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VERSTRAHLTENMUSIK · KAPITEL 10

LASS SIE NOCH HÄNGEN

Verstrahltenmusik – Original-Artwork auf SoundCloud

Die Garderobenmarke

An der Garderobe zog Chris die Marke aus der Tasche.

Er musste kurz nach draußen. Luft, ein paar Schritte, vielleicht zur Wohnung. Die Platte holen. Zu Fuß wäre er in fünfundzwanzig Minuten dort, zurück etwas schneller. Er hatte seit dem Nebenraum daran gedacht.

Die Marke lag bereits mit der Nummer nach oben auf dem Brett, als hinter ihm eine Frau sagte: „Bleib noch.“

Chris drehte sich um und nickte.

Sie sah an seiner Schulter vorbei.

Ein Mann hinter ihm hob die Hand. Die Frau schob sich zu ihm, legte den Arm um seine Taille und sagte etwas Weiteres. Chris verstand nur das Wort früh.

Sein Nicken hatte sie nicht gesehen.

Er nahm die Marke zurück.

Der Garderobenmann hielt die Hand über dem Brett. „Die Jacke?“

Chris betrachtete die Zahl. Auf einer Seite war die Plastikoberfläche so glatt gerieben, dass sie im Licht spiegelte.

Er hatte beinahe eine Stunde gebraucht, um Bens Abschied überhaupt zu begreifen. Jetzt wollte er die verbliebene Zeit mit einer Reparatur verbringen, für die Ben heute gar nicht mehr gebeten hatte. Mit einer Platte zurückkommen, die richtige Geste abliefern, sich besser fühlen.

Ben würde inzwischen gegangen sein.

„Lass sie noch hängen“, sagte Chris.

Der Mann nahm schon die nächste Marke entgegen.

Chris steckte seine ein. Er ging an dem Paar vorbei, das noch immer nicht entschieden hatte, ob es bleiben wollte.

Sinas letzter Abend

Er ging zunächst nicht zurück auf die Fläche. Vor der kleinen Lagertür stand Sina. Ein Karton war offen, darin lagen mehrere Bilderrahmen, die zwischen Handtüchern steckten. Sie hob einen heraus, sah auf die Rückseite und schrieb eine Zahl auf das Holz.

Chris blieb stehen.

„Kann ich was tragen?“

Sina legte den Rahmen ab. „Im Moment nicht.“

Er nickte und sah auf das oberste Bild. Es zeigte den Raum, bevor er eingerichtet worden war. Weiße Wände, nackter Beton. Ein Mann stand mit einer Wasserwaage im Licht des einzigen Fensters.

„Ist das der erste Tag?“

„Zweite Woche.“

Chris betrachtete die Aufnahme. Sie enthielt fast nichts von dem, was er mit diesem Ort verband. Und doch stand jemand darin, der schon länger mit ihm zu tun gehabt hatte als er selbst.

„Wer ist das?“

„Mein Vater.“

Sina schob den Rahmen in ein Handtuch.

„Der kommt morgen auch wieder. Regale holen.“

Chris nickte. Er wusste nicht, ob ihr Vater den Club mit aufgebaut oder nur an diesem Tag geholfen hatte. Er hätte aus dem Bild leicht eine ganze Ursprungsgeschichte machen können. Die meisten Einzelheiten darin wären geraten gewesen.

„Ist's schlimm?“, fragte er.

Sina sah auf.

„Heute?“

„Dass hier Schluss ist.“

Sie schob mit dem Fuß einen leeren Karton zur Seite.

„Ja. Und ich bin froh, wenn morgen die Sachen draußen sind.“

Chris sah sie an.

„Ich hab die letzten drei Wochen jede Nacht überlegt, ob ich irgendwas vergessen hab. Die Hälfte der Leute fragt, ob ich traurig bin. Die andere Hälfte fragt, ob sie den Kühlschrank haben kann.“

Er lächelte vorsichtig. Sina tat es nicht.

„Ich bin beides. Traurig. Und jemand, der wissen muss, wer den Kühlschrank abholt.“

Chris nickte.

Sie legte einen beschrifteten Streifen Klebeband auf den Rahmen.

„Wenn du helfen willst: Frag die Leute nachher nicht noch einmal, ob sie wirklich gehen. Ich muss auch irgendwann abschließen.“

„Mach ich.“

Sina hob die kleine Kiste mit den Schrauben von der Fensterbank. „Und sag Ben, die flachen Kartons kann er mitnehmen. Die stehen hinter der Bar.“

Chris nahm die Information mit, ohne sie sofort zu einem Angebot seinerseits zu machen.

Er ging Richtung Fläche. Hinter ihm raschelte das Handtuch. Ein Rahmen wurde auf einen anderen gelegt.

