Fünf ungesendete Zeilen
Sie bekamen den Tisch in Lukas’ Küche, aber nicht an den vorgesehenen Platz.
Das Fenster ließ sich nur noch zur Hälfte öffnen. Lukas hatte die Breite der Wand gemessen, nicht den Weg des Fensterflügels. Unter der Platte ragte außerdem das Thermostat gegen ein Bein.
Er stand mit dem Zollstock da und überprüfte seine Zahlen. Sie waren richtig. Das half ihm sichtbar wenig.
„Wir können ihn wieder mitnehmen“, sagte Chris.
Er hörte sich und erschrak. Noch am Sonntag hatte er seiner Mutter das Recht auf eine kleinere Küche erklären wollen. Jetzt reichte ein offenes Fenster, und er bot selbst an, den Tisch woandershin zu tragen.
„Nee“, sagte Lukas. „Ich will den schon.“
Sie drehten ihn. Mit der schmalen Seite zur Wand blieb die Tür frei. Das Fenster auch. Einer musste auf der Seite zum Kühlschrank ein wenig aufpassen. Lukas stellte einen Stuhl hin, setzte sich, stand wieder auf und nickte.
„So.“
Chris machte ein Foto für Erika. Nur den Tisch und den Stuhl. Er fragte Lukas vorher.
Donni ging nach Hause. Chris hatte noch genug Zeit, sich umzuziehen und nach Nürnberg zu fahren. Auf der Strecke vibrierte das Telefon in der Halterung. Er ließ es, bis er geparkt hatte.
Die Nachricht war von Stefan, einem Bekannten, der jede Entscheidung erst dann akzeptierte, wenn jemand anderes damit Geld verdiente.
Oliver hatte offenbar von der Session erzählt. Stefan wusste nun, dass Chris mit alten Bildern arbeiten sollte. Plötzlich doch die große Nostalgienummer, schrieb er. Erst alles eigenständig machen wollen, dann dieselben Tricks wie alle. Dahinter ein lachendes Gesicht, das dem Satz erlauben sollte, im Zweifel nicht ernst gemeint gewesen zu sein.
Chris schrieb eine Antwort.
Es war noch nicht einmal entschieden, ob er überhaupt Fotos benutzen würde. Stefan hatte weder die Tracks gehört noch das Konzept gesehen. Oliver habe nur gefragt. Außerdem habe Stefan früher selbst vorgeschlagen, mehr Persönliches zu zeigen.
Fünf Zeilen. Sauber gebaut. In der letzten stand, dass er sich wenigstens informieren solle, bevor er rede.
Chris betrachtete den Text. Er konnte den weiteren Abend vorhersagen. Stefan würde den einen Satz herausgreifen, an dem Chris am meisten hing. Chris würde einen Screenshot suchen. Am Ende hätten sie beide Material und nichts miteinander geklärt.
Er löschte die Zeilen.
Dann stieg er aus.
Olivers Raum lag über einem Hof. Vor der Tür rauchte eine Frau mit einer Kamera um den Hals. Sie hieß Jule. Sie zeigte ihm, wo er seine Jacke lassen konnte, und fragte, ob er die Bilder mitgebracht habe.
Chris sagte ja. Aus der Tasche holte er die beiden Fotos. Den Einkaufszettel ließ er drin.
Oliver legte sie auf den Tisch im Raum, drehte eins ins Licht und sagte, das sei gut. Sehr gut sogar. Diese Blicke, diese alten Zimmer. Man könne Chris dort aufnehmen, wo alles begonnen habe.
„Die Wohnung ist jetzt leer“, sagte Chris.
„Noch besser. Dann hast du die ganze Veränderung im Bild.“
Jule schaute kurz zu ihm. Sie nahm keines der Fotos in die Hand.
„Was soll meine Mutter dabei machen?“, fragte Chris.
Oliver zuckte die Schultern. Ein oder zwei Sätze. Wie sie damals gedacht habe, dass daraus nichts werde. Und wie sie es heute sehe. Ein schöner Bogen.
Chris legte die Hand flach auf das Foto.
„Hat sie nicht gedacht.“
„War nur ein Beispiel.“
Er hätte jetzt erzählen können, wer ihm tatsächlich geholfen hatte, wer nicht, welche Jahre dazwischenlagen. Er hätte Oliver mit fünfzehn Einzelheiten davon überzeugen können, dass dieser Bogen nicht stimmte.
„Dann nehmen wir ein anderes Beispiel“, sagte er.
Oliver schwieg. Jule schob ihren Kameragurt über die Schulter und setzte sich. Zum ersten Mal hatten sie alle drei denselben Anfangspunkt für das Gespräch.
