht mit.

Chris sieht es.

Dann Phanti.

Phanti sieht es ebenfalls.

„Bitte nicht."

Zu spät.

Der Produzent steht auf.

Jetzt tanzen drei.

— Chris:

„Akte vier."

Phanti:

„Auf gar keinen Fall."

„Fundstück vier."

„Das war was anderes."

„Pferdesuppe."

„Hör auf."

— Die Hook kommt.

Alle drei:

„PFERDESUPPE!"

Chris lacht.

Phanti schüttelt den Kopf.

Und dann passiert es.

Nur einmal.

Kaum sichtbar.

Sein Kopf bewegt sich.

Im Takt.

— Chris sieht es.

Phanti bemerkt, dass Chris es gesehen hat.

Er stoppt sofort.

Beide schweigen.

Chris hebt langsam die Augenbrauen.

Phanti:

„Nein."

Chris:

„Doch."

„Nein."

„Hundertprozentig."

„Beweis es."

Chris zeigt auf sein Telefon.

„Soll ich Nina fragen, ob hier Kameras sind?"

Phanti:

„Wir sind Freunde."

„Seit wann?"

„Ab jetzt."

— Der Mann mit dem Handy kommt zurück.

„Phanti, fühlst du's?"

„Leider."

„Dann funktioniert's."

Phanti will antworten.

Stoppt.

Denkt nach.

„Frech."

Pause.

„Stimmt aber."

— Chris sagt nichts.

Muss er nicht.

— Es wird schlimmer.

Oder erfolgreicher.

Beides scheint dasselbe zu sein.

Die Tür geht wieder auf.

Zwei weitere Leute kommen herein.

Sie hören die Hook.

Beim zweiten Durchlauf singt einer mit.

Beim dritten beide.

Keiner fragt nach Bedeutung.

Keiner braucht Kontext.

Vier Silben reichen.

— Phanti sitzt inzwischen mitten in einer Entwicklung, gegen die er sich offensichtlich persönlich beleidigt fühlt.

„Das Problem ist nicht das Wort."

Chris:

„Sondern?"

Phanti antwortet nicht sofort.

Wieder Hook.

Wieder Bewegung.

Wieder Leute.

Dann:

„Dass ich's inzwischen selber mag."

— Chris sieht ihn an.

„Sag das nochmal."

„Nein."

„Ich will es dokumentieren."

„Du dokumentierst gar nichts."

„Akte vier."

„Chris."

„Pferdesuppe."

Phanti:

„Fick dich."

— Chris lacht.

— Später ist der Raum voller.

Nicht wegen des Songs.

Zumindest behauptet das jeder.

Aber der Song läuft inzwischen regelmäßig.

Und jedes Mal reagieren mehr Menschen.

Es entsteht keine Begeisterung im klassischen Sinn.

Eher ein kollektiver Unfall.

Jemand ruft:

„PFERDE!"

Die andere Seite:

„SUPPE!"

Phanti schließt die Augen.

Chris steht neben ihm.

„Wir haben verloren."

„Ich nicht."

Von hinten:

„PFERDESUPPE!"

Phanti dreht sich um.

„HEY!"

— Stille zwischen Chris und Phanti.

Phanti merkt es.

Chris auch.

— Chris:

„Du hast gerade geantwortet."

Phanti:

„Nein."

„Doch."

„Reflex."

„Noch schlimmer."

— Phanti nimmt sein Getränk.

„Wir reden nie wieder darüber."

Chris:

„Das wird schwierig."

— Am nächsten Tag wird es unmöglich.

— Chris sitzt mit Kaffee vor seinem Laptop.

Eine Nachricht von Phanti.

Kein Text.

Nur ein Screenshot.

Der Song ist online.

Seit wenigen Minuten.

Darunter Kommentare.

**Mein Sommer.**

**Endlich wieder geil.**

**Was bedeutet Pferdesuppe?**

**Wer weiß, weiß.**

Chris starrt auf den letzten Kommentar.

Dann ruft er Phanti an.

— „Wer weiß was?"

Phanti:

„Nichts."

„Exakt."

„Ich weiß."

„Die tun aber so."

„Ich weiß."

Chris scrollt.

„Hier erklärt einer, Pferdesuppe sei eine Metapher."

Stille.

„Phanti?"

„Ich suche gerade einen Beruf ohne Internet."

— Chris liest weiter.

Es gibt bereits mehrere Erklärungen.

Eine behauptet, Pferd stehe für Freiheit.

Suppe für Gemeinschaft.

Eine andere hält das Ganze für Gesellschaftskritik.

Jemand schreibt einen Absatz über Hedonismus.

Chris:

„Jetzt wird's tiefgründig."

Phanti:

„Sag dem Erfinder nichts."

— Zu spät.

Der ruft an.

Chris stellt auf Lautsprecher.

„Habt ihr die Kommentare gesehen?"

Phanti:

„Leider."

„Was meinen die damit?"

Chris schaut zu Phanti.