Zum ersten Mal sah er den Abend in Sinas Reihenfolge. Erst die Menschen hinaus, dann die Geräte aus, dann die Dinge, die noch jemand abholen würde. Er hatte bis dahin gedacht, der Club ende mit dem letzten Track. Für sie begann anschließend ein weiterer Teil der Nacht.

Vor der Toilettentür wartete Tarek. Sein Telefon steckte in der Tasche.

„Ben okay?“, fragte er.

„Wir haben geredet.“

Tarek nickte. „War dumm mit dem Filmen.“

„Ich hab's erst gut gefunden.“

„Ich auch.“

Sie standen einen Moment nebeneinander. Tarek sah zur Tür, die noch besetzt war.

„Schick ihm die alten Fotos“, sagte Chris. „Das wollte er.“

„Mach ich morgen. Vom Rechner.“

Chris nickte.

Tarek zog einen kleinen Zettel aus der Hosentasche, auf dem eine Telefonnummer stand. „Sina hat gesagt, ich kann die Lampe aus dem Vorraum haben. Ich muss nur rausfinden, wie ich sie transportiere.“

Chris stellte sich die Lampe in Tareks Wohnung vor. Ihr Licht würde über einem anderen Tisch liegen. Vielleicht würde jemand irgendwann fragen, wo sie herkam, und Tarek würde eine Geschichte erzählen, in der nicht alles vorkam.

„Großes Auto?“, fragte Chris.

„Keins.“

„Ich frag morgen, wenn ich bei Ben bin. Vielleicht lässt sich was verbinden.“

Tarek sah ihn an. „Samstag?“

„Ja.“

„Okay. Sag dann. Aber versprich nichts, bevor du weißt, ob's geht.“

Chris lachte kurz. „Fair.“

Die Toilettentür ging auf. Tarek ließ eine Frau vorbei und verschwand dahinter. Chris ging weiter.

Ben geht

Auf dem Rückweg zur Fläche kam ihm Jule entgegen. Sie hatte ihre Jacke bereits über dem Arm.

„Ich fahr gleich“, sagte sie. „Sagst du Ben Bescheid?“

Chris sah auf die Uhr. Viertel vor vier.

„Du wolltest um vier.“

„Ja. Geht auch. Ist er noch hinten?“

„Ich hol ihn.“

Jule nickte und ging zur Treppe.

Chris fand Ben an der Bar. Sina hatte zwei flache Kartons unter dem Arm. Ben versuchte, sie entgegenzunehmen, ohne sein Glas abzustellen.

Chris nahm das Glas.

„Jule ist gleich so weit.“

Ben nickte. „Dann geh ich.“

Chris stellte das Glas ab. Sina stand inzwischen am anderen Ende der Bar und kassierte eine letzte größere Runde. Ben hielt die Kartons gegen den Bauch. Sie waren flach zusammengelegt und schienen kaum Gewicht zu haben. Chris wusste trotzdem, dass sie nicht nur irgendein Rest vom Abend waren. Ben hatte sie organisiert. Er brauchte sie morgen.

„Ich dachte, wir gehen noch einen Track“, sagte Chris.

Ben sah ihn an.

Chris bemerkte den Satz, kaum dass er draußen war. Nicht das offene Bleib noch, aber dieselbe Richtung.

„Jule wartet“, sagte Ben.

„Ja.“

„Und mein Knie findet den Abend auch gut genug.“

Ben lächelte kurz. Chris erwiderte es, diesmal ohne daraus ein Signal für weiteres Verhandeln zu machen.

„Kann ich Montag zum Bahnhof kommen?“, fragte er.

„Mara fährt.“

„Ich weiß. Zum Tragen.“

Ben verschob die Kartons gegen seine linke Seite.

„Lass uns Samstag gucken, wie viel es ist. Vielleicht reicht ihr Auto.“

Chris nickte. „Dann Samstag.“

Er hatte erwartet, dass ein Hilfsangebot sofort einen Platz für ihn schaffen würde. Ben hatte einen Ablauf und wollte prüfen, was tatsächlich nötig war. Auch das musste Chris aushalten.

„Und Leipzig?“, fragte er. „Wenn ich mal komme. Ist das überhaupt—“

Ben hob eine Hand. „Komm erst mal Samstag.“

Der Satz traf ihn. Er war weder böse noch endgültig. Trotzdem zeigte er ihm, wie weit er den nächsten Schritt schon wieder überspringen wollte.

Chris sah auf die Kartons.

„Okay.“

Ben zog sie höher. Einer knickte an der Ecke leicht nach außen. Chris fing ihn ab, bevor er wegrutschte.

„Danke“, sagte Ben.

Chris hielt das Bündel noch nicht fest. Er wartete, bis Ben es ihm überließ.

Chris wollte noch einmal sagen: Bleib noch. Der Satz war verfügbar, frisch gehört, leicht genug für diese Situation.

„Ich trag die Kartons hoch.“

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