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FREESTYLE FÜR IMMER · KAPITEL 4

KEIN ZURÜCK AUF NULL

KEIN ZURÜCK AUF NULL

Die Geschichte

An einer Kreuzung könnte Chris rechts fahren und in wenigen Minuten zu einer Straße kommen, die früher wichtig war.

Er fährt geradeaus.

Nicht aus Angst vor Erinnerungen. Weil er versteht, dass Orte keine Automaten sind. Man wirft keine Vergangenheit ein und bekommt sein altes Leben zurück.

Selbst wenn das Gebäude noch steht, fehlt vielleicht der Laden. Selbst wenn der Laden noch da wäre, fehlten die Leute. Und selbst wenn alle Menschen von damals für eine Nacht zurückkämen, wären sie nicht mehr dieselben.

Er auch nicht.

Das fühlt sich nicht einmal mehr wie Verlust an.

Nostalgie wird oft so erzählt, als müsse man entscheiden: Entweder früher war alles besser oder heute ist alles besser.

Beides ist zu einfach.

Früher war manches großartig, weil es das erste Mal war.

Der erste eigene Schlüssel. Das erste Auto, selbst wenn es kaum ansprang. Der erste Abend, an dem keiner fragte, wann man heimkommt. Die erste Liebe. Der erste richtige Herzbruch. Der erste Song, bei dem man dachte: Genau so muss mein Leben klingen.

Man kann das nicht wiederholen.

Aber man muss es auch nicht kleinreden, nur weil es vorbei ist.

Zurück auf null wäre deshalb keine Rückkehr. Es wäre der Versuch, etwas wiederherzustellen, das gerade deshalb Bedeutung hat, weil es nicht wiederholbar ist.

Es bedeutet: Null existiert nicht mehr.

Alles, was war, fährt mit.

An der nächsten roten Ampel schaut Chris kurz nach rechts. Die Straße dort führt tatsächlich in die Richtung eines alten Treffpunkts. Für einen Moment könnte er abbiegen.

Er tut es nicht.

Er braucht keinen Beweis, dass das Gebäude noch steht. Und erst recht keinen Beweis, dass es verändert wurde. Manche Orte funktionieren besser, wenn man sie nicht gegen die Gegenwart antreten lässt.

Er erinnert sich an sein erstes Auto. Nicht an Marke oder Ausstattung, sondern an Geräusche. Eine Tür, die anders geschlossen werden musste als die anderen. Eine Heizung, die entweder gar nichts tat oder sofort tropische Verhältnisse herstellte. Musik, die wichtiger war als fast alles, was am Fahrzeug tatsächlich funktionierte.

Man fuhr los, weil man fahren konnte. Nicht weil Navigation ein Ziel vorgeschlagen hatte.

Eine Runde wurde zu drei. Aus „kurz raus“ wurde zwei Uhr nachts. Benzin war knapp, Geld meistens auch, aber irgendeiner hatte noch genug für ein Getränk und irgendwer kannte noch einen Ort, an dem vielleicht etwas los war.

Dass diese Version des Lebens vorbei ist, macht sie nicht besser als die heutige. Aber sie war echt. Und sie muss nicht nachgebaut werden, um gültig zu bleiben.

An manchen Wochenenden bestand der Plan aus genau einem Satz: Wir schauen mal. Das konnte heißen, dass man eine Stunde später wieder zu Hause war. Es konnte aber genauso gut bedeuten, dass man morgens an einem Ort stand, den am Abend niemand genannt hatte.

Die Wege dazwischen gehörten dazu. Musik wechseln. Kassette umdrehen. Diskussion darüber, welcher Track jetzt auf keinen Fall überspult werden durfte. Einer wollte lauter, einer leiser, einer schlief hinten bereits ein und behauptete an der nächsten Ampel trotzdem, er sei wach.

Chris erinnert sich an dieses Gefühl von Zeitüberschuss. Nicht, weil tatsächlich unendlich viel Zeit da war. Sondern weil man noch nicht ständig wusste, wie knapp sie einmal wirken würde.

Heute fährt er geradeaus und muss darüber nicht traurig werden.

In Verbindung bleiben.