Phanti:

„Keine Ahnung."

Pause.

„Sag einfach nichts."

„Warum?"

„Vielleicht wirst du noch tiefgründig."

— Chris legt den Kopf auf den Tisch.

Er kann nicht mehr.

— Dann kommen die Shirts.

Drei Varianten.

Wie angekündigt.

Dann eine vierte.

Dann fragt jemand nach einem Remix.

Dann nach einem zweiten Teil.

Chris schickt Phanti den Screenshot.

Antwort:

**Natürlich.**

— Später treffen sie sich wieder.

Auf dem Tisch liegt tatsächlich ein Pferdesuppe-Shirt.

Chris hat es mitgebracht.

Phanti sieht es.

„Nein."

„Doch."

„Warum hast du das?"

„Beweismittel."

Phanti:

„Du entwickelst dich in eine falsche Richtung."

— Chris hält es hoch.

Vorne:

**PFERDESUPPE**

Groß.

Darunter das Pferd.

Die Schüssel.

Noch immer völlig sinnlos.

— „Willst du eins?", fragt Chris.

„Nein."

„Sicher?"

„Ja."

„Gibt drei Farben."

Phanti schaut auf das Shirt.

Pause.

„Welche?"

— Chris sagt nichts.

Phanti sieht sein Gesicht.

„Nein."

Chris grinst.

Phanti:

„Nein."

Chris:

„Akte vier."

„Halt die Fresse."

— Chris legt das Shirt neben die anderen Beweisstücke.

Plastikkrone.

Fake-Delfin.

Jetzt Pferdesuppe.

Zumindest symbolisch.

— Phanti betrachtet die Reihe.

„Das Album wird immer dümmer."

Chris:

„Und besser."

„Das macht mir Sorgen."

— Chris nimmt sein Telefon.

Die Hook läuft noch irgendwo in einem Clip.

Leise.

Nur ein paar Sekunden.

Phanti schaut sofort hin.

Chris stoppt.

Zu spät.

Beide haben sie im Kopf.

— Chris:

„Sag's nicht."

Phanti:

„Ich sag gar nichts."

Pause.

Chris:

„Pferde?"

Phanti schaut ihn an.

Lange.

Dann:

„Ja."

Chris:

„Suppe?"

Phanti:

„Offenbar."

„Zusammen?"

Phanti:

„Frag nicht mich."

— Chris nickt.

„Perfekt."

— Niemand kann später genau erklären, warum der Song funktioniert.

Nicht der Produzent.

Nicht der Mann, der ihn mitgebracht hat.

Nicht die Leute, die ihn grölen.

Nicht diejenigen, die Shirts kaufen.

Und ganz sicher nicht die Menschen, die im Internet längst erklären, was er angeblich bedeutet.

Vielleicht liegt genau darin der Fehler.

Alle suchen nach einer Bedeutung, obwohl nie eine vorgesehen war.

Chris kennt das Gegenteil inzwischen gut genug:

Musik, über die jedes Wort auseinandergenommen wird.

Zeilen, denen Menschen Absichten geben, die beim Schreiben nie existierten.

Bedeutung kann wachsen.

Auch dort, wo niemand etwas gepflanzt hat.

— Phanti interessiert diese Erkenntnis deutlich weniger.

Er hält das Shirt hoch.

„Schwarz gibt's auch?"

Chris grinst.

„Hab ich doch gewusst."

„Rein dokumentarisch."

„Natürlich."

— Ein paar Tage später liegt ein schwarzes Pferdesuppe-Shirt in Phantis Auto.

Er behauptet, es gehöre jemand anderem.

Niemand glaubt ihm.

— Und damit ist Beweismittel vier vollständig.

Kein Tatort.

Kein Streit.

Kein König.

Kein Battle.

Nur vier Silben, die niemand erklären kann und trotzdem jeder kennt.

Vielleicht ist das sogar gefährlicher.

— Chris schreibt auf die Akte:

**BEWEISMITTEL 04**

**PFERDESUPPE**

Darunter:

**Bedeutung: ungeklärt.**

Phanti liest es.

Nimmt den Stift.

Ergänzt:

**Erfolg: leider bestätigt.**

Chris:

„Leider?"

Phanti:

„Mach die Hook an."

Chris:

„Warum?"

Phanti zieht das schwarze Shirt aus einer Tasche.

„Recherche."

Chris startet den Song.

Phanti zieht das Shirt an.

Chris sieht ihn an.

„Das bleibt unter uns?"

Phanti:

„Keine Zeugen."

Chris schaut auf sein Telefon.

Kamera läuft.

Phanti:

„Du Hurensohn."

Chris lacht.

Die Hook setzt ein.

Phanti versucht noch, ernst zu bleiben.

Schafft er nicht.

— **Pferdesuppe.**

Keiner weiß, was das bedeutet.

Inzwischen ist das auch egal.

**Beweismittel vier.**

**Akte 04 geschlossen.**

— —