Der andere Wagen
Der graue Kombi stand auf Karls Platz.
Chris parkte gegenüber. Im Wagen vor ihm saß niemand. Auf dem Rücksitz lag eine Kindersitzerhöhung, daneben eine zusammengefaltete Decke. Kein Kennzeichen aus einer anderen Stadt, keine verdunkelten Scheiben. Wenn sich hier etwas verändert hatte, dann mit einem Fahrzeug, das ebenso gut vor einer Grundschule hätte stehen können.
Die Tür zum Hof war offen. Sonst klemmte ein Keil darunter, den Karl aus dem Griff eines alten Hammers geschnitten hatte. Heute hielt ein Karton mit Mineralwasser sie auf.
Im Flur roch es nach Spülmittel. Hinter der Garderobe fehlten die Jacken, die seit Monaten dort hingen. Chris erkannte den hellen Streifen an der Wand erst, als er nach dem roten Ärmel suchte.
Im hinteren Raum saß eine Frau am Kopfende des Tisches.
Karl hatte diesen Platz nie ausdrücklich beansprucht. Er setzte sich hin, und die anderen setzten sich danach. Auch Chris. Besonders Chris, als er hier noch eine Auftrittsmöglichkeit gebraucht hatte und das Geld für die Anlage nur mit geliehenen Kabeln zusammenbekam.
Die Frau hatte ihren Mantel über die Stuhllehne gelegt. Vor ihr lag ein schmaler Ordner. Kein Laptop, kein zweites Telefon. Karl stand am Fenster und rauchte bei geöffnetem Flügel. Er drückte die Zigarette aus, obwohl kaum die Hälfte heruntergebrannt war.
„Das ist Nora“, sagte er.
Chris wartete auf den Nachnamen.
Nora stand auf und gab ihm die Hand. „Danke, dass Sie kommen konnten.“
„Freitag“, sagte Chris.
Karl schaute zur Tür. Vielleicht hatte er gehofft, jemand würde noch eintreten.
Es kam niemand.
Chris zog den Stuhl heraus, auf dem er gewöhnlich saß. Unter dem Tisch blieb sein Knie an einer Verstrebung hängen. Der Tisch war derselbe, die Stühle standen enger.
„Geht es um das Geld?“, fragte er.
„Auch“, sagte Nora.
Karl holte drei Gläser aus dem Schrank. Das dritte stellte er vor Chris, ohne ihn anzusehen. Früher hätte er gefragt, was er wolle. Heute schenkte er Wasser ein.