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VERSTRAHLTENMUSIK · KAPITEL 13

BREITGRINSEN

Verstrahltenmusik – Original-Artwork auf SoundCloud

Der letzte Refrain

Kurz vor Schluss machte niemand mehr Fotos.

Tareks Akku war leer. Mara hatte ihr Telefon in der Jacke gelassen. Chris’ lag tief in der Hosentasche. Auf der Fläche waren weniger Menschen, aber die Lücken zwischen ihnen machten jede Bewegung deutlicher.

Die nächste Melodie war größer. Sie sprang auf, hielt ihren oberen Ton und kam mit einer knappen Antwort zurück. Chris hatte sie beim ersten Umlauf noch nicht ganz. Beim zweiten kannte er die Stelle, an der sie Luft ließ. Beim dritten musste er grinsen.

Es blieb nicht an seinem Gesicht hängen.

Er schloss den Mund, öffnete ihn wieder, lachte, als Mara etwas vollkommen Ungelenkes mit den Armen machte. Sie hatte die Augen geschlossen und wusste nicht, dass er sie sah. Er machte die Bewegung nach. Als sie die Augen öffnete, stand er direkt vor ihr.

Sie schüttelte den Kopf und lachte ebenfalls.

Am Rand des Raums wurde ein Licht eingeschaltet. Nur eines. Es traf die Wand mit den Schraublöchern und den sauberen Rechtecken. Chris hatte den Club in dieser Helligkeit selten gesehen. Die Kanten waren gewöhnlicher, die Decke niedriger. Am Boden lagen zerdrückte Becher und ein einzelner grüner Ohrring.

Die Musik lief weiter.

Chris wartete auf die Melodie. Sie kehrte unverändert zurück. Er kannte inzwischen jeden Sprung, und genau deshalb wollte er ihn hören.

Sina stand in der Tür. Zum ersten Mal in dieser Nacht ohne etwas in den Händen. Sie tanzte kaum, nur ein kleiner Schritt auf der Stelle. Chris sah ihren Blick durch den Raum gehen. Über die Bar, die Menschen, die Wand, das Pult.

Er wollte zu ihr gehen, irgendetwas sagen, das diesem letzten Abend gerecht wurde. Dann kam die Melodie, und Sina hob den Kopf. Chris blieb, wo er war.

Die Menschen, die noch da waren, hatten in den letzten Minuten beinahe aufgehört, ihre Plätze zu wechseln. Manche standen zu zweit, andere allein. Das bedeutete wenig. Wer allein tanzte, musste nicht allein nach Hause gehen, und wer eine Hand hielt, konnte später trotzdem in eine andere Richtung abbiegen.

Chris sah Tarek an der Wand. Der nickte bei jedem Melodiekopf und bewegte die Lippen, ohne einen Satz zu bilden. Mara war ein Stück nach vorn gegangen. Ihre Jacke lag über einem Stuhl am Rand. Sina hatte die Arme locker vor dem Körper und das Gewicht auf einem Bein.

Chris erinnerte sich an das Foto. Alle noch da. Die Nachricht war kaum drei Stunden alt. Ben saß inzwischen zu Hause, Malik hatte jemanden abgelöst, Jule war vielleicht noch unterwegs. Der Raum war nicht ärmer, weil sie gegangen waren. Er war anders zusammengesetzt, und diejenigen, die geblieben waren, hatten ihr Bleiben selbst entschieden.

Chris wartete auf den letzten Refrain. Als er begann, blieb das Licht unverändert. Es gab keinen großen Wechsel, keine besondere Ankündigung. Die Melodie kam so zurück, wie er sie kannte.

Er spürte, wie sich das Grinsen wieder in sein Gesicht setzte, und diesmal tat er nichts, um es festzuhalten.

Mara kam zu ihm. Sie legte kurz die Stirn an seine Schulter und nahm sie wieder weg. Chris wusste nicht, ob sie müde war, gerührt oder einfach einen Moment Nähe wollte. Er musste es nicht sofort benennen.

Dann bewegten sie sich weiter.

Der DJ hob den Blick vom Pult. Er sah in den Raum, länger als bisher. Chris glaubte, dass er die Menschen zählen wollte. Vielleicht überprüfte er nur, ob jemand noch einen Übergang erwartete.

Die Melodie führte ein letztes Mal nach oben.

Chris nahm den ganzen Bogen mit.

Der letzte Ton hielt zwei Schläge. Dann blieb Luft.

Die Drums machten den Takt vollständig.

