Die Rechnung
Tarek stellte ein Mäppchen auf den Tisch. Die Männer hatten vor Chris' Ankunft gegessen und getrunken. Die Rechnung war offen.
Ralf blickte zu Marc.
»Kannst du das kurz machen? Wir rechnen später.«
Marc hielt noch ein Kabel in der Hand. Chris sah, wie sein Blick automatisch zum Mäppchen ging.
Tarek blieb stehen.
»Was hattest du?«, fragte er Marc.
»Ein Wasser.«
Tarek nannte den Betrag. Marc nahm Münzen aus der Tasche und legte sie neben die Rechnung.
Ralf lachte ohne Freude. »Jetzt auch du.«
Marc wickelte das Kabel zu Ende. Er wusste noch nicht, wohin er mit den Händen sollte. Chris nahm ihm die Rolle ab.
Sven griff nach seiner Jacke. »Ich kann meinen Teil zahlen.«
Die beiden anderen sagten nichts. Einer nahm das Telefon, das er seit Chris' Ankunft nicht mehr geöffnet hatte, und steckte es weg.
Ralf schaute zu Chris.
»Du hast ihn jetzt ja gut auf deine Seite gezogen.«
Chris legte das Kabel in die Tasche.
»Frag ihn selbst.«
Marc sah Ralf an. »Ich will nach Hause.«
Vor der Tür
Sie gingen gemeinsam hinaus. Chris zuerst mit der Tasche, Marc danach. Er hatte keine Jacke dabei. Sie hing noch über einem Stuhl im Hinterzimmer.
Auf dem Gehweg blieb Marc stehen.
»Meine Jacke.«
»Hol sie«, sagte Chris.
Marc sah durch die Scheibe. Ralf sprach bereits wieder. Man konnte nicht hören, was er sagte. Seine Hände bewegten sich über dem Tisch. Tarek stand daneben und wartete auf das Geld.
Marc ging zurück.
Chris stellte die Tasche neben sein Auto. Er wollte keine neue Szene. Er wollte auch nicht so tun, als habe er einen Jungen befreit, der nun ihm gehörte. Marc hatte geholfen, bezahlt, gewartet. Chris hatte das gesehen und viel zu lange für seine Begeisterung gehalten.
Als Marc wiederkam, war die Jacke schon angezogen.
»Kannst du mich heimbringen?«, fragte er.
Chris nickte. »Ja. Wohin?«
Marc nannte eine Straße, die auf der anderen Seite der Stadt lag.
»Ist ein Umweg.«
»Ich hab Zeit.«
Marc sah ihn kurz an. Dann stieg er ein.
Die Fahrt
Im Wagen sagte keiner etwas, bis sie die erste große Kreuzung hinter sich hatten.
»Ich hab wirklich gedacht, das bringt was«, sagte Marc.
»Was?«
»Dabeizusein. Leute kennenzulernen. Ralf wusste immer, wo man hingeht.«
Chris nickte. »Das wusste er auch früher.«
»Hast du deshalb so lange nichts gesagt?«
Die Frage war ruhig. Chris sah auf die Straße.
»Auch. Und weil ich weniger machen musste, wenn du gefahren bist.«
Marc schaute aus dem Fenster.
»Ich hätte dir Benzin geben sollen«, sagte Chris. »Bei den Fahrten, die für uns waren.«
Er wollte sagen, dass er es nachholen würde. Doch zuerst musste er wissen, welche Fahrten es gewesen waren, welchen Anteil er selbst hatte und was längst bezahlt worden war. Eine schnelle Summe würde sich gut anfühlen und könnte wieder an Marc vorbeigehen.
»Schreib mir die Fahrten auf, bei denen ich dabei war. Wenn du das noch zusammenkriegst. Dann gleichen wir meinen Anteil ab.«
Marc nickte.
Chris fügte hinzu: »Die Fahrt jetzt zählt nicht dazu.«
Zum ersten Mal an diesem Abend grinste Marc.
Der nächste Tag
Am Morgen nahm Chris den alten Schlüssel aus der Tasche. Er öffnete damit die Wohnungstür und prüfte, ob Ralf den richtigen zurückgegeben hatte. Dann legte er ihn in die Schublade. Ob es einen weiteren gab, wusste er nicht. Er rief den Schlüsseldienst an und vereinbarte einen Zylinderwechsel für die kommende Woche.
Danach schrieb er dem Veranstalter, der zuerst gefragt hatte. Eine kurze Richtigstellung: Ralf habe verschiedene private Ereignisse vermischt. Chris habe die damalige Nacht beschrieben. Für organisatorische Fragen solle der Mann sich künftig direkt an ihn wenden.
Er veröffentlichte den Brief seiner Mutter nicht. Er machte kein Video aus dem Hinterzimmer. Die Namen der Helfer standen auf der Veranstaltungsseite. Nele hatte das Gruppenfoto eingestellt. Diese Korrekturen waren nötig gewesen. Der Rest brauchte nicht noch mehr Zuschauer.
Ralf schrieb am Nachmittag eine lange Nachricht. Chris sah den Anfang in der Vorschau. Zwanzig Jahre. So lässt man Menschen nicht fallen. Andere hätten sich auch Fehler erlaubt.
Chris öffnete sie erst am Abend.
Er las bis zum Ende.
Dann schrieb er: Unsere Zusammenarbeit ist beendet. Du hast deine Sachen bei Tarek, ich habe meine. Erzähle meine privaten Gespräche nicht weiter.
Er wartete nicht auf die Antwort.
Eine eigene Frage
Am Montag kam Marcs Aufstellung. Sechs Fahrten. Zwei hatte Tarek bereits bezahlt. Bei einer war Chris nicht dabei gewesen. Die anderen drei hatten nach Chris' Proben stattgefunden.
Sie telefonierten, gingen die Liste durch und einigten sich auf seinen Anteil. Chris überwies das Geld.
Danach fragte er Marc, ob er beim nächsten kleinen Auftritt die Technik übernehmen wolle. Er nannte Zeit, Aufgaben und Honorar, bevor er nach einer Zusage fragte.
Marc sagte: »Ich muss schauen. Da könnte ich selbst spielen.«
Chris hatte nicht gewusst, dass Marc Musik machte.
»Was spielst du?«
»Schlagzeug.«
»In einer Band?«
»Seit einem Jahr.«
Chris setzte sich. »Schick mir was, wenn du willst.«
Marc lachte leise. »Ich hab dir vor zwei Monaten einen Link geschickt.«
Chris öffnete den Chat. Zwischen einer Frage nach einem Transport und dem Foto eines Mischpults stand der Link. Darunter: Das sind wir übrigens.
Keine Antwort von ihm.
»Ich sehe ihn«, sagte Chris.
Er legte das Telefon nicht weg. Er öffnete den Link und hörte die Aufnahme bis zum Ende. Danach schrieb er Marc, dass ihm die Stelle gefiel, an der das Schlagzeug nach dem zweiten Refrain allein weiterlief. Keine große Bewertung. Eine Stelle, die er tatsächlich gehört hatte.
Am Abend bekam er eine Nachricht von Tarek. Ralf habe seine Rechnung bezahlt. Nicht ohne Streit, aber bezahlt.
Chris antwortete mit einem kurzen Danke.
Auf dem Tisch lag sein neuer Text. Die erste Seite war fast leer. Er nahm den Stift, las die zwei Zeilen, die dort standen, und strich eine davon.
Das Telefon vibrierte. Er ließ es liegen.
Er schrieb weiter.
