Die Fahrt
Am Samstag sollte Chris bei seiner Schwester eine Kiste mit alten Aufnahmen abholen. Sie räumte das Haus der Eltern um. Keine Auflösung, kein endgültiger Abschied. Neue Böden, neue Regale. Trotzdem hatte ihre Nachricht geklungen, als müsse er seine Vergangenheit bis zum Wochenende abholen.
Dani bot an zu fahren.
Chris hatte schlecht geschlafen. Er sagte sofort ja und bereute es an der ersten Kreuzung.
Sie wartete auf eine Lücke. Er sah links, rechts, links. Dani hatte bereits geschaut. Als sie losfuhr, drückte er den rechten Fuß gegen den Boden.
»Was?«, fragte sie.
»Nichts.«
Sie fuhr fünf Stundenkilometer unter dem erlaubten Tempo. Chris suchte trotzdem das nächste Schild. An einer Busbucht hielt er den Atem an. Der Bus stand leer, die Türen offen, der Fahrer rauchte draußen.
Dani stellte das Radio leiser.
»Sag Bescheid, wenn du aussteigen willst.«
»Ich will nicht aussteigen.«
»Dann fahr nicht von da drüben.«
Er sah auf seine Hand am Türgriff.
Die Kiste
Bei seiner Schwester blieb Dani im Wagen und telefonierte. Chris trug die Kiste aus dem Keller. Kabel, drei Kassetten, ein Mikrofon mit eingedrücktem Korb. Unten ein Umschlag mit Fotos.
Mara hatte ihn mit einem Stück Klebeband verschlossen. »Die sortier ich noch. Nimm erst mal mit, was du brauchst.«
Chris zog eine Kassette heraus. Auf dem Aufkleber stand sein Name, so groß, dass die letzten Buchstaben ineinandergeschoben waren.
»Die hab ich Papa vorgespielt«, sagte er.
Mara sah kurz hin. »Kann sein.«
»In der Küche. Mit dem schwarzen Recorder.«
Sie nahm einen Schraubenzieher vom Regal und legte ihn in eine andere Schublade. »Wir hatten einen grauen.«
Chris erinnerte sich an den schwarzen. Deutlich. Er erinnerte sich auch an die braune Tischdecke, an die Winterjacke seines Vaters auf dem Stuhl, an seine eigenen Hände in den Hosentaschen.
»Vielleicht war es der alte«, sagte er.
Mara nickte, ohne zuzustimmen. Sie musste weiterarbeiten.
Auf der Rückfahrt stand die Kiste zwischen seinen Füßen. Chris legte eine Hand darauf, damit sie in der Kurve nicht rutschte. Die andere löste er vom Griff.
Dani fuhr an der gelben Ampel langsamer und hielt an.
Sein Fuß bewegte sich wieder.
Sie sah es. Er sah, dass sie es sah.
Diesmal sagte er: »Ist mein Problem.«
Die Ampel wurde grün. Dani fuhr weiter, ohne ihn zu beruhigen.