Schluss.

Für einen Augenblick war der Raum überraschend groß. Ein paar Menschen klatschten. Jemand rief einen Namen. Der DJ zog den Kopfhörer ab und legte ihn hin.

Chris hörte die Lüftung.

Dann setzte das Reden ein.

Nach dem letzten Track gingen sie nicht sofort. Das Reden war plötzlich laut, und Chris brauchte einen Moment, um Stimmen wieder als einzelne Quellen zu hören. Jemand fragte nach einem Feuerzeug. Eine Frau suchte den grünen Ohrring, der vorhin noch auf dem Boden gelegen hatte. Tarek ging in die Hocke und half.

Sina kam von der Tür zur Bar. Chris ging zu ihr.

„Danke“, sagte er.

Sie sah ihn an.

„Für heute. Für die anderen Nächte.“

Sina nickte, und ihre Augen wurden einen Moment feucht. Sie schaute auf das Glas in seiner Hand.

„Das kannst du da hinstellen.“

Chris stellte es hin.

„Und ich hab den Karton an der Garderobe.“

„Gut.“

Er blieb noch einen Augenblick, ohne den Dank größer zu machen. Sina legte ihm die Hand auf den Oberarm. Dann nahm sie den ersten Stapel Gläser.

Tarek fand den Ohrring unter einem Stuhl. Er hob ihn zwischen zwei Fingern hoch. Die Frau kam, sah ihn an und schüttelte den Kopf.

„Meiner ist silbern.“

Tarek betrachtete den grünen Stein. „Dann haben wir jetzt wenigstens den.“

Mara lachte. Die Frau auch, allerdings müder.

Sie suchten weiter. Chris ging zur letzten Reihe Stühle, hob einen an und sah darunter. Da lag ein silberner Ohrring neben einer Münze. Er nahm beides, gab der Frau den Ohrring und legte die Münze auf die Bar.

Das war der letzte gemeinsame Vorgang der Nacht, bevor sie ihre Jacken holten.

Sie holten ihre Jacken. Der Garderobenmann gab Chris seine und schob die Marke in eine flache Kiste, in der sich die übrigen Zahlen sammelten. Chris strich über die Tasche, als könnte die vergessene Platte nachträglich darin auftauchen.

Nach Hause

Oben blieb Mara unter dem hellen Abdruck des Schilds stehen.

„Und jetzt?“

Chris sah die Straße hinunter. Ein Bus fuhr vorbei, fast leer. Hinter den Fenstern sahen Menschen aus, die bereits zu einem anderen Tag gehörten.

„Nach Hause.“

Mara nickte. Sie umarmten sich, länger als bei der Begrüßung. Dann ging sie zur Haltestelle.

Chris nahm den Weg durch die Seitenstraßen. Sein rechter Schuh machte bei jedem dritten Schritt ein leises Geräusch. Vielleicht war noch etwas Kaugummi unter der Sohle. Vielleicht hatte sich nur die Erwartung daran gehalten.

In der Wohnung stellte er die Schuhe vor die Tür und ließ das Licht im Flur aus. Die Platte stand neben dem Schreibtisch. Er zog sie aus der Hülle, kontrollierte die Oberfläche und schob sie zurück. Dann stellte er sie an die Wohnungstür, wo er beim Hinausgehen darüber steigen müsste.

Der Karton stand unter der Platte. Chris hatte ihn beim Heimgehen an einer Ecke festgehalten, damit der Wind nicht hineinfasste. Zwei Straßen weiter hatte er ihn umgreifen müssen. Das blaue Band klebte jetzt leicht an seinem Daumen.

Zu Hause löste er es vorsichtig ab, ohne die Beschriftung zu beschädigen. Bens Name blieb lesbar.

Sein Telefon hatte während des Wegs zweimal vibriert. Er sah jetzt darauf. Malik hatte über die Gruppe seinen Kontakt gefunden und geschrieben: Schönes Türballett. Gute Nacht. Darunter stand eine Nachricht von Mara: Bin da. Schlaf gut.

Chris antwortete beiden. Kurz, ohne die Nacht zusammenzufassen.

Dann öffnete er den Chat mit Ben und scrollte noch einmal zur Adresse. Er sah sich das Zimmerfoto an, das er zuerst nur beiläufig geöffnet hatte. An der Wand stand ein gelber Stuhl, auf dem ein gefaltetes Handtuch lag. Das Fenster ging auf einen Hof. In der Ecke war eine Steckdose direkt über dem Boden, ideal für Bens Boxen.

