Der Schlüssel
Am Donnerstag kam Chris zur Bar, um den Schlüssel und die restlichen Sachen abzuholen. Tarek hatte angekündigt, dass Ralf sie am Nachmittag bringen werde. Chris hätte später kommen können. Er hatte sich entschieden, nicht noch einmal jemanden dazwischenzustellen.
Die Vordertür stand offen.
Im Hinterzimmer saßen Ralf, Sven und zwei Bekannte. Marc räumte leere Flaschen von einem Tablett. Seine Uhr war wieder an seinem Handgelenk. Tarek hatte die Miete bezahlt; Marc hatte Sven die hundert Euro zurückgegeben. Das hatte Chris inzwischen erfahren.
Ralf saß auf dem Stuhl, den Chris während der Planung meistens genommen hatte.
»Seine Mutter stand morgens heulend im Flur«, sagte er mit einer dünnen Stimme. »Und er hat getan, als wär er aus dem Krieg gekommen.«
Marc sah zur Tür.
Ralf lachte noch, als Chris hereinkam.
Die Nacht
»Sag weiter«, sagte Chris.
Ralf stellte sein Glas hin.
»Wir haben gerade—«
»Ich hab's gehört.«
Chris blieb an der Tür stehen. Er blockierte sie nicht. Marc konnte an ihm vorbei, und er stellte das Tablett vorne ab. Dann kam er zurück.
»Du hast mir selbst gesagt, ich soll das nicht erzählen«, sagte Ralf.
»Du erzählst es schon.«
Sven sah zur Wand. Einer der Bekannten zog sein Telefon zu sich.
Chris erinnerte sich an die Wache. Nicht mehr an jedes Wort. An einen Automatenkaffee, einen Stuhl mit gelber Sitzfläche, einen Beamten, der nach seiner Adresse gefragt hatte. Ralf hatte ihn nachts angerufen. Er hatte nach einem Streit eine Scheibe eingeschlagen und gewollt, dass Chris ihn abholte, bevor jemand kam.
Chris war hingefahren. Zu spät, um die Polizei zu vermeiden. Er hatte versucht zu beruhigen, hatte selbst laut gestritten, hatte bleiben und Fragen beantworten müssen. Als er irgendwann gehen durfte, war sein Telefon fast leer. Seine Mutter hatte ihn abgeholt.
Ralf hatte Chris gebeten, seine eigene Mutter nicht anzurufen. Chris hatte zugestimmt. Es war seine Entscheidung gewesen. Die hatte er seitdem aus fast jeder eigenen Erzählung herausgehalten.
»Du hast mich angerufen«, sagte Chris. »Nach der Scheibe. Ich bin gekommen. Ich hab mich dort eingemischt und musste bleiben. Meine Mutter hat mich abgeholt. Du wolltest nicht, dass deine es erfährt.«
Ralf sah auf den Tisch.
»Das ist eine einzige Nacht«, sagte Sven.
»Ja«, sagte Chris. »Eine einzige. Ralf erzählt sie seit Jahren.«
Zuhören
Ralf zog den Schlüssel aus der Tasche. Er legte ihn hin, als könne der kleine Gegenstand das Gespräch beenden.
»Ich hab damals Mist gemacht«, sagte er. »Das weiß ich. Aber du tust so, als wärst du nur wegen mir dort gewesen.«
Chris spürte, wie der Satz ihn traf. Darin steckte etwas Wahres. Er hatte gehen können, bevor er lauter geworden war. Er hatte sich eingemischt, weil er wichtig sein wollte, gebraucht, derjenige, der das regelte.
»Ich hab meine eigenen Fehler dort gemacht«, sagte er. »Du kannst sie nennen. Du lässt nur immer weg, warum ich gekommen bin.«
Ralf hob den Blick.
»Und du hast lange mitgelacht.«
»Ja.«
Hinter Chris klapperten Gläser. Tarek war im vorderen Raum, kam aber nicht sofort herein.
»Bei anderen«, sagte Ralf.
»Ja.«
Chris hielt die Hände ruhig. »Das macht deinen Satz über meinen Vater nicht richtig. Und meinen damals über andere auch nicht.«
Einer der Männer am Tisch stand auf. »Ich muss los.«
»Du hast gerade noch gelacht«, sagte Marc.
Der Mann blieb stehen.
Es war das erste Mal, dass Marc an diesem Tisch so sprach.
Ralf drehte sich zu ihm. »Halt du dich da raus.«
Marc nahm den Schlüssel vom Tisch und gab ihn Chris. »Das waren seine Sachen. Dafür war er hier.«
Chris steckte ihn ein.
Ralf begann noch einmal. Leiser. Er entschuldigte sich für das Video, aber nach dem ersten Satz kam bereits die Erklärung, dass es im falschen Chat gelandet sei.
Chris ließ ihn ausreden. Zum ersten Mal musste er keine Antwort finden, die Ralf überzeugte.
»Ich nehme die Kabel noch mit«, sagte er.
