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VERSTRAHLTENMUSIK · KAPITEL 8

SCHRITTSCHMELZE

Verstrahltenmusik – Original-Artwork auf SoundCloud

Eine andere Gangart

Die Bewegung änderte sich, ohne dass der Raum langsamer wurde.

Chris hatte eben noch jeden Schlag mitgenommen. Jetzt lag mehr Gewicht auf zwei Punkten. Dazwischen rollten kleine Ereignisse, an denen sich seine Schultern festhielten. Er versuchte für einen Augenblick, den alten Schritt weiterzuführen. Dann ließ er ihn fallen.

Ben tat es sofort. Er war immer schneller darin gewesen, einen Rhythmus anzunehmen, den er noch nicht verstanden hatte. Chris hatte oft zuerst wissen wollen, wo etwas hinführte.

Sie bewegten sich durch die Fläche. Nicht zielstrebig. Menschen öffneten Lücken, andere schlossen sie, und manchmal war ein halber Schritt die ganze mögliche Strecke.

Bei Malik blieben sie hängen. Der Mann lächelte Ben an, sagte etwas, das Chris nicht verstand, und zeigte auf dessen Knie. Ben antwortete mit einer kleinen Handbewegung. Ging schon.

„Ihr kennt euch?“, fragte Chris.

Malik nickte. „Seit heute.“

„Ich hab draußen die Kartons gesehen“, sagte Ben. „Er hat mich gefragt, ob ich Hilfe brauch.“

„Was für Kartons?“

Ben deutete nach oben. „Die, die ich aus dem Lager mitnehmen darf. Sina hat sie aufgehoben.“

Chris sah zwischen den beiden hin und her. Es gab längst einen Ablauf für Bens Abschied. Menschen wussten Dinge, brachten Dinge mit, machten Platz. Chris war zu spät gekommen und hatte bisher nur seinen eigenen Platz darin gesucht.

Malik musste gehen. Er zog ein Telefon aus der Tasche, las eine Nachricht und zeigte mit einem entschuldigenden Nicken nach draußen.

„Hat mich gefreut“, sagte er zu Chris.

Sie gaben sich die Hand. Ben umarmte ihn.

„Schreib, ob alles angekommen ist“, sagte Malik.

Ben nickte.

Chris sah ihm nach. Im Türrahmen machte Malik einer Frau Platz, die gleichzeitig ausweichen wollte. Diesmal blieb er einfach stehen und lachte. Sie ging an ihm vorbei.

Ben schob Chris an der Schulter zurück zur Musik.

Die geraden Schläge kamen wieder. Die frühere Bewegung kam nicht zurück. Chris’ Beine setzten anders auf, obwohl sie dieselben Punkte erreichten.

Er nahm das Telefon heraus. Öffnete den Chat mit Ben. Scrollte nach oben.

Da stand alles.

Die Adresse. Der Montag. Das Knie. Die Frage, ob Chris am Samstag kurz helfen könne. Darunter Chris’ Antwort, die sich auf einen anderen Teil der Nachricht bezog:

Track ist stark. Hör ich später richtig.

Chris sperrte den Bildschirm.

Er konnte die Antwort nicht ungeschehen machen. Er konnte auch nicht zwischen zwei Bassschlägen das letzte halbe Jahr reparieren.

Fünf Minuten Luft

Als er den Bildschirm sperrte, hatte er die Nachricht noch einmal vollständig gelesen. Darin war nichts Rätselhaftes. Ben hatte sogar geschrieben: Brauch dich da wirklich mal, sind ein paar schwere Sachen. Chris hatte drei Tage später geantwortet und nur den Track erwähnt.

Er sah wieder auf. Ben stand nicht mehr direkt neben ihm.

Chris suchte ihn zuerst dort, wo er zuletzt gewesen war. Dann bei Mara. Dann an der Wand. Die Fläche schien sich seit dem Lesen des Chats neu verteilt zu haben.

Er ging zur Theke. Sina zeigte mit dem Kopf Richtung Flur.

„Ben?“

Chris nickte.

„Kurz draußen.“

Er ging zum Treppenaufgang. Dort stand Mara mit ihrer Jacke in der Hand. Sie sah, wohin er wollte, und trat vor die erste Stufe.

„Lass ihm kurz fünf Minuten.“

„Ich will nur fragen, ob alles okay ist.“

Mara blickte ihn an. „Er sagt dann ja.“

Chris hielt inne.

„Hat er sich beschwert?“

Sie schüttelte den Kopf. „Er hat gesagt, er braucht Luft.“

Chris sah zur Treppe. Oben war nur ein schmaler heller Streifen sichtbar.

„Ich hab's heute echt verkackt.“

Mara stellte sich an die Wand. Sie wirkte, als hätte sie selbst etwas vorgehabt und jetzt entschieden, es noch einmal aufzuschieben.

„Das mit dem Video war unnötig.“

„Ich weiß.“

„Aber es geht nicht nur darum.“

„Ich weiß.“

Mara zog die Augenbrauen zusammen. Chris hob die Hand.

„Ich weiß es jetzt“, sagte er. „Vorher nicht.“

Sie nickte langsam.

Chris erzählte ihr, dass er die Nachricht gelesen hatte. Er sagte nicht endlich. Das Wort wäre richtig gewesen und hätte trotzdem wie ein kleiner Triumph geklungen.

Mara hörte zu. Dann steckte sie einen Arm in ihre Jacke.

„Ich muss Montag früh arbeiten“, sagte sie. „Ich kann ihn zum Bahnhof bringen, aber nicht oben mit ausladen. Du hattest gesagt, du könntest eventuell.“

Chris erinnerte sich an ein Gespräch, das bei ihm als noch offene Möglichkeit abgelegt war. Bei Mara hatte daraus jemand einen Ablauf bauen müssen.

„Kann ich“, sagte er.

„Klär's mit ihm. Ich kann das nicht noch einmal für euch verteilen.“

Sie sagte es ohne Schärfe. Das machte die Grenze deutlich.

Chris fragte, ob sie nach Hause ging. Mara schüttelte den Kopf.

„Nur rauchen. Und zehn Minuten kein Mensch, der eine Entscheidung von mir braucht.“

Er ließ sie passieren.

Auf der ersten Stufe drehte sie sich um.

„Und entschuldig dich nicht bei mir dafür, dass du Ben nicht besucht hast. Das hilft ihm nicht.“

Chris nickte.

Als sie weg war, blieb er im Flur. Jemand kam aus der Toilette und machte die Tür hinter sich zu. Ein anderer Mensch suchte mit der Hand nach dem Schalter, fand ihn, ließ es dann doch dunkel.

Chris sah sein Telefon an. Er hätte Ben eine Nachricht schreiben können: Bin unten. Sag Bescheid. Er wollte nicht noch einen kleinen Auftrag in dessen Nacht legen.

Er setzte sich auf die Bank und wartete.

Die Musik erreichte ihn gedämpft. Sein Fuß nahm die neue Unterteilung auf, die er vorhin noch hatte zählen wollen. Neben ihm lag die Serviette vom früheren Gespräch. Chris hob sie auf, ging zum Eimer und warf sie hinein.

Als Ben zurückkam, war Mara noch draußen. Er blieb vor Chris stehen.

„Ich wollte nicht abhauen“, sagte er.

Chris stand auf. „Weiß ich.“

Er hielt inne.

„Ich hab gehofft“, korrigierte er sich.

Ben nickte. Dann zeigte er zum Nebenraum.

„Da ist es leiser.“

Chris ging mit.

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