Chris vergrößerte das Bild. Er suchte nichts Besonderes darin. Er wollte wissen, wo Ben die nächsten Wochen sitzen würde.

Er legte das Telefon auf den Tisch, zog das Hemd aus und ging ins Bett. Als er die Augen schloss, lief die letzte Melodie noch einmal durch. Er schlief ein, bevor sie endete.

Freitag

Am Freitagmittag erwachte er mit trockenem Mund. Im ersten Moment dachte er, er habe den Termin verschlafen. Dann sah er das Datum. Samstag war morgen.

Er setzte sich auf die Bettkante. In der Wohnung war es still. Unter dem Fenster fuhr ein Müllwagen vorbei. Der Ton seines Motors blieb für einige Sekunden zwischen den Häusern hängen und bekam eine kleine Melodie, bevor er verschwand.

Chris stand auf und trank Wasser.

Die Platte und der Karton lagen noch an der Tür. Er sah sie beim Gang ins Bad, beim Kaffeeholen und später, als er sich Schuhe anzog. Dreimal derselbe Gegenstand, dreimal derselbe Termin.

Am Nachmittag kam eine Nachricht mit einer Bitte, Samstagvormittag etwas zu erledigen. Chris las sie, sah auf den Kalender und schrieb, dass er erst ab dem frühen Nachmittag könne. Er setzte keine Erklärung dahinter. Der andere Mensch antwortete mit Passt.

Es war weniger kompliziert, als Chris erwartet hatte.

Gegen Abend schrieb Ben: Noch zehn?

Chris antwortete: Ja.

Er legte die Tasche bereit, nahm die Platte von der Tür und steckte sie hinein. Den Karton stellte er daneben. Später ging er noch einmal hin und prüfte, ob beides da war.

Er wusste, wie wenig diese Vorbereitungen bewiesen. Er hatte sie trotzdem nötig.

Am Freitagabend legte er sich früh hin. Die Gruppe würde bis zum Morgen warten.

Samstag, fünf vor zehn

Am Samstag stand Chris um fünf vor zehn vor Bens Haus.

Die Platte steckte in einer Stofftasche. Daneben lagen zwei Brötchen und eine kleine Rolle Klebeband, die er auf dem Weg gekauft hatte. Unter dem anderen Arm hielt er den flachen Karton. Er drückte auf die Klingel.

Oben summte der Türöffner.

Im Treppenhaus roch es nach Kaffee und frischer Farbe. Ben stand in der Wohnungstür, barfuß, ein zerlegter Karton hinter ihm. Er sah auf die Tasche.

„Du bist früh.“

„Fünf Minuten.“

Ben trat zur Seite.

Chris blieb im selben Moment ebenfalls stehen, um ihn vorbeizulassen.

Beide merkten es.

Ben lachte zuerst.

Chris ging hinein.

Ben trat einen Schritt zurück in den Flur. Chris hielt ihm die Tasche hin.

„Erst mal die.“

Ben zog die Platte heraus. Er sah auf die Hülle, drehte sie um und strich mit dem Daumen über eine Stelle am Rand. Die kleine abgestoßene Ecke war schon dagewesen, als er sie Chris geliehen hatte.

„Ich dachte, du hättest sie irgendwann in deine gestellt.“

„Stand beim Schreibtisch.“

Ben nickte. Er ging ins Wohnzimmer und legte die Platte auf einen Stapel, der neben einer offenen Kiste lag.

Chris stellte den Karton an die Wand. Ben entdeckte ihn erst, als er zurückkam.

„Genau den brauch ich.“

Er ging in die Hocke, löste das blaue Band und zog die Seiten auseinander. Der Karton stellte sich zunächst nicht richtig auf. Ben drückte gegen eine Falte. Chris kniete sich neben ihn und hielt die andere Seite fest.

Sie schoben den Boden zusammen. Chris reichte ihm das Klebeband.

Ben nahm es, sah kurz auf die Rolle und lächelte. „Mitgedacht.“

Chris sagte nichts. Er wollte nicht, dass aus der Rolle gleich eine neue Version seiner selbst wurde.

Im Wohnzimmer fehlten die Regale. An den Wänden sah man die alten Konturen. Auf dem Boden standen Bücherstapel und zwei Tassen. Die Boxen waren noch angeschlossen. Zwischen ihnen lag ein zusammengelegtes Bettlaken.

„Kaffee?“, fragte Ben.

