Sieben Minuten
Am nächsten Morgen hatte Ralf den neuen Ausschnitt bereits geteilt. Chris hatte ihn sieben Minuten zuvor hochgeladen.
Ralf schrieb darunter: Gute Idee. Kennt man allerdings schon.
Chris öffnete den Beitrag, schloss ihn, öffnete ihn wieder. Unter dem Kommentar stand ein freundliches Gesicht. Es machte den Satz nicht freundlicher.
Im Chat mit dem Veranstalter tippte er eine Antwort. Damals hatte es eine Nacht auf einer Wache gegeben. Kein Verfahren gegen ihn, keinen berühmten Absturz. Ralf war dabei gewesen. Mehr musste ein Veranstalter zunächst nicht wissen.
Chris schrieb genau das.
Der Mann bedankte sich und wollte bei Gelegenheit telefonieren.
Chris hätte weiterarbeiten können. Stattdessen sah er nach, wem Ralf den Ausschnitt noch gezeigt hatte.
Auf einem anderen Profil fand er ein Foto von einer Veranstaltung. Ralf stand vor dem Bühnenvorhang. Das Bild kannte Chris. Er hatte daneben gestanden, die Hand noch an einem Kabel. Im neuen Ausschnitt war er weg. Ein Stück seines Schuhs blieb am Rand.
Chris suchte das Original in seinen Dateien. Danach ein zweites Foto. Dann ältere Beiträge.
Ralf hatte die Orte behalten, die Menschen aber so zugeschnitten, dass er möglichst allein aussah.
Eine Frage von außen
Mittags rief die Fotografin Nele an. Sie brauchte eine Freigabe für Bilder aus dem kommenden Kulturabend. Chris war für das Musikprogramm zuständig. Ralf wollte die Veranstaltung nach außen betreuen. So hatten sie es verabredet. Nicht schriftlich. Es hatte ihnen selbstverständlich gereicht.
»Ralf sagt, dein Auftritt ist noch unsicher.«
»Warum?«
»Weiß ich nicht. Er meinte, du hättest gerade privat viel.«
Chris sah auf den Bildschirm. Zweiunddreißig Fotos von Ralf, die er in den letzten anderthalb Stunden geöffnet hatte.
»Der Auftritt steht«, sagte er. »Wenn sich daran etwas ändert, sag ich dir Bescheid.«
»Okay.«
»Was genau hat er noch gesagt?«
Nele schwieg einen Moment. »Chris, ich hab nicht mitgeschrieben. Frag ihn.«
Er wollte noch etwas fragen. Stattdessen bedankte er sich.
Nach dem Gespräch blieb das Foto offen. Ralf vor dem Vorhang, ohne Chris.
Er machte einen Screenshot, legte ihn in einen neuen Ordner und bemerkte, dass er noch immer nichts aufgenommen hatte.
Das Mikrofon stand bereit. Der Text war geöffnet. Auf dem Tisch wurde Kaffee kalt.
Chris zog das Fenster mit den Fotos zu. Beim ersten Take musste er dreimal neu anfangen. Ralfs Satz fiel ihm immer wieder ein, an genau der Stelle, an der er Luft holen sollte.
