Unter der Treppe
Sie fanden einen Platz unter der Treppe. Hier war die Musik stumpfer. Die Gespräche darüber zerfielen in einzelne Konsonanten, während unten jede Bewegung hörbar blieb: Schuhe auf Beton, Flaschen im Kasten, das Scharnier einer Tür.
Ben setzte sich auf eine niedrige Bank. Chris blieb zunächst stehen.
„Du musst jetzt kein schlechtes Gewissen herstellen“, sagte Ben.
Chris sah ihn an. „Hab ich schon.“
„Ja. Aber davon bin ich noch nicht besucht worden.“
Chris setzte sich.
Chris saß sehr gerade auf der Bank. Das Holz zwang ihn dazu, oder er suchte die Haltung, weil er wenigstens körperlich nicht ausweichen wollte.
„Es war viel los“, sagte er.
Ben nickte. „Hab ich mitgekriegt.“
„Ich wollte auch nicht immer mit meinem Zeug ankommen.“
„Bist du aber.“
Chris sah ihn an.
Ben hielt das Glas gegen sein Knie. „Das ist nicht schlimm. Dafür sind wir doch da. Aber wenn ich dann was schreibe, brauchst du nicht nur den Link rauspicken.“
Von oben kam ein dumpfer Schlag. Jemand hatte etwas abgesetzt. Chris hörte Schuhe über die Treppe laufen und wartete, bis sie vorbei waren.
„Ich dachte, du willst Ruhe“, sagte er.
Ben atmete aus.
„Ja. Manchmal.“
Das war schwieriger als ein eindeutiges Nein. Chris konnte sich auf eine echte Erinnerung berufen: Ben hatte nach der Trennung tatsächlich gesagt, dass er erst einmal wenig reden wolle. Er hatte damit einen Abend gemeint, vielleicht eine Woche. Chris hatte die Aussage aufbewahrt und später benutzt, ohne erneut zu prüfen, ob sie noch galt.
„Ich hab dich gefragt, ob du kurz vorbeikommen kannst“, sagte Ben. „Das ist eigentlich das Gegenteil von Ruhe.“
Chris nickte.
Am Ende der Bank saß eine Frau, die bislang still auf ihre Hände geschaut hatte. Sie stand auf, zog die Schuhe etwas fester und ging. Unter ihr blieb eine zusammengefaltete Serviette liegen. Chris starrte darauf, bis Ben erneut sprach.
„Ich will auch nicht behaupten, dass ich immer alles richtig mache.“
Chris hob den Kopf.
„Ich hätte anrufen können“, sagte Ben. „Vielleicht hätte ich weniger zwischen die anderen Sachen schreiben sollen. Vielleicht wollte ich auch, dass du's von selbst kapierst.“
Er ließ den Blick zur Tür wandern.
„Aber ich musste mich irgendwann entscheiden, wen ich frage. Ich konnte nicht bis zum nächsten guten Abend warten.“
Chris dachte an seinen Kalender. An Termine, die ohne weiteres zu einer festen Uhrzeit begannen. Er war pünktlich gewesen, wenn jemand anderes ihm eine Struktur gab. Bei Ben hatte er darauf vertraut, dass die Beziehung das fehlende Datum übernahm.
„Hast du noch den Schrank?“, fragte er.
Ben schüttelte den Kopf. „Verkauft.“
„Den aus dem Flur?“
„Auch.“
Chris hatte in seinem Kopf noch dieselbe Wohnung betreten. Der Teppich vor dem Sofa, das Regal, die Tassen im zweiten Fach. Ben erzählte von einem Raum, der bereits auseinandergebaut war.
Chris sah ihn an. „Ich war seit Ostern nicht bei dir.“
„Ende März.“
„Stimmt.“
Ben hatte sich das Datum offenbar merken müssen. Chris nicht.
Er spürte einen Widerstand dagegen, jetzt einfach der Schlechte in dieser Geschichte zu sein. Es gab Jahre, in denen er geholfen hatte. Fahrten, Geld, Nächte, in denen er geblieben war. Er konnte sie aufrufen, eine nach der anderen.
Keine davon beantwortete Bens jüngste Frage.
Er ließ die Liste in seinem Kopf stehen.
„Ich hätte kommen sollen“, sagte er.
Ben nickte. Er wirkte müde, nicht erleichtert.
Sie saßen einen Augenblick ohne Gespräch. Chris hörte in der Musik zwei Linien, die nicht um denselben Platz baten. Vielleicht konnte er Ben erzählen lassen, ohne jeden Satz sofort zu kommentieren. Er musste dafür nur aushalten, dass nicht alles zu seinen Gunsten ausging.
