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VERSTRAHLTENMUSIK · KAPITEL 9

LASS DIE LÜFTUNG AN

Verstrahltenmusik – Original-Artwork auf SoundCloud

Die ausgeschaltete Box

Es war gegen drei.

Hier standen ein ausrangiertes Sofa und drei Stühle, die aus verschiedenen Jahren zu stammen schienen. Auf der Fensterbank lag ein Handtuch. Jemand hatte damit Kondenswasser weggewischt und es anschließend sorgfältig gefaltet, als wäre Ordnung auch unter diesen Umständen eine Möglichkeit.

Ben setzte sich. Chris holte Wasser und kam mit einer kleinen Packung Salzstangen zurück. Sina hatte sie ihm in die Hand gedrückt, nachdem er gefragt hatte, ob es noch irgendetwas zu essen gebe.

Sie teilten die Packung.

Die Box über der Tür war aus. Ihre kleine Betriebsleuchte blieb dunkel. Trotzdem hörte Chris eine Melodie.

Er sah hinauf, dann zum Gitter an der Decke.

Die Lüftung lief. In ihrem Geräusch standen mehrere helle Töne. Einer war beinahe zu schwach, um ihn zu verfolgen. Sobald Chris ihn gefunden hatte, hörte er die nächste Antwort dazu.

„Hörst du das?“

Ben lauschte.

„Lüftung.“

„Ja. Aber da drin.“

Ben ließ sich Zeit. Dann nickte er langsam.

Vielleicht hörte er dieselbe Figur. Vielleicht etwas anderes. Chris fragte nicht nach.

An der Tür blieb Sina stehen. Sie hatte einen Müllbeutel in der Hand.

„Ich mach die hier nachher aus.“

Chris hob den Blick. „Lass die Lüftung an.“

„Solange ihr sitzt, bleibt sie an.“

Sie ging weiter.

Ben rieb mit dem Daumen Salz von der Handfläche. Chris hielt ihm das leere Glas hin, damit er es hineinschütteln konnte.

Ein Zimmer in Leipzig

Bevor Chris den Termin ansprach, fragte Ben nach dem Video.

„Hat Tarek es wirklich gelöscht?“

„Ja. Er hat's dir gezeigt.“

„Auch aus den zuletzt gelöschten?“

Chris wusste es nicht.

Er nahm das Telefon heraus, schrieb Tarek die Frage und sah dann zu Ben. „Ich klär's.“

Ben nickte und brach eine Salzstange in zwei Teile.

„Ich will nicht, dass das irgendwo als Abschiedsvideo rumgeht.“

„Versteh ich.“

„Du kennst Jule. Du kennst Mara. Aber in der Gruppe sind auch Leute, mit denen ich eigentlich nur Musik teile. Die müssen nicht gucken können, wie ich heute aussehe.“

Chris hatte denselben Chat bisher als einen Raum betrachtet, in dem die Vertrautheit automatisch allen gehörte. Ben sah einzelne Menschen darin. Menschen mit verschiedenen Rechten an seinem Gesicht und seiner Geschichte.

„Und Leipzig muss auch nicht warten“, sagte Ben.

Chris nickte.

„Ich freu mich drauf. Es ist nicht nur Flucht.“

„Ich hab's so nicht gemeint.“

Ben legte die beiden Stücke nebeneinander auf die Verpackung.

„Ich weiß. Aber so ist es auch nicht.“

Chris betrachtete ihn. In seiner Vorstellung hatte Ben alles verloren und ging deshalb weg. Die Trennung, die Wohnung, jetzt der Club. Er hatte ihn in einen traurigen Abschied gestellt, weil das zu dem Abend passte. Dass Ben etwas wollte, das Chris nicht kannte, war darin kaum vorgekommen.

„Was ist gut da?“, fragte er.

Ben antwortete nicht sofort.

Dann erzählte er von dem Zimmer. Groß genug, um endlich die Boxen richtig aufzustellen. Die Mitbewohnerin machte Keramik, das hatte nichts mit seinem eigenen Zeug zu tun, und er fand es angenehm. Um die Ecke lag eine kleine Halle, in der Menschen Musik hörten, ohne dass gleich jemand einen Auftritt daraus machte.

