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VERSTRAHLTENMUSIK · KAPITEL 12

DIE STELLE NOCH MAL

Verstrahltenmusik – Original-Artwork auf SoundCloud

Fünf Töne

Eine kleine Melodie tauchte auf. Fünf Töne, eine Wendung, die nicht groß tat und trotzdem sofort in Chris’ Mund passte.

Er wartete auf ihre Wiederkehr.

Als sie kam, ging seine Schulter mit dem ersten Ton hoch. Beim zweiten hob er den Kopf. Der Schluss saß so selbstverständlich, dass er hinterher den Anfang wieder wollte.

Er beugte sich zu Mara.

„Die Stelle noch mal.“

Sie zeigte auf das DJ-Pult. „Sag’s ihm.“

Chris lachte. Die Figur kam erneut.

Er sagte den Satz wieder, diesmal auf zwei ihrer Töne. Mara sah ihn an und nahm den dritten dazu. Beim nächsten Umlauf lag die ganze Wendung in seinem Satz.

„Die Stelle noch mal.“

Jetzt grinste Mara.

Ein Mann neben ihnen wiederholte die Worte, ohne zu wissen, weshalb Chris sie gesagt hatte. Eine Frau nahm das Ende auf. Bald war es nicht mehr möglich, zwischen Bitte und Musik zu unterscheiden.

Tarek war wieder bei ihnen. Ohne Becher und ohne Telefon. Er kannte die kleine Figur jetzt auch und setzte jedes Mal etwas zu spät mit ein. Mara sah ihn an, wartete auf die nächste Runde und zeigte ihm mit einem kleinen Kopfnicken den Anfang.

Beim nächsten Mal traf er ihn.

Chris lachte. Tarek streckte ihm kurz die Zunge heraus.

Es war angenehm, dabei keinen Gedanken daran zu verlieren, wie das aussah. Chris hatte den ganzen Abend auf Bilder reagiert, auf vermutete Blicke, auf den Eindruck, den er bei Ben hinterließ. Jetzt gab es fünf Töne und den nächsten Einsatz. Er konnte danebenliegen und gleich wieder einsteigen.

Mara nahm seine Hand und führte ihn einen Schritt zur Seite. Hinter ihm musste jemand vorbei. Chris ließ die Hand wieder los, sobald die Lücke frei war. Mara blieb neben ihm.

„Samstag?“, fragte sie.

Er nickte.

„Zehn.“

„Gut.“

Sie sagte nicht, dass nun alles besser werde. Sie fragte auch nicht, ob Ben ihm verziehen hatte. Chris war froh darüber.

Tarek nahm den Satz Die Stelle noch mal bei der nächsten Runde zu früh auf. Die Frau neben ihm lachte und sang ihn richtig. Er hielt beide Hände hoch, ließ die Figur einmal an sich vorbeiziehen und fing dann neu an.

Chris sah zum Pult. Der DJ kannte ihn offenbar nicht. Er hatte keinen Grund, ihm eine besondere Zugabe zu geben. Vielleicht war genau das angenehm: um etwas bitten, dessen Wert sich unmittelbar hören ließ, und eine Antwort bekommen, die keine gemeinsame Vergangenheit verwalten musste.

Chris ging nach vorn. Er würde nicht erklären, was dieser Abend für ihn gewesen war. Er würde nur die kleine Wendung singen.

Chris ging zum Rand des Pults. Der DJ sah ihn kommen und hielt den Kopfhörer an ein Ohr.

Chris hob einen Finger, dann zeigte er auf seine eigenen Lippen und sang die kleine Figur.

Der DJ lachte, nickte und ließ die Instrumentalantwort laufen.

Chris ging zurück, bevor daraus eine Unterhaltung wurde. Er wollte die Stelle hören. Gleichzeitig sang er sie längst selbst.

Mara nahm das Telefon heraus.

Chris sah die Linse und merkte, wie sein Gesicht sich schon für ein Bild vorbereitete. Dann zeigte Mara ihm den Bildschirm. Eine Nachricht von Ben.

Gut angekommen. Sina die Kartons ausrichten. Danke fürs Tragen.

Chris las es zweimal. Er nahm sein eigenes Telefon, schrieb Mach ich und schickte es ab.

Dann ging er zur Bar.

Sina hatte die Hände im Spülbecken.

„Ben ist da“, sagte Chris. „Danke für die Kartons.“

Sie nickte. „Gut.“

Chris blieb einen Moment stehen. Sina sah auf.

„Noch Wasser?“

„Ja.“

Sie stellte es hin. Er trank das Glas leer und brachte es ihr zurück.

Hinter ihm sang jemand die fünf Töne weiter. Chris drehte sich um. Er hätte nicht sagen können, wer angefangen hatte.

Der dritte Karton

An der Bar hatte Sina ihn noch einmal zurückgehalten.

„Die Kartons hat er?“

„Sind im Auto.“

„Alle drei?“

Chris hatte zwei gesehen. Er sah zu dem Platz unter dem Regal. Dort stand ein weiterer flacher Karton, an dessen Seite ein blaues Band klebte.

Sina folgte seinem Blick. „Der gehört auch dazu.“

Chris spürte sofort den Drang, Ben anzurufen, Jule zurückzuholen oder selbst loszufahren. Er nahm den Karton und sah, dass darauf Bens Name stand.

„Ich bin Samstag bei ihm“, sagte er. „Kann ich den mitnehmen?“

Sina nickte. „Dann leg ihn zu deiner Jacke. Sonst bleibt er hier.“

Chris nahm ihn zur Garderobe. Der Mann legte ihn hinter den Haken und machte einen kurzen Strich auf Chris’ Marke, damit er ihn bei der Ausgabe wiedererkannte.

Chris sah dabei zu. Eine kleine Veränderung im Ablauf, damit etwas tatsächlich mitkam. Es war viel wirkungsvoller als seine bisherigen Vorstellungen davon, besonders aufmerksam zu sein.

Er schrieb Ben: Dritter Karton war noch hier. Kommt Samstag mit.

Die Antwort kam eine Minute später.

Gut. Brauch den für die Platten.

Chris steckte das Telefon weg. Er würde am Morgen wissen, weshalb eine flache Pappe neben seiner Wohnungstür stand. Kein symbolischer Gegenstand. Ben brauchte sie.

Als er auf die Fläche zurückkehrte, lief die Fünftonfigur noch. Mara sah ihn kommen und gab ihm mit dem Kopf den nächsten Einsatz.

Chris traf ihn.

Er ging wieder hinein.

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