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VERSTRAHLTENMUSIK · KAPITEL 1

KNICKSOG

Verstrahltenmusik – Original-Artwork auf SoundCloud

Unter dem fehlenden Schild

Als Chris ankam, wurde gerade das Schild abgenommen.

Zwei Schrauben lagen auf der Fensterbank. Die dritte hielt noch, und der Mann auf der Leiter versuchte, das Gewicht mit dem Unterarm abzufangen. Auf der Straße stand ein Lieferwagen mit offener Hecktür. Jemand hatte eine Wolldecke über die Ladekante gelegt, als müsste der Name des Clubs unbeschädigt nach Hause kommen.

Chris blieb unter dem Vordach stehen. Aus dem Keller kam ein Schlag, dann eine kurze Lücke, dann ein zweiter Schlag, der ihn unerwartet seitlich traf. Er kannte den Raum dahinter. Seine Knie kannten ihn schneller.

„Heute schon?“, fragte er.

Der Mann auf der Leiter zog die letzte Schraube heraus.

„Morgen hab ich den Wagen nicht.“

Damit war die Sache erklärt.

Chris hatte sich auf einen letzten Abend eingestellt, auf ein paar bekannte Gesichter, vielleicht einen Drink. Das Schild hatte in dieser Vorstellung selbstverständlich bis zum Ende über der Tür gehangen. Jetzt sah er den hellen Abdruck darunter. Jahrelanger Regen hatte die Wand um den Schriftzug dunkler gemacht. Der Name blieb lesbar, obwohl der Mann ihn bereits zum Wagen trug.

Er nahm sein Telefon aus der Jacke. Die letzte Nachricht von Ben stand noch oben.

Bin gegen eins da. Bring mir die Platte mit, wenn du kommst.

Darunter Chris’ Antwort:

Klar.

Die Platte stand zu Hause neben dem Schreibtisch.

Er hatte am Nachmittag daran gedacht. Später noch einmal, als er die Schuhe anzog. Dann hatte er die Wohnung verlassen, ohne sie mitzunehmen. Es war kein besonders wertvolles Exemplar. Ben hatte sie ihm geliehen, damit er eine bestimmte Bassfigur hören konnte. Chris hatte den Track längst abgespeichert und die Rückgabe immer wieder verschoben.

Er tippte: Hab sie vergessen.

Löschte es.

Bring sie dir die Tage vorbei.

Auch das löschte er. Ben zog am Montag fort. Die Tage waren bereits weitgehend vergeben.

Im Eingang hielt eine Frau einen Stempel in der Hand und suchte mit dem Fuß nach einer Steckdosenleiste. Die Tischlampe flackerte. Chris streckte ihr den Handrücken hin. Sie erkannte ihn, lächelte kurz und stempelte neben einen alten Kugelschreiberstrich.

„Ben schon unten?“

„Viele schon unten.“

Sie schob ihm die Tür auf.

Die Treppe war schmal, und der Bass machte aus jeder zweiten Stufe eine zusätzliche Entscheidung. Chris steckte das Telefon weg. Noch hatte er nichts vergessen, das sich heute nicht sagen ließ.

Die Treppe nach unten

Auf halber Treppe hielt Chris an, weil von unten jemand ein Flightcase herauftrug. Er presste sich ans Geländer. Die Metallkante schrammte knapp an seiner Jacke vorbei. Hinter dem Mann kam eine Frau mit einem aufgewickelten Kabel über der Schulter. Niemand schien es merkwürdig zu finden, dass der Abbau begonnen hatte, während drinnen noch getanzt wurde.

Chris hatte den ersten Hinweis auf die Schließung für einen vorübergehenden Streit gehalten. Neue Auflagen, alter Mietvertrag, irgendein Eigentümer, der noch einmal rechnen wollte. Als Sina zwei Wochen später das Datum veröffentlichte, hatte er auf Letzte Nacht reagiert, als wäre das der Name einer Veranstaltung. Das Ticket kaufte er erst gestern.

Früher hätte er kein Ticket gebraucht. Nicht, weil er besonders wichtig gewesen wäre. Er war einfach früh genug gekommen, hatte beim Hineintragen von Kisten geholfen und irgendwann Geld in dieselbe Schublade gelegt, aus der er später Wechselgeld nahm. Der Ablauf war ihm vertraut geworden. Dann hatte er andere Dinge zu tun gehabt und die Vertrautheit behalten, ohne den Ablauf noch mitzumachen.

Unten öffnete sich eine Tür. Helleres Licht fiel auf die letzten Stufen. In dem schmalen Streifen sah er eine Frau auf dem Boden knien. Sie beschriftete Klebebandstücke und klebte sie auf Netzteile. Als sie den Kopf hob, erkannte er sie nicht. Er grüßte trotzdem.

Sie nickte und zog die Tür wieder zu.

Chris sah auf die Uhr. Er hatte seine Ankunft für halb zwölf angekündigt. Jetzt war es kurz vor eins. Zwei Dinge waren dazwischengekommen, beide erledigt, beide zu klein, um hier eine Erklärung abzugeben. Er dachte an Bens Nachricht, an das beiläufige wenn du kommst. Früher hätte Ben geschrieben: Wann bist du da? Irgendwann hatte sich die Frage verändert, ohne dass Chris die Änderung bemerkt hatte.

Das letzte gemeinsame Wochenende, an das er sich vollständig erinnerte, lag fast ein Jahr zurück. Sie hatten ein Regal aus Bens alter Wohnung geholt. Der Wagen war zu klein gewesen. Zwei Bretter standen zwischen den Sitzen, und Chris hatte auf jeder Kurve eines festhalten müssen, damit es Ben nicht beim Schalten störte. Danach waren sie hierhergekommen, noch mit Staub an den Ärmeln. Ben hatte die ganze Nacht über gelacht, sobald Chris den linken Arm hob. Auf dem schwarzen Hemd blieb ein grauer Handabdruck sichtbar.

Er konnte die Szene genau sehen. Dass Ben das Regal inzwischen wieder loswerden musste, wusste er nicht.

An der unteren Tür blieb Chris einen Moment stehen. Aus dem Raum kam warmer Geruch: feuchter Stoff, Bier auf Holz, eine scharfe Reinigungsmittelnote aus dem Flur. Er hatte hier schon Nächte verbracht, die sich am Morgen kaum in eine Reihenfolge bringen ließen. Trotzdem wusste er jedes Mal, wo etwas gestanden hatte. Die kurze Bank, das kaputte zweite Schloss der Toilette, der Pfeiler, hinter dem die Höhen dumpfer wurden.

Er dachte, er könne darin auch heute noch seinen Platz finden, ohne etwas fragen zu müssen.

Von hinten kam eine Hand an seine Schulter. Eine Frau wollte vorbei und hielt zwei leere Kisten vor dem Bauch. Chris trat zur Seite. Als sie durch die Tür ging, sah er, dass sie ihre Jacke noch anhatte. Sie war gerade erst angekommen und trug bereits etwas weg.

Er ließ ihr einen halben Schritt Vorsprung und ging hinterher.

Unten nahm ihn die Musik schräg in Empfang. Der Rhythmus schob nach vorn und zog im selben Moment an der Seite. An der Wand stand ein Stapel leerer Getränkekisten. Obenauf lag die kleine Metallplatte mit den Öffnungszeiten.

Chris ging daran vorbei. Er hatte sich vorgenommen, höchstens zwei Stunden zu bleiben.

In Verbindung bleiben.