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Du bist gemeint · KAPITEL 1

Du bist gemeint

Du bist gemeint – Original-Artwork auf SoundCloud

Der junge Mann

Der Kellner brachte das Wechselgeld in einem kleinen schwarzen Mäppchen. Ralf nahm den Fünfziger heraus, hielt ihn gegen das Licht und fragte, ob der Junge heute zum ersten Mal arbeite.

Es fehlten zwei Euro.

Chris hatte die Rechnung gesehen. Ralf auch. Auf dem Bon stand der Betrag, den der Kellner zurückgegeben hatte. Ralf hatte ihm aber laut gesagt, er habe sechzig gegeben, und der Junge hatte den Schein bereits in die Kasse gelegt.

Am Tisch saßen sieben Leute. Einer lachte. Ein anderer blickte zur Seite, als wolle er sich aus dem Blickfeld des Kellners nehmen.

»Ein Fünfziger«, sagte Chris.

Ralf sah ihn an.

»Du hast ihm fünfzig gegeben.«

Der Kellner hielt das Mäppchen noch immer offen. Seine Fingernägel waren bis auf einen kurz geschnitten. Am Daumen hatte er ein Pflaster, dessen Rand sich löste.

Ralf schob die Scheine in die Brieftasche. »Wird man ja noch fragen dürfen.«

Chris sah zum Kellner. »Passt so. Danke.«

Der Junge ging.

»Jetzt spiel hier nicht den Heiligen«, sagte Ralf leise.

Die anderen konnten es hören. Das war vermutlich der Zweck.

Chris nahm sein Glas. Er kannte Ralf seit fast zwanzig Jahren. Sie hatten miteinander Kabel getragen, Beats gehört, Nächte in schlecht geheizten Räumen verbracht. Ralf hatte ihm einmal ein Mikrofon geliehen, bevor Chris sich ein eigenes leisten konnte. Es war eine Geschichte, die Ralf noch immer erzählte. Die Rückgabe kam darin selten vor.

Nach der Rechnung

Vor der Tür stand Marc neben einem grauen Kleinwagen. Er war dreiundzwanzig, vielleicht vierundzwanzig. Chris wusste es nicht genau. Marc half seit einigen Wochen bei den Veranstaltungen mit und brachte Ralf überallhin.

»Ihr habt ja ewig gebraucht«, sagte er.

»Weil drinnen keiner rechnen kann«, sagte Ralf.

Er öffnete die hintere Tür und warf seine Jacke auf den Sitz. Marc machte keine Anstalten einzusteigen. Er hielt den Schlüssel in der Hand und sah auf den Boden.

»Du wolltest noch tanken«, sagte Ralf.

»Ja. Ich hab bloß gerade—«

»Fahren wir zur Tanke. Ist doch kein Problem.«

Chris kannte diesen Ton. Der beruhigende Teil kam zuerst. Der Teil, der dem anderen keine Entscheidung ließ, folgte danach.

Marc schaute zu ihm. Nur kurz.

Chris hätte fragen können, ob etwas fehlte. Er hätte auch sagen können, dass Ralf selbst tanken konnte. Stattdessen hielt er Marc die Hand hin, bedankte sich für die Hilfe am Nachmittag und ging zu seinem Wagen.

Auf dem Heimweg dachte er an den Blick.

Als er zu Hause das Telefon entsperrte, wartete eine Nachricht von einem Veranstalter, mit dem er über einen Auftritt gesprochen hatte.

Kurze Frage, bevor wir weiterplanen: Gab es bei dir damals eine Sache mit Polizei? Ralf meinte, wir sollten das vorher klären.

Chris blieb im Flur stehen. Seine Jacke hing noch an einer Schulter.

In Verbindung bleiben.