Zu Hause
Chris war schon im Treppenhaus, als Tom noch etwas sagte.
»Ich wusste damals manchmal nicht, ob du mich noch sehen willst.«
Der Satz kam zwischen zwei Handgriffen. Chris hielt die Tasche, Tom die äußere Tür. Es war keine vorbereitete Aussprache. Vielleicht hatte Tom ihn die ganze Fahrt über mitgenommen.
Chris antwortete zu schnell.
»Wir hatten doch alle viel zu tun.«
Tom nickte. Sein Gesicht schloss sich nicht ganz. Nur ein Stück.
»Ja. Hatten wir.«
Sie verabschiedeten sich.
Oben stellte Chris die Tasche ab. Die Jacke von Tom hing noch am Haken. Er hatte sie beim Konzert wieder vergessen, und Chris hatte sie mit den restlichen Sachen eingepackt.
Unten auf der Straße lachten zwei Menschen. Chris schloss das Fenster.
Er setzte sich auf den Küchenstuhl. Jetzt hörte er nur noch den Satz, den er gesagt hatte.
Wir hatten doch alle viel zu tun.
Er hätte sagen können, dass er Tom vermisst hatte. Dass er auf manchen Bildern lange stehen geblieben war und sich trotzdem nicht gemeldet hatte. Dass er Angst gehabt hatte, beim Wiedersehen nicht mehr derselbe zu sein, der ihm damals so leicht gegenübergesessen hatte.
Jetzt hatte er mehrere gute Antworten. Alle kamen zu spät für die offene Haustür.
Die Schritte
Er nahm das Telefon.
Schrieb einen Satz. Löschte ihn, weil er nach einer großen Erklärung klang. Schrieb einen zweiten, der so knapp war, dass er wieder nur etwas abwehrte.
Chris legte das Telefon hin und öffnete das Fenster.
Die beiden Menschen unten gingen noch immer. Einer wurde schneller, der andere blieb kurz stehen. Eine Tasche raschelte. Chris konnte keine Wörter verstehen und musste auch keine finden.
Am Hauseingang gegenüber fiel eine Tür ins Schloss.
Er wartete auf weitere Schritte.
Nichts.
Im Zimmer lag der Geruch der Bühne noch in seiner Jacke. Warmes Kabel, Staub, sein eigener Schweiß. Er nahm die Tasche hoch und stellte sie auf den Schrank, damit er morgens nicht darübersteigen musste.
Das Telefon blieb auf dem Tisch.
Er schrieb Tom nicht, dass alles anders gemeint gewesen sei. Der Satz war tatsächlich so gewesen. Morgen konnte er einen anderen danebenstellen.
Neun Uhr
Am Morgen war er vor dem Wecker wach. Nicht ausgeruht, aber wach genug. Das Fenster stand noch einen Spalt offen. Draußen stellte jemand eine Mülltonne zurück.
Chris machte Kaffee und schrieb: Ich hab dich gestern abgewürgt. Ich wollte dich wiedersehen. Ich hab mich trotzdem viel zu lange nicht gemeldet. Um neun bin ich da. Deine Jacke bring ich mit.
Tom antwortete erst, als Chris bereits die Schuhe anzog.
Bis gleich.
Kein weiterer Satz.
Chris sah zum Foto im Flur. Der Arm war noch immer zu früh oben. Er nahm Toms Jacke vom Haken, schloss die Wohnungstür mit dem neuen Schlüssel und ging hinunter.
Am Transporter wartete Tom mit zwei Bechern Kaffee. Er reichte Chris einen und öffnete die hinteren Türen.
Die größte Kiste stand quer vor dem Schlagzeug.
Chris stellte seinen Becher auf die Stoßstange. Er ging zur Seite, von der aus sie gleich rückwärts durch den schmalen Zugang mussten, und legte die Hände unter die Griffe.
»Hast du?«, fragte Tom.
»Ja.«
Sie hoben an.
