Vor dem Club
Auf der Treppe kamen ihnen Menschen entgegen. Chris nahm die Kartons hochkant und machte sich schmal. Ben ging hinter ihm, eine Hand am Geländer.
Oben war die Luft kalt. Das Schild war weg, der Lieferwagen auch. Unter dem Vordach rauchte ein Mann und hielt die Zigarette so weit vom Körper, als gehöre sie jemand anderem.
Jules Auto stand auf der anderen Straßenseite. Sie öffnete die hintere Tür. Chris schob die Kartons hinein und wartete, bis Ben sein Knie zwischen Sitz und Türrahmen sortiert hatte.
„Samstag zehn“, sagte Chris.
Ben sah zu ihm auf.
„Mit Platte“, ergänzte Chris.
„Die kannst du auch behalten.“
Chris schüttelte den Kopf. „Ich bring sie.“
Ben nickte.
Es gab keinen besonders guten Abschiedssatz. Chris stand mit einer Hand an der Tür, und Ben saß bereits im Wagen. Für eine Umarmung hätte einer von ihnen wieder aufstehen müssen.
Chris streckte die Hand hinein. Ben nahm sie und zog ihn ein Stück zu sich. Ihre Schultern trafen sich unbeholfen über dem Türrahmen.
„Fahr vorsichtig“, sagte Chris zu Jule.
„Mach ich.“
Er schloss die Tür.
Das Auto hielt an der nächsten Kreuzung. Chris stand noch da, als es grün wurde. Ben hob hinten kurz die Hand. Dann bog Jule ab.
Er blieb noch einen Augenblick an der Kreuzung. Das Auto war nicht mehr zu sehen. Auf der anderen Straßenseite öffnete ein Mann das Fenster seiner Wohnung, lehnte sich hinaus und sah hinunter. Chris konnte nicht erkennen, ob er sich über den Lärm beschweren wollte oder nur wissen, wer dort stand.
Chris ging ein paar Schritte weiter. Er hätte nach Hause gehen können. Die Richtung stimmte bereits. Seine Jacke hing unten, aber man hätte sie ihm morgen geben können. Es gab mehrere kleine Gründe, nicht mehr in den Club zurückzugehen.
Der wichtigste war, dass Ben weg war.
Chris merkte, wie schnell er den verbleibenden Abend damit abwertete. Als wäre alles, was nicht mehr mit Ben zu tun hatte, bloß ein Nachspiel. Dabei waren Mara, Sina und Tarek noch unten. Menschen, die eigene Gründe hatten zu bleiben, eigene Dinge, die sie an diesem Ort verlieren würden.
Er nahm das Telefon heraus. Bens Kontaktbild zeigte einen Himmel mit einer schiefen Stromleitung. Chris erinnerte sich nicht daran, wann Ben das Foto ausgetauscht hatte.
Er öffnete das Eingabefeld.
Danke, dass wir geredet haben.
Er las den Satz. Er war richtig, und trotzdem machte er das Gespräch schon zu etwas Abgeschlossenem, für das man sich im Nachhinein bedanken konnte.
Chris löschte ihn.
Er schrieb: Samstag 10. Hab die Adresse. Die Platte kommt mit.
Dann hielt er inne. Auch das stand bereits im Kalender und war oben am Auto gesagt worden. Ben saß jetzt wahrscheinlich neben Jule und musste nicht noch eine Bestätigung beantworten.
Chris ließ das Feld leer und steckte das Telefon weg.
Aus der Kellertür kamen drei Menschen. Einer hielt ein eingerolltes Plakat. Die anderen stellten sich links und rechts neben ihn, und für einen Moment sah es aus, als würden sie gemeinsam ein zu großes Kind tragen. Sie lachten und gingen die Straße hinunter.
Chris betrachtete den hellen Abdruck an der Wand. Er versuchte, sich den Schriftzug darauf vorzustellen. Es gelang ihm sofort. Er wusste, dass das irgendwann schwerer werden würde.
Er ging zur Tür. Die Frau vom Einlass saß nicht mehr hinter dem Tisch. Die Lampe war ausgeschaltet, die Kasse weg. Auf dem Tisch lag eine trockene Stempelfläche. Chris hielt kurz die Hand darüber, als ließe sich ein zweiter Abdruck holen.
Dann nahm er sie wieder zurück.
Als er die Treppe hinunterging, kam ihm der Mann vom Schild entgegen. Ohne Leiter, ohne Werkzeug. Er trug nur seine Jacke.
„Fertig?“, fragte Chris.
Der Mann nickte. „Für heute.“
Er ging weiter. Chris ließ ihn vorbei.
Unten blieb er kurz am Flur stehen. Die kleinen Räume waren dieselben. Trotzdem hatte sich mit Bens Weggehen eine Verbindung darin gelöst. Chris konnte noch überall hingehen, aber er wusste nicht mehr automatisch, wo er sich hinstellen würde.
Aus der Fläche kam der Dreierbogen. Er schien keinen Eintritt zu verlangen. Chris nahm den nächsten Schritt und ging hinein.
Chris ging zurück.
Wieder nach unten
Unten kam der Raum in drei Bewegungen auf ihn zu. Die Musik lief in einem Dreierbogen, ungewohnt nach den geraden und gebrochenen Schritten zuvor. Er setzte erst falsch auf, fand die nächste Runde und ließ sich darin mitnehmen.
Mara sah ihn allein zurückkommen.
„Ben weg?“
Er nickte.
Sie berührte seinen Arm, fragte aber nichts weiter.
Chris tanzte neben ihr. Es gab keinen Drang mehr, jemanden zu finden. Für eine Weile ging es nur darum, die Runde zu Ende zu bewegen und die nächste anzufangen.
Er dachte an Samstag. An zehn Uhr. Der Termin war klein, beinahe lächerlich gemessen an der Menge dessen, was er versäumt hatte. Aber er hatte eine Adresse und eine Uhrzeit. Er konnte dort stehen oder fehlen.
Mara gab ihm einen kleinen Schubs, weil er ihr auf den Schuh getreten war.
Er hob entschuldigend beide Hände.
Sie tanzte weiter.
Die Menschen im Raum rückten enger zusammen. Neue Gäste kamen kaum noch. An der Bar waren die Flaschen schon nach Sorten aufgereiht. Jemand nahm ein Kabel von der Wand und rollte es auf, ohne den laufenden Abend zu stören.
Chris folgte dem nächsten Dreierbogen. An seiner Hand trocknete der Stempel zu einem dunklen Rand.