Er rückte die Füße unter die Bank und fragte, was sich in den letzten Wochen verändert hatte.
Ein Paar kam die Treppe herunter, blieb direkt vor ihnen stehen und diskutierte, in welchem Raum jemand wartete. Chris zog die Beine ein. Das Paar ging weiter.
Was in den Nachrichten stand
Ben erzählte, während auf der anderen Seite der Wand zwei musikalische Linien gegeneinander liefen. Eine kurze, hart angesetzte Figur und eine längere, die ihren Raum nicht aufgab. Chris hörte beide, aber er hielt seinen Blick bei Ben.
Die Trennung war früher gekommen als geplant. Die Wohnung war zu groß gewesen und anschließend zu teuer. Ben hatte erst gedacht, er könne bleiben. Dann hatte eine alte Freundin ihm ein Zimmer und einen Kontakt vermittelt. Seit drei Wochen stand fest, wann er fahren würde.
Chris kannte einzelne Teile. Er hatte sie nie zusammengesetzt.
„Ich hab immer gedacht, wir sehen uns hier“, sagte er.
Ben blickte zur Tanzfläche.
„Ich auch.“
Die Bank gab unter ihrem Gewicht etwas nach. Eine Schraube knirschte. Chris bemerkte, dass Ben das rechte Bein leicht entlastete. Er hatte es den ganzen Abend getan.
„Knie?“
„Treppe beim Packen. Nichts Großes.“
Chris nickte. Dann fragte er, welche Etage die neue Wohnung hatte.
Ben antwortete.
Sie redeten eine Weile über Dinge, die keine besonders guten Geschichten abgaben. Fahrkarten. Kartons. Eine Waschmaschine, die verkauft war, aber erst Sonntag abgeholt wurde. Wie sich Bücher in Taschen verteilen ließen, ohne dass die Henkel abrissen.
Zum ersten Mal an diesem Abend wusste Chris anschließend mehr als vorher.
Ben trank das Glas leer und stand auf.
„Ich geh nachher um vier. Jule fährt in meine Richtung.“
Chris sah auf die Uhr. Kurz nach zwei.
„Bleiben wir noch zusammen?“
Ben hielt das leere Glas vor sich.
„Wir sind doch zusammen hier.“
Chris ließ ihn nicht durchgehen.
„Ja. Aber ich meine zusammen.“
Eine eigene Entscheidung
Chris hatte Ben den ganzen Abend über in einer merkwürdigen Zwischenposition gehalten. Einerseits war er der alte Freund, den Chris kaum fragen musste. Andererseits behandelte er ihn wie jemanden, dessen Weggehen man erst heute erfahren hatte. Beides gab Chris die Möglichkeit, überrascht zu sein, ohne genau hinsehen zu müssen.
Er wollte diese Möglichkeit nicht noch einmal benutzen.
„Ich hab gerade die Nachricht gelesen“, sagte er. „Ganz.“
Ben nickte langsam.
„Wegen Samstag klären wir gleich. Aber vorher: Tut mir leid, dass du dreimal fragen musstest.“
Ben sah auf das leere Glas in seiner Hand.
„Zweimal“, sagte er.
Chris schwieg.
„Das dritte Mal war in der Gruppe. Da hab ich euch alle gefragt.“
„Okay.“
Ben sah ihn wieder an. „Du musst es nicht größer machen. Es war so schon genug.“
Chris nickte. Er hätte sich fast mit einer übertriebenen Zahl entschuldigt und dabei noch einmal die tatsächlichen Vorgänge ungenau behandelt. Ben ließ ihm selbst das nicht durchgehen.
„Zweimal“, wiederholte Chris.
„Ja.“
Von der Fläche kam eine neue Figur. Zwei Töne, die sich abwechselten. Ben hörte hin. Chris merkte, wie er ebenfalls zur Musik wollte, wie sein Körper nach dem Sitzen längst wieder in Bewegung war.
„Wir müssen nicht die ganze Nacht darüber reden“, sagte Ben.
„Ich wollte nur nicht wieder so tun, als wär's erledigt.“
Ben lehnte den Rücken gegen die Wand. „Ist es auch nicht.“
Chris sah ihn an.
„Aber ich will heute trotzdem tanzen.“
Chris nickte.
Es war die erste Grenze des Abends, die er verstand, ohne darin eine Zurückweisung zu suchen.
Ben nahm das Glas von der Bank und ging vor.
