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FREESTYLE FÜR IMMER · KAPITEL 3

FANTASY GIRL

Fantasy-Girl – Original-Artwork auf SoundCloud

FANTASY GIRL

Die Geschichte

Jede Zeit hatte Menschen, die man besser kannte, als man sie tatsächlich kannte.

Nicht aus Profilen. Aus Blicken.

Chris erinnert sich an Clubs, in denen man wusste, wer normalerweise wo stand. Nicht, weil Plätze reserviert waren. Weil Gewohnheiten irgendwann zu einer Landkarte wurden.

Da war die Ecke an der Bar. Der Bereich vor den Boxen. Der Gang Richtung Garderobe. Der Platz, an dem immer dieselben drei Leute auftauchten, obwohl niemand sich verabredet hatte.

Und dann gab es diese eine Person, die man sofort bemerkte.

Vielleicht hatte man zweimal miteinander gesprochen. Vielleicht nur einmal richtig. Den Rest erledigte der Kopf.

Ein Lied lief, und plötzlich passte es zu ihr.

Beim nächsten Wochenende lief ein anderes, und das passte auch.

Man baute aus fünf Minuten Begegnung eine Geschichte, die länger war als die tatsächliche Bekanntschaft.

Fantasy Girl.

Der Name passt zu etwas, das damals ständig passierte: Aus fünf echten Minuten machte der Kopf fünfzig erfundene.

Chris sieht im Rückspiegel die Lichter eines Autos hinter sich. Für einen Moment erinnern sie ihn an Spiegelkugeln, an farbige Punkte auf Gesichtern, an Räume, die im Hellen wahrscheinlich schrecklich ausgesehen hätten.

Aber im Dunkeln funktionierten sie.

Die Tanzfläche machte Menschen größer.

Man sah jemanden für drei Minuten im Stroboskop und glaubte, sich an jedes Detail zu erinnern.

Jahre später weiß man nicht einmal mehr sicher, welche Haarfarbe wirklich da war und welche die Beleuchtung gemacht hat.

Jahre später bleibt deshalb nicht die Aufnahme der Nacht. Es bleibt die eigene Mischung daraus.

Er sieht den alten Raum beinahe vor sich. Nicht scharf, eher in Ausschnitten. Die Bar war vermutlich kleiner, als sie in der Erinnerung wirkt. Der Boden klebte irgendwann. Jacken lagen dort, wo sie nicht liegen sollten. Wer jemanden suchte, konnte nicht kurz schreiben „wo bist du?“. Man ging einmal um die Tanzfläche, dann zur Bar, dann zur Garderobe, dann wieder zurück. Man verlor Leute wirklich.

Und manchmal fand man dabei jemand anderen.

Vielleicht genau sie.

Nicht mit dramatischem Auftritt. Sie stand einfach da, redete mit jemandem, lachte, verschwand wieder im Licht. Später begegnete man sich am Ausgang. Ein paar Worte. Nichts, was auf Papier eine Liebesgeschichte ergeben hätte.

Aber Erinnerung arbeitet nicht auf Papier.

Auf dem Heimweg reichten fünf Minuten, um daraus Möglichkeiten zu bauen. Beim nächsten Wochenende suchte der Blick automatisch denselben Bereich ab. War sie da, bekam der Abend sofort eine andere Temperatur. War sie nicht da, tat man so, als hätte man ohnehin nicht geschaut.

Das war die eigentliche Fantasy: weniger die Person als alles, was noch hätte passieren können.

Vielleicht liegt darin auch der Grund, warum manche Gesichter bis heute erstaunlich klar geblieben sind. Nicht weil man sie so gut kannte, sondern weil so viel unbeschriebene Fläche da war. Kein täglicher Strom aus Bildern, Meinungen und Kleinigkeiten, der die Vorstellung korrigierte. Ein paar Begegnungen mussten reichen.

Man wusste vielleicht, wie jemand lachte. Welche Jacke oft an der Garderobe hing. Mit wem die Person meistens kam. Welcher Song sie zuverlässig auf die Tanzfläche zog. Das war wenig und fühlte sich trotzdem nach Wissen an.

Chris weiß heute, wie leicht man daraus einen Menschen bauen konnte, den es in dieser Form nie gegeben hat.

Das macht die Erinnerung nicht falsch. Nur menschlich.

In Verbindung bleiben.