Er erzählte von einem Spaziergang bei seinem letzten Besuch. Zwei Stunden war er durch die Stadt gelaufen. Niemand hatte ihn erkannt. Niemand hatte gefragt, wie es ihm nach der Trennung gehe. Er hatte sich in ein Café gesetzt und ein Brötchen gegessen, das zu hart gewesen war. Trotzdem erinnerte er sich gern daran.

Chris lächelte.

„Kann ich verstehen.“

„Ich will hier auch nicht alles schlecht finden“, sagte Ben. „Aber ich hab gemerkt, dass ich woanders manchmal nicht erklären muss, wer ich gerade bin.“

Chris hörte die Melodie in der Luft. Sie war leichter zu verfolgen, seit er aufhörte, ständig zur Tür zu schauen.

Sein Telefon vibrierte. Tarek hatte ein kurzes Bildschirmvideo geschickt, in dem er das gelöschte Bild öffnete, die Datei auswählte und endgültig entfernte. Dazu: Sorry. Wollte ihn nicht stressen. Kamera bleibt aus.

Chris zeigte es Ben. Der sah bis zum Ende hin, dann gab er das Telefon zurück.

„Sag ihm danke.“

Chris schrieb es. Er ergänzte: Ich hab den Spruch gemacht. War meine Idee.

Tareks Antwort kam schnell: Alles gut. Ben soll guten Abend haben.

Chris legte das Telefon mit dem Display nach unten auf sein Bein.

Ben nahm die zweite Hälfte der Salzstange.

„Und du?“, fragte er.

„Was?“

„Warum warst du die ganze Zeit weg?“

Chris hätte eine Liste geben können. Arbeit, Projekte, Dinge, die fertig werden mussten. Alles wäre wahr gewesen. Es hätte die schwerere Antwort vermieden.

„Weil ich bei dir auch mal hätte zuhören müssen“, sagte er schließlich.

Ben schaute ihn an.

„Und ich immer dachte, das mach ich, wenn ich mehr Kopf dafür hab.“

„Wann hast du mehr Kopf?“

Chris schüttelte den Kopf.

Ben lehnte sich zurück. Er wirkte nicht zufrieden mit der Antwort. Aber er hatte sie gehört.

Sie saßen noch einen Moment. Dann sprach Chris den Termin an.

Samstag, zehn Uhr

„Samstag“, sagte Chris. „Welche Uhrzeit?“

Ben sah ihn an.

„Wegen Packen.“

„Zehn.“

Chris nahm das Telefon und trug es ein. Adresse darunter. Platte mitnehmen. Er zeigte Ben den Eintrag, dann kam es ihm kindisch vor, einen Kalender als Beweis hochzuhalten.

Ben betrachtete den Bildschirm trotzdem.

„Okay.“

Chris legte das Telefon wieder weg.

„Wenn du nicht kannst, sag’s vorher“, sagte Ben.

„Ich kann.“

Ben nickte, aber er wirkte nicht beruhigt. Chris hatte einen Termin angenommen. Vertrauen musste etwas anderes tun.

Aus dem Hauptraum kam ein kurzer Jubel. Ein Track hatte offenbar eine Stelle erreicht, auf die mehrere Menschen gewartet hatten. Hier blieb das Luftgeräusch unverändert.

„Ich will dir heute nicht alles vorwerfen“, sagte Ben.

„Musst du auch nicht.“

„Es war trotzdem mies.“

Chris sah auf die Salzstangenpackung zwischen ihnen.

„Ja.“

Er hob den Blick wieder.

Ben saß mit dem Rücken im Sofa. Sein Gesicht hatte sich nicht gelöst. Aber er musste den Satz nicht mehr halten.

Sie blieben sitzen, bis die Melodie in der Lüftung wieder an ihrem Anfang war. Chris wusste nicht, ob sie dort wirklich von vorn begann oder ob sein Hören ihr eine Form gab.

Ben nahm die leere Packung mit, als sie aufstanden.

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