Noch vor dem Gesicht
Chris erkannte ihn an dem kurzen Luftschnappen.
Der Mann am Tresen hatte den Rücken zur Tür. Kürzere Haare, ein breiterer Nacken, eine Jacke, die Chris noch nie gesehen hatte. Dann zog er die Luft ein, als müsse er sich gegen etwas wehren, und lachte mit dem ganzen Kopf.
Tom.
Chris blieb zwischen Tür und Garderobe stehen. Tom schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. Ein Glas sprang ein Stück. Der Mann neben ihm hielt es fest und lachte jetzt ebenfalls, obwohl die Geschichte offenbar noch nicht fertig war.
Chris ging hinüber.
»Du haust immer noch auf Möbel.«
Tom drehte sich um. Er brauchte einen Moment. Dann stand er so schnell auf, dass der Hocker gegen sein Knie schlug.
Sie umarmten sich unbeholfen. Chris hielt seine Tasche noch zwischen ihnen. Tom sagte zweimal seinen Namen, als wäre die erste Wiederholung nicht ausreichend.
»Ich dachte, du wohnst längst woanders.«
»Du hast meine Adresse.«
Tom lachte. »Stimmt.«
Es war keine Anklage darin. Das machte den Satz schmerzhafter.
Sie hatten sich jahrelang Nachrichten geschickt, Termine verschoben, auf Geburtstagsbilder reagiert. Irgendwann war jeder neue Versuch mit einer Entschuldigung für den vorigen begonnen worden. Dann hatten sie die Versuche weggelassen.
Das Set
Tom schob den Hocker neben sich frei. Chris setzte sich. Die erste Geschichte kannten sie beide. Sie erzählten sie trotzdem, abwechselnd, mit verschiedenen falschen Einzelheiten. Erst danach fragte Chris, wie es ihm gehe.
Tom blickte auf die Hände. An einem Finger klebte ein dünner weißer Ring, wo sonst wohl ein Ehering saß.
»Wechselhaft.«
Chris wartete.
Tom erzählte von der Trennung. Von einem Sohn, der jetzt an zwei Orten wissen musste, wo die Fußballschuhe standen. Von einer kleinen Wohnung, deren Waschmaschine zu dicht am Bett war. Er machte keine Pointe daraus. Chris rück den Hocker näher, weil die Musik lauter geworden war.
»Und du?«, fragte Tom schließlich.
Chris erzählte vom neuen Material. Gitarren. Eine Stimme, die nicht mehr hinter einem Loop warten sollte. Von einem kleinen Auftritt, für den ihm noch Leute fehlten.
»Du singst jetzt?«
»Ich hab vorher auch gesungen.«
»Du hast gesagt, du singst.«
Chris schubste ihn gegen die Schulter.
Tom grinste, dann sah er ernst aus. »Ich hab das Schlagzeug noch.«
Chris wusste nicht, ob das ein Angebot war.
Tom stellte sein Glas ab. »Im Keller. Meine Nachbarn freuen sich nicht darüber.«
»Willst du spielen?«
»Ich weiß nicht, ob ich's noch kann.«
»Dann probieren wir's.«
Als die Beleuchtung über dem Tresen heller wurde, standen sie auf. Draußen lachte Tom noch einmal über einen Satz, den Chris längst vergessen hatte. Chris zog die Tür hinter sich zu und ging mit.
