Der Auftritt
Der Auftritt fand zwei Wochen später statt, in einem anderen Raum. Hannes hatte die Buchung nach dem Streit nicht fortführen wollen. Tom hatte seinen Beitrag korrigiert und die unbelegten Aussagen entfernt. Ein Teil der alten Wut blieb. Sie brauchten deshalb trotzdem einen neuen Ort.
Nora vermittelte einen Saal mit niedriger Bühne. Weniger Plätze, weniger Technik. Sie konnten ihn für einen Abend nutzen, wenn sie den Raum selbst zurücksetzten.
Chris kontrollierte den Ablauf, dann kontrollierte er ihn noch einmal. Beim Soundcheck sagte Tom: »Wir spielen jetzt.«
Sie spielten.
Beim zweiten Song kam Chris zu spät in die Strophe. Nora hielt den Bass, Tom nahm einen Schlag zurück, und Chris fand hinein. Niemand im Publikum brauchte zu wissen, was dort vorgesehen gewesen war.
Lena stand hinten, nahe der Tür. Sie war gekommen. Das bedeutete nicht, dass ihr Gespräch abgeschlossen war. Sie hatten seit jener Nacht darüber gesprochen, welche Nähe gerade möglich war und welche Fragen offenblieben. Chris wusste nicht alles. Er wusste, dass sie an diesem Abend da sein wollte.
Beim letzten Refrain hörte er seine eigene Stimme über die Gitarren steigen. Er hatte noch Luft. Er blieb bei der Zeile, bis sie zu Ende war.
Die schwere Seite
Danach wurde der Raum schnell leer.
Chris winkte den letzten Leuten vom Bühnenrand zu. Lena musste gehen. Sie küsste ihn kurz, sagte, sie melde sich morgen, und ging zu ihrem Bus. Nora trug den Bass ins Auto.
Tom war nach dem letzten Song nicht zu den anderen vor die Bühne gekommen. Chris hatte ihn dort gesucht, während Gäste ihn ansprachen und Nora ihren Bass einpackte. Er sah ihn erst wieder, als er die leeren Kisten brachte.
»Der Wagen steht hinten«, sagte Tom.
Chris zog den Stecker aus einer Box. Seine Finger ließen sich schlecht strecken. Das Pfeifen in seinen Ohren war deutlich, sobald keiner mehr redete.
Sie rollten die große Kiste zur Treppe. Eine Rolle blieb hängen. Tom griff tiefer, Chris kippte an. Der Ärmel von Toms Pullover hing am Deckel. Er zog ihn los, ohne das Gewicht abzugeben.
Sie trugen die Kiste hinaus. Tom rückwärts, die schwere Seite zuerst. Hinter der Tür stand ein geliehener Transporter, die Rampe bereits unten.
»Wann hast du den geholt?«
»Während du vorne noch geredet hast.«
Chris sah den Wagen an. Drei Wochen zuvor hatte er selbst nicht mehr als eine rote Lampe sehen wollen. Jetzt hatte ein anderer rechtzeitig an etwas gedacht, das nach seinem schönen Abend kommen würde.
Ohne Radio
Nora kam zurück und half mit der letzten Box. Sie verabschiedete sich, als alles festgezurrt war. Armin nahm die übrig gebliebenen Wasserflaschen, weil sie sonst niemand tragen konnte.
Chris setzte sich rechts in den Transporter. Tom schob ihm eine Flasche zu. Chris drehte den Deckel auf, ließ ihn fallen und brauchte einen Moment, ihn zwischen den Füßen wiederzufinden.
Das Radio ging an. Tom schaltete es aus.
Sie fuhren eine Weile schweigend.
»Das war gut«, sagte Tom schließlich.
Chris nickte. Er wollte bereits über den falschen Einsatz sprechen.
»Ja«, sagte er stattdessen.
An der nächsten Ampel schaute Tom zu ihm. »Morgen müssen wir den Wagen bis elf zurückgeben.«
»Ich bin um neun bei dir.«
»Halb zehn reicht.«
Chris nahm einen Schluck Wasser.
»Neun«, sagte er. »Wir laden zuerst dein Schlagzeug aus.«
Tom nickte. Als die Ampel grün wurde, fuhr er ruhig an.
