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Mein Teil vom Lärm · KAPITEL 2

Lauf durch

Mein Teil vom Lärm – Original-Artwork auf SoundCloud

Das Foto im Flur

Tom sah es zwei Tage später, als er zum ersten Probenbesuch kam.

Ein unscharfes Foto von einem Lauf. Chris knapp vor einem anderen Mann, der Arm bereits oben. Die Ziellinie lag noch vor beiden.

»Warum hängt das hier?«

»Weil ich's verloren habe.«

Tom schaute genauer hin. »Du siehst nicht aus, als wüsstest du das.«

Chris nahm die Jacke vom Haken. »Da wusste ich's noch nicht.«

Es war ein kurzer Vereinslauf gewesen, Jahre zuvor, keine große Meisterschaft. Zwei Hundertstel hatte der andere vor ihm gelegen. Chris hatte sich später mehrfach erklärt, dass die Zeitnahme vielleicht ungenau gewesen sei. Das Foto widersprach ihm jeden Morgen.

Er hatte aufgehört, die Erklärung zu erzählen. Noch nicht, sie zu denken.

Fünf Meter dahinter

Am Sonntag trafen sie sich an der Bahn. Tom wollte sehen, warum Chris dort immer noch trainierte. Er brachte Kaffee in einem Thermobecher und setzte sich auf eine leere Bank.

Die Bahn war nass. Chris legte die Tasche an den Zaun und klebte einen schmalen Streifen Tape fünf Meter hinter das Ziel.

»Die Linie ist hier«, sagte Tom.

»Ich weiß.«

Chris lief keine langen Strecken. Er lief den Schluss. Ansetzen, beschleunigen, durchziehen. Die erste Wiederholung war verkrampft. Bei der zweiten hob er unwillkürlich den Kopf, als die Ziellinie näher kam. Er lief bis zum Tape.

Tom nahm keine Zeit. Er schaute zu und hob nur den Becher, wenn Chris zurückkam.

»Willst du auch?«

»Ich halte den Kaffee warm.«

Nach dem sechsten Lauf setzte sich Chris neben ihn. Er atmete durch den Mund. Am Knöchel hing ein roter Spritzer vom Bahnbelag.

»Bei deinem Konzert musst du auch hinter die Linie«, sagte Tom.

Chris blickte ihn an.

»Du redest jetzt schon von dem Abend, als wäre er gelaufen.«

Auf dem Telefon hatte Chris einen Entwurf für die Ankündigung. Sein Name in großen Buchstaben. Die Band stand noch nicht fest. Einen Proberaum hatten sie für drei Abende zugesagt bekommen. Mehr nicht.

»Ich wollte es heute veröffentlichen«, sagte er.

Tom trank Kaffee. »Mach erst mal mit uns einen Song fertig.«

Chris stand auf. Er lief noch einmal. Hinter dem Ziel bremste er langsam, bis er aufrecht gehen konnte.

Das Tape nahm er beim Aufräumen mit.

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