Chris nickte. „Hab Brötchen.“

„Gut. Ich hab kaum was da.“

Ben ging in die Küche. Chris blieb im Türrahmen und sah sich um. Die Wohnung kam ihm zugleich vertraut und falsch vor. Die Plätze waren frei, an denen Dinge jahrelang gestanden hatten. Er hätte beim ersten Blick sofort sagen können, was fehlte. Was von den verbliebenen Sachen wohin sollte, wusste er nicht.

Ben kam mit zwei Tassen zurück. Er stellte sie auf die Fensterbank.

„Die Platten müssen in die drei flachen. Bücher in die kleinen. Nichts zu schwer.“

Chris nickte.

„Und die da bitte in der Reihenfolge lassen.“

Ben zeigte auf einen Stapel links neben der Box.

Chris ging in die Hocke. Die erste Platte war eine, die sie früher fast jedes Wochenende gehört hatten. Er hielt sie einen Moment in der Hand.

„Weißt du noch—“

Ben sah ihn an.

Chris legte die Platte in den Karton.

„Später“, sagte er.

Ben lächelte. „Später ist gut.“

Sie packten. Es war keine besonders geschickte Zusammenarbeit. Chris faltete den ersten Karton falsch. Ben ließ ihn noch einmal auseinanderziehen. Eine Bücherkiste wurde zu schwer, und sie nahmen die Hälfte wieder heraus. Unter dem Sofa fanden sie eine Fernbedienung, die Ben seit Monaten gesucht hatte, und eine Gabel, für die keiner eine Erklärung hatte.

Als Chris die Gabel hochhielt, lachte Ben.

„Die ist bestimmt von dir.“

„Womit soll ich die mitgebracht haben?“

„Weiß ich nicht. Du hattest schon ganz andere Sachen dabei.“

Chris legte sie in die Küche.

Gegen halb zwölf klingelte es. Eine Frau kam, um einen kleinen Tisch abzuholen. Ben hatte den Verkauf vergessen und entschuldigte sich. Die Frau blieb freundlich. Sie wohne um die Ecke, habe Zeit und müsse ihn sowieso erst einmal ansehen.

Chris hielt die Wohnzimmertür auf, während sie den Tisch hindurchtrugen. Er musste sich drehen, damit die Kante nicht am Rahmen hängen blieb. Draußen fragte die Frau, ob er das zweite Ende kurz bis zum Hauseingang übernehmen könne.

Er sah zu Ben. Der nickte.

Unten half er ihr, den Tisch auf eine kleine Sackkarre zu stellen. Sie bedankte sich und zog ihn über den Gehweg davon. Chris blieb kurz an der Haustür stehen. Er hätte jetzt sein Telefon ansehen können, Nachrichten beantworten, sich in den nächsten Termin hineinziehen lassen.

Er ging wieder hinauf.

Ben saß auf dem Boden und sortierte Schrauben in einen Gefrierbeutel. Chris setzte sich gegenüber.

„Was als Nächstes?“

Ben zeigte auf das Bettlaken.

„Die Boxen da drin einwickeln. Aber erst Kabel raus.“

Chris kniete sich vor den linken Lautsprecher. Er prüfte den Stecker, löste ihn und rollte das Kabel auf. Ben packte währenddessen die nächste Kiste.

Eine Weile arbeiteten sie ohne Gespräch. Vom Hof kamen Schritte, jemand schüttelte einen Teppich aus. In der Küche sprang der Kühlschrank an. Chris hörte den tiefen Ton und musste an die Lüftung denken.

„Ich wollte dich gestern nicht nur festhalten“, sagte er.

Ben sah auf.

„Aber ich hab's gemacht.“

Ben legte den Schraubenbeutel ab.

„Ja.“

Chris nickte.

„Ich bin heute froh, dass du hier bist“, sagte Ben. „Das heißt trotzdem nicht, dass ich's sofort vergessen hab.“

„Musst du nicht.“

Ben betrachtete ihn einen Moment, dann nahm er die nächste Schraube.

Chris wickelte die Box ins Laken. Er zog den Stoff an der Ecke glatt und fragte, ob so genug Schutz da sei. Ben kam herüber, kontrollierte die Kante und nickte.

Sie trugen das Paket gemeinsam in den Flur.

An der Tür blieb Ben stehen. Chris musste auf seiner Seite etwas höher greifen, damit sie um den Rahmen kamen. Dann setzten sie die Box auf dem Boden ab.

Es gab noch viel zu tun.

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